Präsidenten und Nobelpreisträger haben hier ihre Häupter gebettet. Ein illegal eingewandertes Mädchen mit olivfarbener Haut hatten die Gründer von Harvard wohl eher nicht im Sinn, als sie vor fast 400 Jahren den Grundstein legten. Wie hat Sonia es trotzdem hierher geschafft? Die junge Frau zuckt mit den Schultern und lächelt leise. „Die Leute denken oft, dass ich mutig bin“, sagt sie. „Dabei mache ich die meisten Sachen nur, weil ich gar keine andere Möglichkeit habe.“
Sonias Geschichte als illegale Einwanderin beginnt, als sie noch ein Baby ist. Damals ziehen Sonias Eltern aus Mexiko City in die USA, Sonia wächst in einem überwiegend weißen Stadtteil von Milwaukee im Mittleren Westen auf. Ihre Eltern opfern sich auf für das bessere Leben in Amerika, für den amerikanischen Traum. Arbeite hart, dann kannst du alles schaffen, so lautet ihr Credo.
Ein Nachmittag, der alles verändert
Ihr Vater fährt für eine Fast-Food-Kette bis spät in die Nacht Essen aus. Ihre Mutter arbeitet als Babysitter. Als älteste Tochter muss Sonia früh Verantwortung übernehmen. Sie passt nach dem Unterricht auf ihren kleinen Bruder auf und dolmetscht im Alltag für die Eltern, die kaum Englisch sprechen. Sie ist eine Einserschülerin, und sie hat nie Zweifel daran, dass sie später studieren und sich ein besseres Leben aufbauen wird. Bis zu jenem Nachmittag, der alles verändert.
Sonia ist da gerade 18 geworden, und ihr Vater nimmt sie zur Seite. „Du hast keine Papiere“, eröffnet er ihr. Genau wie der Rest der Familie sei sie illegal im Land. Den Nebenjob, für den sie sich bewerben will, solle sie sich daher aus dem Kopf schlagen. Sonia kann nicht glauben, was sie da hört. Sie will an der Supermarktkasse bloß ein paar Dollar dazuverdienen. Ein bisschen Rechnen, mehr braucht man dafür doch nicht. Trotzig bringt sie ihre Bewerbung zum Supermarkt, zeigt dem Manager ihre hervorragenden Mathenoten. Sie habe keine Papiere, aber werde ganz besonders hart arbeiten, versichert sie ihm. Der Manager mustert sie mitleidig. Kopfschütteln. Den Job hier könne sie vergessen, solchen Ärger könne er nicht gebrauchen. Goodbye.
Die USA, aufgebaut von Generationen von Einwanderern, tun sich schwer mit denen, die heute ein besseres Leben in Amerika suchen. Das Versprechen, arbeite hart, dann wirst du es schaffen, gilt für die, deren Vorfahren aus Italien, Irland und Deutschland stammen. Für jemanden wie Sonia gilt dieses Versprechen nicht.
Das wird ihr schmerzhaft bewusst, als sie an jenem Nachmittag aus dem Supermarkt taumelt. Sie fängt an zu rennen, will einfach nur weg. Weg von dieser Welt, weg von ihrer Zukunft, weg von sich selbst. „Ich wusste, dass meine Hautfarbe dunkler war als die meiner Mitschüler“, erinnert sie sich heute an diesen Moment. „Doch ich hatte keine Ahnung, dass es darüber hinaus noch etwas gab, das mich anders machte. Das Konzept von Papieren war mir vollkommen fremd.“ Nun, am Ende ihrer Schulzeit, beginnen Papiere und vor allem ihr Fehlen Sonias Leben zu bestimmen.
Laut dem höchsten Amerikanischen Gericht dürfen US-Bundesstaaten Kinder ohne Papiere nicht vom öffentlichen Schulwesen ausschließen. So wachsen sie auf wie normale Amerikaner. Sonia besucht Grundschule, Mittelschule und später die High School. Sie schwört zusammen mit den Klassenkameraden morgens den Treueeid auf die amerikanische Flagge, lernt nachmittags den Text der Unabhängigkeitserklärung auswendig.
Rund 65 000 illegale Einwandererkinder machen jedes Jahr ihren Abschluss an einer amerikanischen High School. Bis zu diesem Zeitpunkt sind sie Teil der amerikanischen Gesellschaft. Doch sobald die Schulzeit vorbei ist, gehören sie nicht mehr dazu. Wenn ihre amerikanischen Freunde die Koffer fürs Studium packen, haben sie oft nur eine Chance: Schwarzarbeit in irgendeinem Fast-Food-Imbiss oder auf einer Baustelle.
Obwohl kein US-Gesetz es Universitäten verbietet, illegale Studenten zum Studium zuzulassen, schaffen es nur wenige von ihnen in die Hörsäle. Manche Universitäten in den USA untersagen es illegalen Immigranten zwar von vornherein, sich für ein Studium einzuschreiben, aber nicht alle. Das größte Problem ist daher finanzieller Art. Die Studiengebühren für ein vierjähriges Bachelorstudium betragen zwischen 10 000 und 30 000 Dollar pro Jahr. In vielen US-Bundesstaaten liegen die Kosten noch höher, weil illegale Studenten den höheren Ausländersatz bezahlen müssen. Geld für Wohnung, Essen und Bücher sind nicht eingerechnet.
Finanzielle Hilfen aus öffentlichen Mitteln wie zum Beispiel Studentenkredite stehen illegalen Einwanderern nicht zur Verfügung. Auch normale Bankkredite sind für sie keine Option.
Sonia wusste, dass ihre Eltern sich die Ausgaben nie würden leisten können. Ihre einzige Chance war, es bei einer der Privatuniversitäten zu versuchen, die sich ihre Studenten unter Tausenden Bewerbern aussuchen können. Diese Kaderschmieden unterliegen nicht den Regeln für öffentliche Finanzhilfen und legen die Kriterien, nach denen sie Geld an Studenten verteilen, selbst fest. Eine der wenigen privaten Universitäten, die Einwanderern ohne Papiere die Studiengebühren erlässt, ist Harvard. Jeder High-School-Schüler in den USA träumt davon, hier angenommen zu werden. Pro Jahr bekommen nur 5,6 Prozent der Bewerber eine Zusage. Sonia war klar, wie gering ihre Chancen sind. Sie hätte sich auch an anderen Privatuniversitäten bewerben. Stattdessen setzte sie alles auf diese eine Karte: Entweder will sie in Harvard studieren oder gar nicht. Ein bisschen radikal sei das schon gewesen, meint Sonia heute. Doch damals sei ihr gar nichts anderes in den Sinn gekommen.
Tränen am Telefon
Einige Wochen nach Bewerbungsschluss sitzt Sonia im Unterricht und tippt frustriert auf ihrem Laptop herum. Das Ende des Schuljahres rückt näher, ihre Zukunft in immer weitere Ferne. Da blinkt ihr E-Mail-Postfach. „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Studienplatz in Harvard.“ Sie ist fassungslos. „Ich konnte es einfach nicht glauben“, erzählt sie kopfschüttelnd.
Als ihr bewusst wird, was diese E-Mail bedeutet, stolpert sie aus dem Klassenzimmer, mit weichen Knien. „Ich habe sofort meinen Vater angerufen. Und obwohl er bloß ‚okay‘ gesagt hat, konnte ich seine Tränen hören.“ Sonias Stimme, sonst fest und selbstbewusst, zittert ein bisschen, wenn sie das erzählt. Eine riesige Last fällt damals von ihr ab. Die Opfer und die Entbehrung der Eltern, es war nicht umsonst. Sie wird studieren gehen, an der besten Uni des Landes, sie gehört endlich dazu.
In Harvard angekommen, wird ihr jedoch schnell klar, dass sie mit der Aufnahme nur die erste Hürde überwunden hat. In ihrem ersten Jahr machen ihr weniger die intellektuellen Herausforderungen des Studiums als der Studentenalltag zu schaffen. Denn um am sozialen Leben in Harvard teilnehmen zu können, muss man Geld haben.
Als wären die USA und sie ein Liebespaar
Sonias Mitstudentinnen kaufen sich für Partys schicke Kleider, gehen Kaffeetrinken und Abendessen in der Stadt. Sonia kann sich das nicht leisten. Hinzu kommt, dass nur wenige Latinos unter den Studenten sind. „Die einzigen Leute hier, die so aussehen wie ich, arbeiten in der Kantine oder als Gärtner“, erzählt Sonia. Bei der Essensausgabe heftet sie ihren Blick auf ihren Teller. Auf keinen Fall will sie denjenigen, denen sie so viel ähnlicher sieht als ihren weißen Kommilitonen, in die Augen schauen. Mit aller Kraft will sie beweisen, dass sie dazugehört, zu Harvard, zu Amerika.
So richtig funktioniert das aber nicht. Sonia schottet sich ab von ihren Kommilitonen, sucht sich einen älteren Freund, der nicht in Harvard studiert. Es macht schnell die Runde, dass Sonia anders ist.
Nach den ersten beiden Jahren Studium nimmt sie eine Auszeit. Sie macht ein Zertifikat für Computerprogrammiererin, lebt ein halbes Jahr lang in New York. Dass sie sich außerhalb von Harvard bewiesen hat, gibt ihr neues Selbstbewusstsein. Als sie an die Universität zurückkehrt, hat sie ihren Frieden mit ihrer Identität gemacht. Immer nur wütend zu sein, bringe nichts, sagt sie. Und immer nur das zu sehen, was einem verwehrt bleibt, sei nicht produktiv. „Am Ende definieren wir uns selbst“, sagt sie. Egal, ob legal oder illegal. Ihr Blick ist herausfordernd.
Es komme ihr manchmal so vor, sagt Sonia, als wären die USA und sie ein Liebespaar in einer schlechten Beziehung. „Er akzeptiert mich, sagt, er liebt mich, eröffnet mir all diese Möglichkeiten. Aber am Ende steht er nicht wirklich zu mir.“
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