Es gibt zwei Typen von Menschen. Die, die morgens nach dem erstbesten Kleidungsstück greifen, das hoffentlich noch sauber ist, und jene, die stundenlang vorm Spiegel stehen und überlegen, was sie anziehen sollen. Mindestens einmal pro Woche lungere ich morgens vor meinem Kleiderschrank: Geschlagene fünf Minuten stehe ich da und starre mit großen leeren Augen auf Unmengen von Klamotten. Blaue oder schwarze Jeans – warum kommt mir diese kleine Frage vor wie eine große Lebensentscheidung? Ich muss doch heute nicht zum Kanzler, nur zur Schule.
Jugendliche suchen schon immer nach einer eigenen Identität und experimentieren dabei vor allem mit dem Aussehen. Früher war es aber auch wichtig, den Feminismusklassiker „Der Mythos Schönheit“ zu lesen oder Filme von Tarantino zu gucken. Heute reicht es, wenn du einen Rock über eine Baggy-Jeans anziehst und dies mit einem Hemd und Ballerinaschuhen kombinierst.
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Schon immer galt ein bestimmtes Aussehen als erstrebenswert: Könige puderten ihr Gesicht, Hippies ließen ihre Haare lang wachsen und Rock-Fans zogen einen Kajalstrich unter die Augen. Doch seit Social Media unser Sozialleben dominiert, spielt der Look und die Darstellung des eigenen Lifestyles die größte Rolle bei der Wahrnehmung von Personen. Das war früher anders: Das Aussehen stand zwar immer für einen bestimmten Lifestyle, war aber eher das kleine Basilikumblatt auf der großen Mahlzeit. Denn Hobbys, Glaubensrichtungen und Überzeugungen machten die Person aus.
Wie Fußspuren am Strand
Ist es möglich, dass unsere Generation ihr Image ausschließlich auf ihrem Äußeren aufbaut? Früher bei Facebook ging es vor allem um Worte; bei Instagram und BeReal geht es nur um Fotos und Videos, also das Aussehen.
Inzwischen treiben wir fast nur noch auf der Oberfläche. Selbst bei Gesprächen haben viele nur ihren nächsten Gym-Aufenthalt im Kopf, ihre neuen Schuhe oder ihren sonderbaren Kleidungsstil. Statt Spaß am Gespräch zu haben, grübeln sie, ob das Gegenüber sie cool findet.
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Viele Gleichaltrige nehmen ein bestimmtes Aussehen als den ultimativen Beleg für den gesamten Charakter einer Person – als wäre die Farbe meiner Jeans ein Beweis meiner Auffassung von der Welt. Das Nervige daran: Ich erwische mich manchmal selbst dabei.
Das Aussehen ist nicht unwichtig, doch es hinterlässt nicht sehr viel mehr als ein paar Fußspuren am Strand. Denn das, was im Kopf bleibt, ist ein echter Charakter, mit Gedanken und Emotionen.
Ich trage heute übrigens eine dunkelblaue Jeans. Die habe ich mir gestern rausgelegt, denn ich wollte heute Morgen lieber über diesen Text nachdenken.
Amalya Sapir ist 16 Jahre alt und Schülerpraktikantin bei der Berliner Zeitung.
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