Ein Spaziergang wird das nicht. Da mag das Wahlergebnis von 86,7 Prozent, mit dem Michaela Rosenberger am Dienstag zur Vorsitzenden der IG Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) gewählt wurde, noch so überzeugend sein: Die 53-Jährige weiß um die großen Aufgaben, die sie auf dem Chefsessel der ältesten Gewerkschaft Deutschlands in den kommenden Jahren wird bearbeiten müssen. „Ich habe großen Respekt, vor dem, was vor mir liegt, aber auch vor dem, was war“, sagte Rosenberger der Berliner Zeitung unmittelbar vor Beginn des NGG-Gewerkschaftstages in Berlin.
Das was war, trägt den Namen Franz-Josef Möllenberg, der 21 Jahre lang an der Spitze der NGG stand und damit länger amtierte, als jeder andere Vorsitzende einer DGB-Gewerkschaft. Einen wie Möllenberg abzulösen bedeutet, ob man nun will oder nicht, eben auch eine Ära zu beenden: „Für mich als Nachfolgerin ist das nicht leicht. Aber es ist auch spannend.“ Allzu lange möchte Rosenberger sich mit der Vergangenheit nicht aufhalten, das ist ihr anzumerken.
Natürlich sollen Themen, die bisher von Bedeutung waren, auch künftig eine zentrale Rolle spielen: Es werde weiter um die Stärkung der Tarifpolitik gehen und um die Stabilisierung der Mitgliederzahlen und um einen gesetzlichen Mindestlohn. Wobei letzterer Punkt in den schwarz-roten Koalitionsverhandlungen absehbar gelöst werden dürfte, zur Zufriedenheit der NGG-Chefin. Zwar gehen mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro gewiss Jobs verloren, glaubt die NGG-Chefin. Solchen Jobs müsse aber niemand nachtrauern. „Geschäftsmodelle, die auf Ausbeutung basieren, sind nicht schützenswert“, findet Rosenberger. Zumal im Gastgewerbe Personalmangel herrsche, offene Stellen also vorhanden seien.
Gleiche Bezahlung für Frauen
Wie beim Thema Mindestlohn scheinen auch die Bereiche Tarifpolitik und Mitgliederentwicklung auf gutem Wege: Nach kräftigem Aderlass, der die NGG von 400000 Mitgliedern 1991 auf 200000 im Jahr 2011 schrumpfen ließ, verzeichnet die Gewerkschaft seither wieder Zugewinne und wird zum Jahreswechsel rund 208 000 Mitglieder zählen.
„Gerade weil im Gastgewerbe Niedriglöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse so verbreitet sind, erkennen Beschäftigte, wie wichtig es ist, die NGG an ihrer Seite zu haben“, sagt Rosenberger, die seit 2003 als NGG-Vize für das Hotel- und Gaststättengewerbe zuständig war. Besonders öffentlichkeitswirksam sind Auseinandersetzungen, die die NGG mit prominenten Arbeitgebern ausficht wie derzeit mit der Burger King GmbH, der die NGG zahlreiche Verstöße gegen das Betriebsverfassungsgesetz vorwirft. Insofern sind die Desperado-Methoden bekannter Unternehmen kostenlose Werbung für die NGG.
Eng mit dem Kampf gegen betriebliche Missstände verknüpft ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt, dem Rosenberger sich verpflichtet fühlt: „Wir brauchen einen umfassenden gesetzlichen Schutz für Beschäftigte, die Gesetzesbrüche ihrer Arbeitgeber an die Öffentlichkeit tragen.“ Und bessere Informationen für Verbraucher über die Herkunft verarbeiteter Lebensmittel als Reaktion auf die zahlreichen Skandale der Vergangenheit. „Jede Pferdefleisch-Lasagne schadet dem Ruf der gesamten Branche und gefährdet mittelbar auch Arbeitsplätze.“
Ein besonderes Augenmerk will Rosenberger auf die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen richten. Denn in den Bereichen, in denen besonders viele Frauen tätig seien, lägen die tariflichen Einstiegslöhne besonders niedrig. Daran etwas zu ändern, „das wird ein ganz dickes Brett“.
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