Im Déja Vu

Daniela Pogade
3 Min

Das sogenannte nordische Viertel in Pankow ist ein Stück Niemandsland, gastronomisch und auch in jeder anderen Hinsicht. Im nordischen Viertel - so benannt nach seinen Straßennamen - sieht man viele Rentner, ein paar Jugendliche in weißen Bundjacken, einige Sonnenstudios und viele Hundehaufen. In diese Gegend ist vor Jahren ein Mann aus dem Städtchen Caen in der Normandie gezogen. Pascal hatte sich in eine Berlinerin verliebt. Eine glückliche Fügung, die dazu geführt hat, dass es nun mitten in der Einöde einen Hort französischer Kochkunst gibt. Der Entflammte war nämlich nicht so blind vor Liebe, dass er die Rezepte seiner Großmutter in der Heimat vergessen hätte.Immer noch wissen wenige kulinarisch Interessierte von dem kleinen, vollkommen unauffälligen Restaurant mit Namen Déja Vu, in dem der freundliche Pascal sehr schmackhafte regionale Speisen zubereitet. Der Chef hat wohl keinen Sinn für offensives Franzosen-Chichi, darum wurde dieses Gasthaus nicht etwa nach dem Vorbild der Pariser Literatencafés Á la "Café de Flore" gestaltet. Es gibt ganz unambitionierte Stühle und Tische, Holzpaneele an den Wänden und funzelige Tischlampen, die die Speisekarte nur notdürftig beleuchten.Wer sich von solchen Dingen abschrecken lässt und grundsätzlich auch nur in Anwesenheit hipper Tischnachbarn zu speisen wünscht - statt auch einmal einen sympathischen Rottweiler aus angrenzenden Neubaugebieten kennenzulernen - der hat das Essen im Déja Vu nicht verdient. Beliebte Vorspeisen sind hier die Weinbergschnecken in Knoblauchbutter (12 Stück 5,20 Euro) sowie die mit Blattspinat gefüllten Champignons in Schimmelpilzkäsesauce (5,50 Euro), die jeweils mit Bedacht gewürzt sind und eine sehr zarte Konsistenz aufweisen. Serviert werden die Speisen von einem hochgewachsenen Kellner, der mit seiner schüchternen Präsenz und allgemeinen Physiognomie ein wenig an Henry Maske erinnert.Touristen, die gerne einmal eine Anhäufung echter Berliner sehen würden, dies aber nicht können, weil sie ja nur an Touristenorten verweilen, könnten in dieser Gaststätte viele knorrige Berliner Ureinwohner kennenlernen - ein Völkchen, das sich ja besonders nonchalant französischer Lehnwörter bedient. Im Déja Vu speisen aber auch Romanistikprofessoren oder frankophile Sozialpädagogen.Ein Grund ist sicherlich das Coq au vin in Rotwein-Rosmarinsauce. Heute aber kommt ein anders zubereitetes Hühnchengericht auf den Tisch. Es gibt gebratene Hähnchenbrustfiletstücke mit frischen Zitronenscheiben und geschnittenen schwarzen Oliven (9,40 Euro). Die Zitrone gibt dem Gericht eine dezente Frische, viele weitere Geschmacksnuancen entfalten sich vorbildlich unaufdringlich. Neben der Zitrone vermeint man Zimt zu schmecken, was jedenfalls gut harmoniert, und bald ist ja auch schon wieder Weihnachten.Ebenfalls gelungen, aber doch etwas zu salzig sind die gebratenen Großgarnelen mit eingelegtem grünen Pfeffer aus Madagaskar (14,80 Euro), die mit Sahne verfeinert werden. Beim Stichwort Sahne ist anzumerken, dass in diesem Restaurant gewiss keine Kalorien eingespart werden können. Daran sind neben den Hauptspeisen nicht zuletzt die köstlichen Crèpes schuld, die man in allerlei Variationen bestellen kann. Es gibt sie etwa mit Apfelstücken in Calvadossauce, mit frisch gepresster Zitrone und Zucker sowie mit allen Arten von Konfitüre (2,80 bis 4,90 Euro).Wer hier einkehrt, wird natürlich nach französischen Weinen verlangen - der offene Pinot Noir etwa (der halbe Liter kostet 5,80 Euro) schmeckt mild und samtig - doch Pascal hält noch andere typisch französische Getränke bereit. Gestandene Zeitgenossen brauchen keinen Alkohol, um fröhlich zu sein. Es tut auch einmal ein Minz- oder Grenadinesirup mit kalter Milch oder ein Erdbeersirup mit Limonade. Der Franzose besitzt ein großes Reservoir auch an weniger glamourösen kulinarischen Spezialitäten - dies ist eine der Lehren, die der Besuch dieses sympathischen und bodenständigen Lokals bereithält.------------------------------Adresse: Binzstraße 16Telefon: 47036710Öffnungszeiten:Di-So ab 16 UhrKreditkarten: EC-Karte, Visa, Mastercard

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