WARSCHAU. Ein zwölfjähriges Mädchen in einer Warschauer Schule fällt in Ohnmacht. Als die Schule die alleinerziehende Mutter benachrichtigen will, stellt sich heraus, dass die Frau im Ausland arbeitet. Das Kind musste sich und die beiden jüngeren Brüder zu Hause allein versorgen. "Das Mädchen ist aus Erschöpfung zusammengebrochen", sagt Gabriela Roszkowska von der Stiftung Niemandskinder (Fundacja Dzieci Niczyje) in Warschau. "Ohne diese Krise hätte niemand etwas bemerkt." Das Mädchen aus Warschau ist kein Einzelfall.In Polen gibt es bereits einen Namen für die Kinder, die zurückbleiben, wenn die Eltern zum Geldverdienen ins Ausland gehen. Sie werden Eurosieroty genannt - Eurowaisen. Wie viele es sind, kann niemand sagen. Hunderttausende Polen sind seit dem EU-Beitritt 2004 auf der Suche nach Arbeit ins Ausland gezogen, weil es zu Hause keine Jobs gab. Inzwischen hat sich die Lage auf dem polnischen Arbeitsmarkt zwar verbessert, Fachkräfte werden gesucht und die Arbeitslosenrate ist auf knapp neun Prozent gesunken. Aber von einer großen Rückkehrerwelle ist noch nichts zu spüren.In Polens Vorschulen und Schulen wurden diesen Sommer jedenfalls rund 90 000 Kinder und Jugendliche gezählt, deren Väter oder Mütter im Ausland arbeiten. Diese Zahl präsentierte das Erziehungsministerium im Oktober im Sejm unter Berufung auf Angaben der Schulämter. Beide Eltern seien von über 20 000 dieser Kinder und Jugendlichen zum Geldverdienen fort, hieß es. Experten wie Gabriela Roszkowska schätzen, tatsächlich könnten es doppelt so viele sein. Die weitaus meisten Kinder und Jugendlichen, die ohne Mutter und Vater zurück bleiben, werden von den Großeltern betreut, manche von älteren Geschwistern, einige sind ganz auf sich selbst gestellt.Wie die drei Kinder in einem kleinen Dorf der Region von Szczecin in Nordwestpolen nahe der deutschen Grenze: Zuerst fuhr nur der Vater als Bauarbeiter nach Dänemark, jeweils für ein paar Wochen, erzählt Malgorzata Tredowicz, ehrenamtliche Mitarbeiterin einer Kinderhilfsorganisation der Region. Jetzt reist auch die Mutter immer öfter zum Geldverdienen ins Ausland. Sie arbeitet in deutschen Baumschulen. In der Vorweihnachtszeit wird es dort wieder viel zu tun geben. Wenn die Mutter einen Monat auf Arbeit ist, kommt sie zwischendurch nicht zurück. Das wäre zu teuer. Die drei Kinder, alle noch in der Schule, bleiben allein zu Hause in ihrem Dorf. Der Großvater wohnt zwei Häuser weiter. "Sie machen, was sie wollen, gehen schlafen, wann sie wollen. Besonders gefährlich ist, dass sie zum Heizen selber Feuer anzünden müssen und zum Kochen Gas benutzen", sagt Malgorzata Tredowicz. Die Familien sähen die Gefahren oft gar nicht. "Meist sind es sehr einfache Leute, die zum Geldverdienen ins Ausland fahren, wie diese Eltern, die früher in der Landwirtschaft arbeiteten." In den Dörfern fehlt die Arbeit.Außenstehenden fällt kaum auf, wenn Kinder oder Jugendliche allein leben. "Es gibt keine drastischen Symptome, an denen das zu erkennen ist", erklärt Gabriela Roszkowska von der Stiftung Niemandskinder. "Wenn diese Kinder von den Eltern Geld bekommen, ist ihnen nichts anzusehen. Sie gehen zur Schule, sind gut angezogen." In den meisten Fällen seien es Teenager, die allein zu Hause blieben oder den Großeltern anvertraut würden. "Doch die haben oft nicht genug Kontrolle über diese Kinder, die in einem schwierigen Alter sind."Die Großeltern sind mit der Erziehung schnell überfordert. "Stellen Sie sich einen Gymnasiasten vor, der einen Hormonsturm erlebt", sagt Piotr Bajor von der Stiftung Europäisches Recht (Fundacja Prawo Europejskie) in Warschau. "Die Großmutter kann den Jungen nicht genug schützen vor all dem, was er in diesem Alter anstellen kann." Die Stiftung veröffentlichte dieses Jahr eine Studie zum Thema Eurowaisen mit zahlreichen Beispielen dafür, welche negativen Folgen die Emigration der Eltern "za chlebem" - für Brot - für die Kinder haben kann.Ein Beispiel ist der 17-jährige Lukasz aus Wolomin bei Warschau: Der Vater ging gleich 2004 nach Irland, kam gelegentlich nach Polen zurück, schickte der Familie nur den gesetzlich vorgeschriebenen Unterhalt. Vergangenes Jahr trennten sich Lukaszs Eltern, nachdem der Vater eine zweite Familie in Irland gegründet hatte. Lukasz bekam vom Vater zum Ausgleich ein teures Auto geschenkt. Weil seine schulischen Leistungen nachgelassen haben und wegen zahlreicher Erziehungsprobleme wird der Junge jetzt psychologisch betreut.Rund 110 000 solcher Beispiele von Familien, in denen Kinder unter der Arbeit von Vater, Mutter oder beiden Elternteilen im Ausland leiden, sammelte die Stiftung Europäisches Recht. Dabei handelt es sich nur um Fälle, die den Behörden und Sozialdiensten bereits bekannt waren. "Die Studie betrifft Familien, die vom sozialen Ausschluss und Armut bedroht sind", sagt Bajor. "Familien, die gut situiert und mit Ausbildungsverträgen ins Ausland gefahren sind, haben wir gar nicht erfasst."Die Abwesenheit der Eltern bringt auch formale, aber folgenreiche Komplikationen mit sich. "Oft wird vergessen, eine rechtlich verantwortliche Person für die Kinder zu benennen", berichtet Bajor. Wenn das Kind dann einen Unfall hat, operiert werden muss oder auch nur eine Unterschrift für eine Ferienkolonie braucht, ist niemand da, der dazu berechtigt wäre. Hinzu kommt die psychologische Belastung. Im Nachbarland Litauen hingegen habe man sich des Problems wirklich angenommen, sagt Bajor, "dort wird jedes Kind, dessen Eltern im Ausland arbeiten, psychologisch betreut."Die Behörden reagieren inzwischen. Im ostpolnischen Lublin ist vor kurzem der erste praktische Ratgeber für Eltern verfasst worden, die im Ausland arbeiten und ihre Kinder zu Hause lassen. Im Internet können die Eltern nachlesen, was sie beachten sollten (www.kuratorium.lublin.pl). Vor der Abreise sollten sie auf jeden Fall eine rechtlich verantwortliche Person für die Betreuung der Kinder benennen, empfehlen die Autoren des Ratgebers. Wenn dies nicht geschieht, könne der Familienrichter das elterliche Sorgerecht einschränken oder sogar entziehen. Aus diesem Grund seien in der Region von Lublin bereits 205 Kinder in Ersatzfamilien untergebracht und 13 in Waisenhäusern, berichtete die Zeitung Gazeta Wyborcza vor kurzem.Die Politik entdeckt das ProblemAuch die Politiker in Warschau sind inzwischen alarmiert. "Es ist bereits eine Kriseninterventions-Gruppe geschaffen worden", sagt die Abgeordnete Joanna Fabisiak von der regierenden Bürgerplattform (PO), Vorsitzende des Sejm-Unterausschusses für Jugendfragen. Über eine telefonische Informationslinie sollen Eltern, die im Ausland arbeiten wollen, demnächst kostenlos von Rechtsexperten und Psychologen beraten werden, erläutert die Abgeordnete. Außerdem werde ein Ratgeber herausgegeben. Schließlich sollen die Behörden vor Ort den Kindern helfen, damit sie keine materiellen Probleme haben und beispielsweise ausreichendes und vollwertiges Essen bekommen. Auch Schulungen für Lehrer sind vorgesehen. Denn sie merken am ehesten, wenn mit den Kindern etwas nicht stimmt.Darüber hinaus soll die rechtliche Situation geklärt werden. "Wir sollten den Kindern die Garantie geben, dass sie rechtliche Betreuung erhalten während der Zeit, in der ihre Eltern im Ausland arbeiten. Es muss eine Person geben, die sich dazu verpflichtet, sich um sie zu kümmern", sagt Irena Kowalska, Beraterin des polnischen Ombudsmanns für Kinderrechte. "Diese Person wird verantwortlich sein für den Kontakt mit der Schule, für den Kontakt mit dem Arzt und mit anderen Organisationen."Ein Ersatz für die Eltern ist das natürlich nicht. "Wenn Kinder nicht wenigstens die Unterstützung von einem Elternteil haben, fühlen sie sich außerhalb von Gesellschaft und Familie", warnt die Expertin.------------------------------"Es muss eine Person geben, die sich kümmert."Irena Kowalska, Beraterin des Ombudsmanns für Kinderrechte------------------------------Der EU-ArbeitsmarktEU-Regeln: Polen ist mit Abstand das größte der 2004 aufgenommenen EU-Neumitglieder. Im Prinzip gilt damit Freizügigkeit auf dem EU-Arbeitsmarkt. Einige Länder, z. B. Deutschland und Österreich, haben eine Ausnahmeregelung erwirkt und öffnen ihre Arbeitsmärkte für abhängig Beschäftigte erst 2011. Länder wie Schweden, Irland und Großbritannien haben keine Begrenzungen.Deutschland: Trotz reglementierten Zugangs ist das legale Aufkommen polnischer Arbeitskräfte in Deutschland im EU-Vergleich am höchsten. Starke Ströme gingen zudem nach Irland und Großbritannien - dorthin zogen mehr als eine Viertelmillion vorwiegend junger Polen. Andere Ziele sind Italien und Spanien.Hochqualifizierte: Von der Abwanderung hochqualifizierter Polen profitierte Deutschland kaum. Polnische Arbeitskräfte waren in den vergangenen Jahren überwiegend in Bereichen tätig, die wenig oder keine Qualifikation benötigen - zum Beispiel als Saisonkräfte in der Landwirtschaft.Illegale: Eine Ursache für die starke illegale Beschäftigung (zum Beispiel Putzfrauen) liegt in der großen Nachfrage nach billigen und flexiblen Arbeitskräften.Öffnung: Wenn im Mai 2011 auch Deutschland seinen Arbeitsmarkt vollständig öffnet, wird nicht mit starkem Zustrom aus Polen gerechnet: Mit steigenden Löhnen und dem Wachstum in Polen sinkt das Interesse an Abwanderung. Zum anderen ist das Migrationspotenzial fast ausgeschöpft - und auch die polnische Gesellschaft altert.------------------------------Foto : Ein polnisches Mädchen winkt zum Abschied.
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