Die Schriftstellerin Carmen-Francesca Banciu war mit einem Stipendium in dem Literaten zur Verfügung gestellten Haus in Wewelsfleth nördlich von Hamburg. Dort wollte sie ein Buch fertig schreiben – doch dann drängte sich der frühere Bewohner des Hauses vor, Günter Grass. Es entstand der Briefroman „Ilsebill salzt nach“ (PalmArt Press). Am Dienstag ab 19 Uhr liest sie in der Inselgalerie daraus (Petersburger Straße 76 A). Fragen wir also: Frau Banciu, wer ist Ilsebill in diesem Roman?
Ich war kein Fan von Günter Grass, als ich als Stipendiatin nach Wewelsfleth kam, um an einem Roman zu arbeiten. Aber in seinem ehemaligen Haus wurde mir seine Gegenwart jeden Tag spürbarer. In seiner Küche, wo er Gerichte ausprobierte und seinen realen und imaginären Gästen servierte. In seinem Arbeitszimmer, an seinem Schreibtisch, wo er seinen großen Roman „Der Butt“ geschrieben hatte – einen feministisch angelegten Roman, der gleichzeitig eine Geschichte der Menschheit durch Koch- und Liebesgeschichten erzählt. Während ich kochte, während ich morgens aus dem Schreibzimmerfenster schaute und direkt auf die Spuren vergangenen Lebens des Ortes blickte – auf den Kirchenfriedhof. Was immer ich sonst tat, spürte ich seine Anwesenheit, als ob er mich still und verwundert beobachtete.
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Grass drängte sich in mein Leben. Er zwang mich förmlich, seine Werke zu lesen. Mit jedem Tag entdeckte ich Ähnlichkeiten und Unterschiede. Ich musste mich in Gedanken und dann auch in meinem Schreiben ihm mitteilen. So entstanden imaginäre Briefe.
Meine Ilsebill ist eine Kunstfigur, die sich gerne mit der Autorin identifiziert, um über Grass und mit Grass über sich selbst zu sprechen – über Ähnlichkeiten und Unterschiede, über Themen, die sie bewegen, über Fragen, die sie sich stellt. Sie reflektiert über Vergangenheit und Gegenwart. Meine Ilsebill spricht und handelt im Präsens, obwohl bei Grass der erste schönste Satz in der deutschen Literatur im Präteritum steht: „Ilsebill salzte nach.“
Das Buch
Ilsebill bedeutet für mich eine weitere Entwicklung meiner literarischen Arbeit, meines Schreibens – eine Erweiterung meiner Themen und eine Brücke zwischen allem, was ich mitgebracht habe, und dem, was mir hier begegnet. Was ich mir einverleibt habe. Was ich in mein Leben und Schreiben integriert habe. Es ist auch ein Zeichen meiner Ankunft in einer von mir gewählten Heimat, oder besser gesagt, ein Zeichen der gegenseitigen Adoption.
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