Ihre Lohnpolitik wird weltweit beachtet, ihr Einfluss auf die Politik ist beträchtlich, ihr Vorsitzender prägt das Image der Gewerkschaften: Die IG Metall ist die größte und mächtigste Arbeitnehmer-Organisation Europas. Heute hat sie ihren neuen Chef gewählt. Berthold Huber ist abgetreten. Der zierliche Schwabe hat mit seinem nachdenklichen Auftreten Gewerkschaftskritiker besänftigt und dafür gesorgt, dass die IG Metall als pragmatische, vernünftige Organisation gilt. An seine Stelle tritt der bisherige Vize-Chef Detlef Wetzel. Wie tickt der Neue, und was ist von ihm zu erwarten?
Über Jahre lautete ein Vorwurf an die IG Metall: Die Gewerkschaft kümmert sich nur um Facharbeiter, die sowieso einen gut bezahlten Job haben! Das kann man ihr auch dank Wetzel heute nicht mehr vorwerfen. Er hat zäh darum gekämpft, dass prekär Beschäftigte besser bezahlt und behandelt werden, besonders Zeitarbeiter. Er startete eine Leiharbeiter-Kampagne, prangerte die schlechte Bezahlung an, machte der Politik Druck und initiierte betriebliche Aktionen. Mit Erfolg: Zunächst setzte die IG Metall in 1200 Firmen durch, dass Leiharbeiter mehr Geld erhalten, dann erzielte sie einen Tarifabschluss für die kleine Stahlindustrie und schließlich auch für die große Metall- und Elektroindustrie. Seit einem Jahr erhalten Zeitkräfte, die dort arbeiten, Branchenzuschläge, die nach neun Monaten auf 50 Prozent ihrer Grundvergütung steigen.
Deftige Formulierungen
Die Metall-Arbeitgeber zollen Wetzel für diese Erfolge Respekt: „Er ist ein hervorragender Organisator mit großer Kampagnenerfahrung“, sagt Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger, und schiebt dann doch eine spitze Bemerkung hinterher: „Das war schon beeindruckend, wie er die Zeitarbeit in der Metall- und Elektroindustrie zum Thema gemacht hat, obwohl die größten Probleme in ganz anderen Branchen lagen.“ Darüber lässt sich streiten. Ein Großteil der Leiharbeiter ist in der Produktion – und damit in der Industrie – im Einsatz.
Wetzel wird weitermachen, prekäre Beschäftigung bleibt ein Top-Thema. Derzeit kämpft die IG Metall gegen Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen durch Werkverträge. „Es kann nicht angehen, dass die Metall- und Elektroindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit über niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen sichert“, sagte Wetzel der Berliner Zeitung. Seine Gewerkschaft hat Betriebsräte befragt und schätzt, dass in Deutschlands Vorzeige-Branche rund eine Millionen Leiharbeiter und Werkvertrag-Arbeitnehmer tätig sind.
Damit seien nicht Handwerker gemeint, die über einen Werkvertrag Büros renovieren, so Wetzel. Vielmehr gehe es um Tätigkeiten, die ausgelagert wurden, um Personalkosten zu sparen und Jobs ohne Einschränkung auf- und abbauen zu können: etwa die Vormontage von Autoteilen, die Wartung von Maschinen oder Ingenieurs-Dienstleistungen. Den Vorwurf der Unternehmer, das sei Schwarzmalerei, kontert er: „Die deutschen Arbeitgeber wollen sich ihr Geschäftsmodell nicht kaputt machen lassen, jederzeit gut bezahlte durch schlecht bezahlte Arbeit ersetzen zu können.“
Wetzel geht die Arbeitgeber schon mal scharf an, er formuliert deftiger als Huber. Doch trotz aller starken Worte – die Lohnpolitik der IG Metall ist moderater als es scheint. So sind die Tariflöhne der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie seit der Jahrtausendwende pro Jahr im Schnitt um 2,6 Prozent gestiegen. Zwar liegen die Tarifabschlüsse oft über drei Prozent. Doch die Tarifverträge laufen meist länger als ein Jahr, was die jährliche Steigerung senkt. An diesem moderaten Kurs dürfte die Gewerkschaft festhalten.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de