Homiyu Tesfaye ist Segen und Fluch zugleich. Was von beidem, das liegt im Auge des Betrachters. „Tesfaye zählt zu den besten europäischen Läufern seiner Altersklasse“, sagt etwa Thomas Kurschilgen, der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Andere hingegen bezweifeln Tesfayes Alter, offiziell 20, und unterstellen dem jüngst eingebürgerten Äthiopier Identitätsbetrug. Abseits dieser Diskussion um Einbürgerung und wahres Alter zeigt der Fall jedoch vor allem eines: wie schlecht es in Deutschland um die Mittel- und Langstrecke steht.
Nein, zufrieden sei er nicht. Das sagt Wolfgang Heinig. Seit vergangenem November ist er als Bundestrainer für die Läufer und Geher zuständig, und wenn heute die Weltmeisterschaft in Moskau beginnt, blickt er auf einige – aus deutscher Sicht – leere Startlisten. Über 800 Meter werden keine Deutschen teilnehmen, ebenso wie im Marathon. Auf der Langstrecke halten nur die beiden 32-jährigen Routiniers Arne Gabius, 5 000 Meter, und Sabrina Mockenhaupt, 10 000 Meter, die Fahne hoch. „Viele Jahre sind ins Land gegangen, in denen sehr wenig aus dem Nachwuchs gekommen ist“, sagt Heinig.
Goldmedaillensammler
Die Talente, das belegen die Medaillen bei internationalen Jugendmeisterschaften, sind da. Aber weil es nach der Schulzeit schwer ist, Ausbildung und Leistungssport zu vereinbaren, enden viele Karrieren dort, wo die Arbeit erst richtig beginnen würde. Deshalb ist es für Heinig ein Glücksfall, dass sich vor zwei Jahren ein äthiopischer Flüchtling seiner Trainingsgruppe anschließen wollte. „Er will Außergewöhnliches erreichen“, beschreibt der Trainer die Besonderheit von Tesfaye.
Eine Bedingung hatte Heinig dennoch: „Dass man ihn nicht nur auf ein bestimmtes sportliches Niveau bringt, sondern dass er auch für das Nationalteam infrage kommt“. Er kümmerte sich um die schulische Ausbildung und den Deutschunterricht – zwei wesentliche Voraussetzungen für die Einbürgerung. Eigentlich muss der Antragsteller acht Jahre lang in Deutschland leben, doch bei Sportlern gibt es Ausnahmen.
Dies war für den im Laufbereich dünn besetzten DLV leicht zu belegen. Tesfaye, 2010 als Asylsuchender nach Deutschland gekommen, entwickelte sich bei der LG Eintracht Frankfurt schnell zu einem der besten Nachwuchsläufer des Landes. 2012 gewann er sechs Goldmedaillen bei deutschen Jugendmeisterschaften und zwei bei den Junioren. Prompt echauffierten sich einige über den neuen Konkurrenten. Was es bedeutet in Äthiopien verfolgt zu werden, die Familie zu verlassen und in ein fremdes Land zu gehen, dessen Sprache man nicht versteht, spielte keine Rolle, und Tesfaye tat nichts für die Aufklärung. „Ich rede nicht über die Vergangenheit“, wiederholte er stets.
Ungeschickte Antwort
Nun ist es von einer menschlichen Warte unerheblich, ob jemand 17 Jahre ist oder 20, wenn er flüchtet. Juristisch allerdings nicht – Minderjährige erhalten leichter Asyl – und sportlich eben auch nicht. Der Vorwurf, Tesfaye würde dem heimischen Nachwuchs die Titel wegnehmen, setzte sich fest. Dass Tesfaye bei den diesjährigen Jugendmeisterschaften Liegestützen absolvierte, bis der letzte das Ziel erreichte, verstärkte den Ärger. Vielleicht war die Zurschaustellung der eigenen Stärke eine ungeschickte Antwort auf manche beleidigende Äußerung. Den Bundestrainer störte der große Vorsprung Tesfayes jedoch aus einem anderen Grund. „Das Niveau der anderen ist katastrophal“, sagt Heinig.
Tesfaye darf also am kommenden Mittwoch im Vorlauf über 1 500 Meter das Nationaltrikot tragen, und damit ist er kein Sonderfall. Etwa ein Dutzend der 67 Athleten im deutschen Aufgebot hat Eltern aus anderen Ländern. Ghana, Tansania, Frankreich, Lettland, Tschad. Dass die teils rassistischen Stimmen im Fall Tesfaye trotzdem nicht verstimmen, kann der Bundestrainer nicht verstehen. „Wir haben ihn doch hier entwickelt“, betont Heinig. Bevor er zu ihm wechselte, lief Tesfaye 2011 die 1 500 Meter in 3:46 Minuten, nun in 3:34,76 Minuten. Damit führt er die deutsche Bestenliste an. Auch über 10 000 Meter war er in diesem Jahr der Schnellste – beides bei den Erwachsenen.
Den Platz nimmt Tesfaye dort niemandem weg. Nur Carsten Schlangen hat ebenfalls die Anforderung erfüllt und der Berliner dürfte froh sein, dass er in Moskau nicht mehr den Mittelstrecken-Solisten geben muss. Außerdem: Konkurrenz beflügelt. Heinig sagt: „Ich hoffe, dass Tesfaye für die anderen nicht als Blockade wirkt, sondern als Ansporn.“
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