„Ist sie die Poetin?“, fragt Friedrich der Große. „Ja! Ihro Majestät! Man nennt mich so!“, antwortet Anna Louisa Karsch. Der Schauplatz ist Schloss Sanssouci. Das Datum der 11. August 1763. Der Große König hat der arm geborenen, von ihrer Mutter als Kuhhirtin auf die Weide geschickten Anna Louisa Karsch, die nun als 40 Jahre alte Frau vor ihm steht, eine Audienz gewährt.
Nicht der siebenfachen Mutter natürlich; nicht der Kuhhirtin aus einem schlesischen Dorf. Nein, wer vor ihm steht, ist eine sprachlich außergewöhnlich begabte Frau, deren Talent zum Stegreifreimen und -dichten sie aus der dörflichen Meierei bis nach Berlin und nun, viele Gedichte später, vor seinen Thron geführt hat.
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„Euch Zierden von Berlin! Und seines Volks Vergnügen, / Die ihr in seiner Mitte blüht! / Lieblingen gleich, die sanft im Schoos der Mutter liegen, / Euch, Bäume! Feyrt mein dankbar Lied“, heißt die erste Strophe in Anna Louisa Karschs Gedicht auf „Die Castanien-Bäume“ im Berliner Lustgarten. Auch die Spree wird besungen: „Ich seh’ des Flusses Gott, wie still mit Wohlgefallen / Sein träufelnd Haupt empor er hält: / Und schaut sie lächelnd Hand in Hand vorüber wallen / Die junge und die schöne Welt.“
Genau hier, im Berliner Lustgarten zwischen Dom und Spree, wo heute Linden anstelle der Kastanien stehen, beginnt der Literaturwissenschaftler und Stadtführer Michael Bienert seine Führung rund um die Texte und Orte der Anna Louisa Karsch, deren 300. Geburtstag am 1. Dezember 2022 begangen wird.
Sofern er begangen wird! Denn natürlich ist Erstaunen darüber angezeigt, dass die in einem kurzen Zeitfenster als „Genie“ gefeierte „Karschin“ der Literaturgeschichte und dem kulturellen Gedächtnis viel umfassender verloren ging als ihre männlichen Zeitgenossen. Wobei einige von ihnen – allen voran der große Literaturmäzen der Aufklärung, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, und der Philosoph und Enzyklopäde Johann Georg Sulzer – sich weitreichend für sie engagiert haben.
Das Alte Museum am Lustgarten
© imago/Chromeorange
Das Gedicht „Die Castanien-Bäume“ gehört zu Karschs „Spazier-Gängen von Berlin“ aus dem Jahre 1761, die auf sogenannten fliegenden Blättern gedruckt und verkauft wurden. „Man stelle sich diese 38-jährige Frau vor, die ganz neu in der Stadt ist und schon nach einem halben Jahr derart erfolgreich“, sagt Michael Bienert. „Das ist mehr als ungewöhnlich.“
In der Nähe der Friedrichsbrücke stehen wir nun unter den Arkaden am Ufer der Museumsinsel, auf dem Weidendamm. Zur Linken der „meist mit Schiffen bestickte Spreestrom“, zur Rechten die Alte Nationalgalerie. „Es ist faszinierend, dass man mit diesen Spaziergängen in der Hand immer noch ein Stück Topografie auffinden kann“, sagt Bienert und weist auf die Stadtlandschaft ringsum.
Der Weidendamm als Ziel– einer der schönsten Spaziergänge durch Berlin
Damals hätte man hier, mitten auf der heutigen Museumsinsel, das Haus und vor allem den Garten von Johann Georg Sulzer sehen können. „Ich bin auf allen Seiten mit Wasser und Bäumen umgeben, und Schwanen kommen in Heerden an meinen Garten“, hatte Sulzer begeistert seine Wohnstätte beschrieben. Der Weidendamm, der damals die Museumsinsel säumte, sei „einer der schönsten öffentlich Spaziergänge, und mit allem bin ich in dem Mittelpuncte der Stadt“.
An diesen „Mittelpunct“ also knüpfte die Karschin an mit ihrem Gedicht – und tatsächlich gehörte sie in diesen Jahren auch selbst eine Weile in den Mittelpunkt des literarischen Berlin. Gleim zog die Fäden, förderte und organisierte, um die Künstlerin des Spontanen zu einer „richtigen Autorin“ zu machen.
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Dass ihre Begabung innerhalb des damaligen Literaturbetriebs so großes Aufsehen erregte, hatte entscheidend mit den geistigen Bewegungen der Zeit zu tun. „Was ist Literatur? Wie entsteht sie? Ist es vielleicht ‚Natur‘, jenseits aller Regeln, die die wahre Kunst hervorbringt?“ Das seien die Fragen gewesen, die den Literaturbetrieb der Zeit bewegten, so Bienert. „Es ist das Genie, so vermutete man, das es schafft, die Regeln außer Kraft zu setzen und etwas hervorzubringen, was mit noch so souveräner Beherrschung der Regeln nicht zu leisten wäre.“ Sie, die Karschin, sei der „lebende Beweis“ für die Richtigkeit der Theorie, so fasste es Johann Georg Sulzer, der ihr ein enger Freund wurde, zusammen.
Es war denn auch Sulzer, der drei Jahre später die Vorrede zur Ausgabe ihrer „Auserlesenen Gedichte“ (1764) schrieb: „Ohne Vorsatz, ohne Kunst und Unterricht sehen wir sie unter den besten Dichtern ihren Platz behaupten. Mit Bewunderung erfahren wir an ihr, wie die Natur durch die Begeisterung würket … Die Lieder, welche ihr am besten gelungen, sind alle in der Hitze der Einbildungskraft geschrieben.“
Friedrich II. (1712–1786)
© Fotothek
Genau hier hatte im Jahr zuvor auch der König in Sanssouci nachgehakt: „Sie hatte, sagt man, niemals Unterweisung? Wer lehrte sie die Regeln? Durch wen wurde sie zur Poetin?“ – „Ich weiß von keinen Regeln! ... Ich beobachte das Metrum nach dem Gehör, und weiß ihm Namen zu geben!“, konterte die Karschin.
Sie wusste dem König Rede und Antwort zu stehen – lebenserfahren, wie sie mit ihren 40 Jahren nach zwei Ehen und sieben Geburten war. Sie wusste einzuschätzen, was ihr wie ein Wunder erscheinen musste: nach der „Dunkelheit und dem Tumult niederdrükender Sorgen“ plötzlich in Berlin zum ersten Mal „zu schmeken, was Leben sey“.
2000 Taler Honorar – zum Überleben im damals schon teuren Berlin
Und so war bald diese „erste deutsche Dichterin, die mit Lyrik ihren Lebensunterhalt bestritt“, wie Bienert sagt, konsequent zu jedem Einsatz bereit. Sie verfasste Auftragsgedichte zu Hochzeiten und Geburtstagen, sie stand zur Verfügung, wenn es galt, einen hohen Gast mit Reimen zu begrüßen, oder wenn sie auf einer Gesellschaft ihr Talent vorführen sollte, aus wenigen vorgegebenen Worten spontan Verse zu zaubern. Zunächst aber bescherten ihr die 1764 erschienenen „Auserlesenen Gedichte“ 2000 Taler Honorar, also eine Art Basisfinanzierung für die kommenden Jahre, wenn auch nicht genug, um davon im teuren Berlin zu leben.
„Sie wurde“, so fasst es Bienert zusammen, „von ihren Gönnern gefördert – aber auch instrumentalisiert.“ Darunter hat die Karschin durchaus gelitten. Doch wie dem entkommen? Es galt ja nun, da sie so weit gekommen war, sich weiter zu beweisen.
Kurze Karriere der Karschin in Berlin – und dann kommt die Häme der Männer
Lessing, der große Dichter der Zeit, nahm Anna Louisa Karsch nicht zur Kenntnis. Karl Wilhelm Ramler, eitler Berliner Dichterfürst, redigierte und lektorierte – und verfälschte, wie man heute weiß – viele ihrer Texte bis zur Unkenntlichkeit.
Einen „klopstokischen Gesang“ werde sie auch durch die größte Übung nicht zustande bringen, konstatierte die Dichterin im Versuch, sich gegen zu hohe Ansprüche abzugrenzen, „meine ganze Philosophie und Gelehrsamkeit ist daß Gefühl“. Mit diesem Talent stand sie einerseits im Zentrum der ästhetischen Diskussion der Zeit – aber fiel auch mit ihr. Die Freunde Sulzer und Gleim hielten ihr die Treue. Moses Mendelssohn, Aufsteiger wie sie, äußerte sich als Literaturkritiker zunächst positiv überrascht, dann scharf und abschätzig über ihre Verse.
Die Literaturentwicklung ging weiter; die Dichter des Sturm und Drang, das Junggenie Goethe horchten auf. Ihr Name bedeutete etwas. Und doch, die große Rolle im Reich von Bildung, Gelehrsamkeit und Literatur, die sie für einen kurzen Moment erobert hatte, war ihr nicht lang gegönnt.
„Hat sie einen Mann?“, fragt bei der Audienz der Große Friedrich. „Ja! Ihro Majestät, aber er ist von Ihren Fahnen entlaufen, irrt in Polen umher, will wieder heyrathen, und bittet mich um die Scheidung, die ich ihm verwillige, denn er versorgt mich nicht!“ Ob sie Kinder habe, eine Tochter? Sei diese schön? Und wo wohne die Dichterin mit ihrer Tochter? „Sehr schlecht! Ich kann kein Haus bekommen in Berlin …“ Wenn er sich ein Bild machen wolle von ihrer Wohnung unter dem Dach, solle er sich eine Kammer in der Bastille zu Paris vorstellen, antwortet die Karschin. Der König fragt weiter, scheint betroffen, sagt ihr seine Unterstützung zu. „Ich will schon sehen, will sorgen für sie!“
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Auf dem Weg zum Hackeschen Markt hatte Michael Bienert auf die seit 2001 so benannte Anna-Louisa-Karsch-Straße hingewiesen, die an der Friedrichsbrücke beginnt. Nun steht man mitten auf dem Hackeschen Markt, mit Blick auf die gemauerten Bögen der S-Bahn, und vor einer kleinen eingefassten Grünfläche, um die herum sich oft Marktstände gruppieren.
Berlin-Forscher und -Forscherinnen wie Bienert und Annett Gröschner, von der im Oktober eine Publikation zu Anna Louisa Karsch erscheinen wird, haben die Archive umgegraben, haben Skizzen und Notizen gegeneinander gehalten, bis für sie feststand: „Hier muss das Haus von Anna Louisa Karsch gestanden haben.“ Hatte der König also sein Wort gehalten, für sie zu sorgen? Nein, hatte er nicht. Erst sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II., der Literatur gegenüber aufgeschlossen, löste 1787 das unerfüllte Versprechen seines Onkels ein.
Eine Gedenktafel für Karsch an der Rückseite der Sophienkirche in Berlin
Aber da war die Karschin dann auch schon Mitte sechzig, und hatte, als das Haus bezugsfertig war, gerade noch zwei Jahre zu leben. Ihr Altersgemälde, wiederum veranlasst vom unermüdlichen Gleim, zeigt eine muntere ältere Frau mit spitzer Nase und hellwachen, heiteren Augen. Die letzte Station des Spazierganges führt aus der Großen Hamburger Straße auf den Friedhof der Sophienkirche und an deren Rückseite: Dort hat der treue Gleim nach ihrem Tod am 12. Oktober 1791 eine Tafel mit Inschrift für sie in Auftrag gegeben und bezahlt: „Kennst du, Wandrer, sie nicht / so lerne sie kennen!“
Er sollte sie übrigens wirklich kennenlernen, der Große Friedrich. Aus der Verantwortung seines Versprechens wollte die Karschin ihn nicht entlassen, sie erinnerte ihn immer mal wieder daran. Woraufhin Friedrich ihr zwei Taler zukommen ließ. Doch Anna Louisa Karsch konterte diese kaum anders als gönnerhaft zu bezeichnende Geste auf unwiderstehliche Weise – natürlich mit einem Vers: „Zwey Thaler gibt kein großer König, / Ein solch Geschenk vergrößert nicht mein Glück, / Nein, es erniedrigt mich ein wenig. / Drum geb ich es zurück.“
Sie war, auch von heute aus betrachtet, ganz und gar nicht von gestern, diese alleinerziehende Dichterin, die mit furchtlosem Spott dem König den Spiegel vorhielt. „Ein echtes Role Model“, sagt Michael Bienert, „eine Vorbildfrau. Niemand hätte sich damals vorstellen können, dass über eine wie sie, die aus der Armut kam und nie eine Schule besuchen durfte, 300 Jahre später noch geredet wird.“
Begabt, unerschrocken, charakterstark – eine Souveränin, die einem König gegenüber die Kategorien von hoch und niedrig mal kurz zurechtrückt.
Am Sonnabend, 2.9., findet von 19–20.30 Uhr im Rahmen von draussenstadt eine letzte Führung „Lektüre der Straßen: Das Aufgeklärte Berlin. Anna Louisa Karschs Spaziergänge“ mit Michael Bienert statt. Treffpunkt: die Granitschale vor dem Alten Museum.
In Michael Bienerts im Oktober erscheinenden Buch „Das aufgeklärte Berlin. Literarische Schauplätze“ wird die Karschin ausführlich gewürdigt. Zeitgleich erscheint von Annett Gröschner „Die Spazier-Gaenge von Berlin. Anna Louisa Karsch (1722–1791)“, beide im Verlag Berlin-Brandenburg.
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