Hopp, Schwiiz!

Berliner Festival für Schweizer Film geht in die erste Runde

Das Kultur-Event gewährt Einblick in das Schaffen der viersprachigen Bergnation.

Sarah Pepin
4 Min
Auf der Lauer: Moritz Fischer (Emil Steinberger, l.) und Max Bodmer (Walo Lüönd) im Film „Die Schweizermacher“ von 1979.

Auf der Lauer: Moritz Fischer (Emil Steinberger, l.) und Max Bodmer (Walo Lüönd) im Film „Die Schweizermacher“ von 1979.

© Frenetic Film

Auch das erste Berliner Festival für Schweizer Film ist aus einem solchen Gedanken entstanden. Der Schweizer Kuratorin Teresa Vena wurde in den zehn Jahren, in denen sie bereits in Berlin lebt, immer stärker bewusst, wie wenig die Leute um sie herum neben den üblichen Klischees von Raclette, Fondue und Neutralität eigentlich über ihr Heimatland und dessen Kino wissen. Dem wolle sie etwas entgegensetzen, sagt sie.

Die Filme inszenieren Außenseiter

Heraus kam ein eklektisches Programm, das zwölf Spielfilme und sechs Kurzfilme aus den Jahren 1959 bis 2016 umfasst. Zwei Klassiker des Schweizer Kinos werden gezeigt: „Hinter den sieben Gleisen“ von Kurt Früh aus dem Jahr 1959 erzählt die Geschichte von drei Obdachlosen, die in der Nähe eines Bahnhofs in Zürich leben. Als eine Mutter mit ihrem Säugling dort Unterstützung sucht, müssen die Hallodris sich mit ihrem bisherigen Dasein auseinandersetzen und der Frau helfen.


SCHWIIZERTÜTSCH MIT UNTERTITELN

Film: Schweiz. Das erste Festival des Schweizer Films in Berlin

Das Programm stellt nicht nur aktuelle Arbeiten vor, die eher selten ins deutsche Kino gelangen, sondern bietet einen retrospektiven Blick in die Filmgeschichte des Landes. Der älteste Film ist das Kleinbürgerdrama „Hinter sieben Gleisen“ von 1959.

Zur Eröffnung wird die Romanverfilmung: „Der Goalie bin ig“ gezeigt. Goali ist der Spitzname des Lebenskünstlers Ernst, der nach einem Jahr Gefängnis neu anfangen will. Der Film gewann 2016 den Schweizer Filmpreis als bester Spielfilm.

Die meisten Filme sind auf Schwiizertütsch gedreht und untertitelt. 

Das Festival findet vom 18. bis 24. Januar im Kino in der Brotfabrik am Caligariplatz 1 in Weißensee statt.

Karten an der Abendkasse, eine halbe Stunde vor dem Beginn der ersten Vorstellung. Karten können per Telefon unter 030-471 40 01 oder per E-Mail unter karten@brotfabrik-berlin.de reserviert werden. 


Der zweitälteste Film des Programms, „Die Schweizermacher“ aus dem Jahr 1979 von Rolf Lyssy, erforscht die bizarr-lustige Welt der schweizerischen Einbürgerung und nimmt sie satirisch aufs Korn. Eine Komödie über Identität, die an Aktualität auch fast vierzig Jahre später kaum etwas eingebüßt zu haben scheint. „Bei diesem Film war es klar, dass ich ihn zeigen wollte, weil er mich als Kind einer italienischen Migrantenfamilie persönlich sehr geprägt hat. Ich habe mich darin wiedererkannt“, sagt Teresa Vena.

Der rote Faden in der Programmauswahl habe sich aber eher unbewusst ergeben: „Die Filme inszenieren Außenseiter, die sich etwas am Rand der Gesellschaft bewegen. Insofern lehnen die Werke sich gegen das gängige Bild der beschaulichen, zufriedenen und wohlhabenden Schweiz auf.“

Mehr als die Stereotypen der Tourismusbroschüren

Ein herrliches Beispiel dafür liefern die beiden Regisseure Andy Herzog und Mattias Günter, die beim Festival anwesend sein werden, mit ihrer in schwarz-weiß gedrehten Tragikomödie „Wintergast“ aus dem Jahr 2015.

Darin geht es um den Drehbuchautor Stefan Keller, der seit fünf Jahren lediglich zwei Zeilen Exposé für sein nächstes Projekt zustande gebracht hat. Seine Beziehung läuft derweilen durch seine finanziellen Probleme auf ihr Ende zu. Diese Figur dann im Winter durch die Schweiz fahren zu lassen, um leere Jugendherbergen auszutesten, gibt dem wunderbar lethargischen Werk eine höchst skurrile Note. Wie er seinen Zeigefinger über Matratzen und Waschbecken streift und einsam durch verschneite Landschaften fährt, es ist eine universelle Zeitlupenstudie in Midlife-Crisis, eine kluge und empathische Betrachtung über Einsamkeit und das Gefühl, im Leben stecken geblieben zu sein.

Obwohl die Figuren der ausgewählten Filme eher alternative Lebensentwürfe suchen, hat Teresa Vena doch auch den Wunsch, das typische schweizerische Leben zu zeigen. Einen Widerspruch stellt das nicht dar – denn die Schweiz ist für die Kuratorin eben mehr als die Stereotypen der Tourismusbroschüren.

Noch mehr sprachliche Vielfalt

Natürlich drängt sich dabei wie bei allen nationalen Filmografien die Frage auf, ob es denn so etwas wie den schweizerischen Film gibt? Die Antwort klingt ernüchternd. „Einen künstlerischen schweizerischen Blick kann ich nicht erkennen“, sagt die Kuratorin. „Die Themen und Herangehensweisen sind verschiedenartig und individuell.“

Dazu trägt sicherlich eine spezielle Situation in der Schweiz bei: Das Land hat vier offizielle Sprachen. Im Vorwort des Festivalprogramms bezeichnet Racha Osman, Leiterin der Kulturabteilung der Schweizer Botschaft, das als „sprachliche Zersplitterung“. Diese schlägt sich natürlich auch auf das Filmschaffen nieder.

Bei der ersten Ausgabe von „FilmSchweiz“ überwiegt das schweizerdeutsche Spektrum, es werden lediglich ein französisches Werk („Neutre“ von Xavier Ruiz) und ein italienischer Film („Il Nido“ von Klaudia Reynicke) gezeigt. Für die nächste Ausgabe wünscht sich Teresa Vena noch mehr sprachliche Vielfalt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema