Im Flugroutenprotest trafen erstmals Bürgerinitiativen zusammen - und sprachen über Aktionen

Versuch einer Annäherung

Peter Neumann Jürgen Schwenkenbecher
4 Min

Bernhard Lehmann und seine Frau hatten einige Jahre gesucht, bevor sie ihr Traumgrundstück mitten in Blankenfelde gefunden hatten. Im Mai 1996 kauften sie schließlich das Areal - es war jener Monat, als die Entscheidung für den Bau des Großflughafens BBI in Schönefeld fiel. Von dem Haus, in das die Berliner später zogen, sind es bis zum neuen Airport nur wenige Kilometer. Am Freitagabend saß das Paar in der "Markthalle" von Schloss Diedersdorf inmitten von gut 300 Menschen, die wie sie den Fluglärm fürchten. "Wir wollen doch wenigstens etwas Entlastung", sagte Bernhard Lehmann.Vor fünf Wochen hatte die Deutsche Flugsicherung ihre Vorschläge für die Abflugrouten vom BBI vorgestellt. Überflogen werden könnten auch Berliner Stadtteile und Brandenburger Orte, deren Bewohner sich das nie hätten vorstellen können. Binnen kürzester Zeit gründeten sich an die 30 Bürgerinitiativen. Erstmals unternahmen der Schönefeld-kritische Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB) und die "Schutzgemeinschaft" von Umlandgemeinden den Versuch, eine gemeinsame Front zu bilden - und die unterschiedlichen Initiativen davon zu überzeugen, dass ein Baustopp am BBI die einzige wirkliche Lösung sei und der Flughafen neu in Sperenberg entstehen müsse.Die Forderung überrumpelte nicht wenige der Gäste. "Ich bin total irritiert. Bisher ging es ja um Flugrouten und Fluglärm", sagte ein Mann aus Lichtenrade, der sich als einer der "Montagsdemonstrierer" vorstellte. "Sollen wir jetzt für einen neuen Flughafen kämpfen?" Er hatte sich das anders vorgestellt. Die Antwort von Ferdi Breidbach, Ehrenvorsitzender des BVBB, - "anders werden wir den Fluglärm nie los" - konnte ihn wie auch andere Gäste nicht befriedigen. Auch Carl Ahlgrimm, parteiloser Bürgermeister von Großbeeren und Vorsitzender der Schutzgemeinschaft, hielt die Forderung nach einem BBI-Baustopp für unrealistisch.Breidbach hatte zuvor heftig dafür geworben, die "Kräfte der Bürgerinitiativen zu bündeln". "Mit dem St.-Florians-Prinzip erreichen Sie nur eins - nämlich keine Geschlossenheit bei den Betroffenen", sagte er."Wer hat das Gefühl, dass die Veranstaltung der Einigung gedient hat?", fragte schließlich ein Gemeindevertreter aus Schönefeld. Nur ein Teil der Gäste hob die Hände. Breidbach ließ sich davon nicht beirren. In der nächsten Woche will er die Sprecher der Bürgerinitiativen zu einem Treffen einladen, um über mögliche gemeinsame Aktionen zu reden. "Vielleicht kommen wir zu größeren Protesten", sagte Breidbach und traf diesmal die Stimmungslage. "Ost + West gemeinsam gegen Fluglärm", hatte jemand auf ein Plakat geschrieben.Verweis auf Tempelhof"Jeder möchte fliegen, aber keiner möchte betroffen sein", hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Stunden zuvor gesagt. Er erlaubte sich einen Seitenhieb auf die Bürger, nach deren Forderungen im Himmel über Berlin künftig gar keine Flugzeuge mehr zu sehen sein sollen. Dieser Protest wird in Berlin vor allem im begüterten Südwesten laut - dort, wo bei dem Volksbegehren im April 2008 viele Bürger für die Offenhaltung des Flughafens Tempelhof gestimmt hatten. Er hätte sich gewünscht, wenn er in seiner Forderung nach möglichst wenig Fluglärm im Stadtgebiet schon damals unterstützt worden wäre, sagte Wowereit. Doch beim Tempelhof-Streit habe er den Eindruck gewonnen, dass viele Bürger nichts gegen einen regen Flugverkehr über Berlin einzuwenden hatten.------------------------------Bislang kaum beachtetDas Dialogforum Airport Berlin Brandenburg hat am Freitag am achten Mal getagt. Es hat sich die Aufgabe gesetzt, die Interessen der Flughafenanrainer mit denen des künftigen Schönefelder Airports abzugleichen. Geleitet und moderiert wird das Dialogforum von dem früheren Pastor Wolfram Hülsemann. Gegründet wurde es im Januar 2009.Bislang wurde das Gremium nicht groß beachtet. Das hat sich inzwischen geändert. Anlass ist der vor knapp einem Monat aufgeflammte Streit um die Startrouten des neuen Schönefelder Flughafens, der Juni 2012 öffnen soll.Erstmals nahmen Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) an der Sitzung am am Freitag teil.Beschlossen wurde unter anderem, dass Umlandgemeinden, die durch den Betrieb des neuen Flughafens besonders belastet werden, einen Ausgleich erhalten sollen. Details sollen nun erarbeitet werden. Dazu soll ein Gutachten erarbeitet werden, in dem auch Vergleiche mit anderen Airports vorgenommen werden sollen, hieß es.Gesundheitsschutz der Anwohner war am Freitag ein weiteres Thema im Dialogforum. Die Bundesländer Berlin und Brandenburg sollen prüfen, ob Untersuchungen zu diesem Thema ausgeweitet werden können.------------------------------Foto: Protest in Diedersdorf: Bürgerinitiativen berieten dort am Freitagabend über ein gemeinsames Vorgehen.Foto: Bürger wollen Ruhe am Himmel über Berlin.

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