Im 21. Jahrhundert werden über viertausend Sprachen aussterben. Ein Archiv soll sie vor dem Vergessen bewahren

Bedrohte Sprachen

Nora Knappe
6 Min

Derzeit werden weltweit etwa 6 800 Sprachen gesprochen. Doch schon am Ende unseres Jahrhunderts werden vermutlich rund zwei Drittel davon verschwunden sein. Oder anders gesagt: Beinahe jede Woche stirbt eine Sprache. Und mit ihr auch die dazugehörige Kultur - Geschichte, Bräuche, Märchen, Religionen. Bedroht sind Sprachen dann, wenn sie von der Kindergeneration nicht mehr gelernt und nur noch in wenigen Lebensbereichen benutzt werden. Vor allem dort, wo eine hohe Sprachenvielfalt herrscht und die Sprechergruppen sehr klein sind, drohen Sprachen auszusterben. Dies sei vor allem in Nordamerika, Südafrika, Australien und den Gebieten entlang des Äquators der Fall, sagt der Linguist Nikolaus Himmelmann, Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Sprachen in Köln. Vor allem die Erschließung entlegener Gebiete, die Vertreibung kleiner Volksgruppen und das Verbot von Sprachen führten dazu, dass Sprachen ausgerottet werden.In einer kürzlich im Fachjournal Nature veröffentlichten Studie betrachtete der Ökologe William Sutherland von der britischen University of East Anglia Sprachen so, als würde es sich bei ihnen um Tierarten handeln. Ihm zufolge liegt der Vergleich zwischen Sprachen und Tieren nahe. Denn sprachliche Diversität gibt es immer dort, wo auch das Tierreich vielfältig ist: in weiten Waldgebieten und in der Nähe des Äquators. Bei seiner Untersuchung stellte Sutherland fest, dass Sprachen stärker vom Aussterben bedroht sind als Vögel oder Säugetiere."Vor dem Untergang retten kann man diese seltenen Sprachen wohl kaum", sagt Vera Szöllösi-Brenig, Fachreferentin in der Volkswagen-Stiftung. Sie ist für die Förderung des Projekts "Dokumentation bedrohter Sprachen" (Dobes) zuständig. Mit diesem elektronischen Spracharchiv, das am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen betreut wird, wolle man wenigstens einige der über 4 500 bedrohten Sprachen systematisch in Form von Ton- und Schriftdokumenten erfassen. "Wir wollen verhindern, dass diese Sprachen in zwei Generationen einfach aus dem kulturellen Gedächtnis der Welt verschwunden sind", sagt Szöllösi-Brenig.Zum dritten Mal seit Beginn der Förderinitiative im Jahr 1999 hat die VolkswagenStiftung vor kurzem neue Vorhaben zur Sprachrettung bewilligt und stellt hierfür etwa drei Millionen Euro zur Verfügung. In den neun geförderten Projekten versuchen Linguisten und Kulturwissenschaftler aus Deutschland, den Niederlanden und den USA, die bedrohten Sprachen zu dokumentieren und zu archivieren.Das Hocank (sprich: Hotschank) ist eine dieser bedrohten Sprachen, die nun von den Erfurter Sprachwissenschaftlern Johannes Helmbrecht und Christian Lehmann für die Nachwelt dokumentiert wird. Hocank gehört zu den Indianersprachen der Sioux-Familie, in der es etwa achtzehn unterschiedliche Sprachen gibt. Die meisten der rund 5 000 Stammesmitglieder der Hocank leben im US-Bundesstaat Wisconsin. Nur noch etwa 200 Personen, vorwiegend Ältere, sprechen das traditionelle Hocank, sagt Johannes Helmbrecht. Aber auch die wenigen Älteren benutzen ihre Sprache meist nur noch in Zeremonien. Im Alltag spricht man Englisch, das für die Kinder- und Enkelgeneration schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Inzwischen versuchen die Hocank aber, ihre Sprache wiederzubeleben. Dabei werden sie von den Erfurter Forschern unterstützt.Die Verdrängung der Hocank und ihrer Kultur setzte im 19. Jahrhundert ein. Die Siedler, die sich schon im 18. Jahrhundert an der Ostküste der USA niedergelassen hatten, drangen immer weiter vor. Die eingeborenen Indianerstämme wurden immer mehr gen Westen vertrieben. Auch das weiter im Inland gelegene Wisconsin wurde von dieser Wanderungsbewegung bald ergriffen. Nur einige Hocank kehrten zurück und ließen sich illegal wieder in Wisconsin nieder. Ihre schlechte wirtschaftliche Situation übte einen so großen Druck auf die Hocank aus, dass sie gezwungen waren, sich als Wanderarbeiter bei weißen Farmern zu verdingen. Sie lernten deren Sprache und nahmen auch deren Lebensweise an, sagt Helmbrecht.Das Ansehen der Hocank-Sprache sank immer mehr - nicht zuletzt dadurch, dass indianische Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrten und von ihren Begegnungen mit der modernen Welt erzählten. Viele von ihnen hatten sich zuvor noch nie weit von ihrem Dorf entfernt. "Sie haben erlebt, wie man erfolgreich sein kann, haben technische Neuerungen gesehen", berichtet Helmbrecht. Um diesen neuen Lebensstil zu erreichen, war Hocank nicht von Nutzen.Dieses Bewusstsein hat sich mittlerweile jedoch gewandelt. "Die meisten Hocank empfinden es inzwischen als Verlust ihrer kulturellen Identität, dass sie die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr beherrschen", sagt Helmbrecht. Die Jungen hatten keine Chance, Hocank zu lernen, denn deren Eltern konnten die Sprache selbst nicht mehr. Auch in Schulen wurde Hocank nicht gelehrt. Doch seit den siebziger Jahren erfahren Indianerstämme wie die Hocank mit der gewandelten Minderheitenpolitik der Regierung wieder mehr ökonomische Unterstützung und bekommen nach und nach mehr Rechte.Das stärkte auch das Selbstbewusstsein der Hocank in Wisconsin. Vor etwas mehr als zehn Jahren entschlossen sie sich, ein Sprachzentrum zu gründen. Dort geben die älteren Stammesmitglieder Sprachkurse und bringen den Jüngeren auch traditionelles Handwerk bei. Mitte der neunziger Jahre nahm Helmbrecht Kontakt zu dem Sprachzentrum auf. Bei dieser Gelegenheit baten ihn die Hocank-Sprachlehrer um Unterstützung. Sie wollten die Sprache ihrer Vorfahren gern wieder beleben, doch es fehlte das nötige Lehrmaterial. Und vor allem hätten sie die Struktur der Sprache nicht erklären können.In Zusammenarbeit mit den Hocank sollen deshalb nun im Rahmen des Dobes-Projekts neben einer Grammatik auch ein Wörterbuch und Lehrbücher erarbeitet werden. Sprachlehrer werden in Workshops trainiert, das strukturierte Wissen weiterzugeben. In Kindergärten werden seit einiger Zeit schon Muttersprachler als Betreuer angestellt. "Das ist ein sehr guter Ansatz, denn Kinder in diesem Alter tauchen viel leichter in eine Sprache ein", sagt Johannes Helmbrecht. Problematisch sei nur, dass keine Schule den Sprachunterricht fortführe.Um professionelle Grundlagen für die Sprachvermittlung zu schaffen, müssen die Wissenschaftler einen so genannten Textkorpus aufbauen. "Das heißt, dass wir Textsorten aller Art aufschreiben und aufnehmen, sie übersetzen und grammatikalisch analysieren", erläutert Helmbrecht, der im September dieses Jahres mit den ersten Feldforschungen beginnen wird. Dabei muss er darauf achten, alle wichtigen Lebensbereiche zu untersuchen: Bei Zeremonien ist die Sprache anders als bei Alltagsunterhaltungen, mit Kindern redet man anders als mit Erwachsenen, und auch der soziale Rang beeinflusst die Sprache. Außerdem wollen die Sprachforscher mythologische Erzählungen, Gesänge und Witze aufzeichnen und dabei Gestik und Mimik der Sprecher filmen. Im elektronischen Archiv sollen all diese Informationen später parallel abrufbar sein, zum Video werden Untertitel gezeigt, die sowohl das Hocank wie auch die englische Übersetzung und die Aussprache anzeigen. Außerdem werden die grammatikalische Analyse und kulturelle Informationen zugänglich sein.Johannes Helbrecht vermutet, dass das Spracharchiv nur von Wissenschaftlern genutzt werden wird. Dennoch ist sein Projekt für die Hocank von großer Bedeutung. "Wir unterstützen den Stamm bei seinen Bemühungen, die eigene Sprache zu retten. Insofern ist das Projekt mehr als nur eine Dokumentation." Die Aufgabe der Sprachwissenschaftler sei es, sich für all die anderen bedrohten Sprachen auf der Welt zu engagieren. "Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und wir müssen uns wirklich beeilen."Nature, Bd. 423, S. 276Das Spracharchiv im Aufbau:www.mpi.nl/dobesBERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Auf der Weltkarte sind die 6 800 Sprachen eingetragen, die derzeit gesprochen werden. Große Vielfalt ist vor allem entlang des Äquators zu finden - aber auch in Nordamerika, wo die Hocank-Indianer leben. Ihr Stamm ist ein Beispiel für die vielen kleinen Bevölkerungsgruppen, deren Sprachen vom Aussterben bedroht sind.CHLORIS LOWE JR. Das traditionelle Stammestreffen Pow Wow der Hocank-Indianer im US-Bundesstaat Wisconsin. Die Hocank, die zu den Sioux zählen, bemühen sich seit einigen Jahren, ihre Kultur und Sprache zu bewahren.

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