Alles beginnt mit einer langen Pause. Und mit Blicken. Die junge, japanische Frau, die soeben auf die Hinterbühne des Hebbel Theaters getreten ist, wo auch das Publikum sitzt, denkt gar nicht daran, mit irgendeinem Spiel zu beginnen. Sie blickt auf die Zuschauer wie auf Passanten, deren Disposition sie erst abwägen will, bevor sie eine Ansprache wagt. Dann beginnt sie: "Irgendwo gibt es einen Mann."Und wieder Pause. Blicke, die prüfen, ob der Satz bei den Fremden angekommen ist, ein trippelnder Gang auf die rechte Seite der Bühne, zurück nach links, als suche sie für den nächsten Satz eine bessere Stelle: "Er war ein glücklicher Mann." Sie beugt sich schräg nach vorn, schief zur Seite und lässt die Arme ausschwingen, als sollten sie die unbequeme Spannung des Körpers korrigieren.Satz für Satz geht es so weiter, im Zeitlupentempo, immer eine andere Position im Raum, eine andere Körperhaltung oder bizarre Armbewegung suchend, die dann genauso wenig passt zu der Erzählung vom "glücklichen Mann" und seiner "glücklichen Frau". Im nächsten Frühjahr, heißt es, wird das Paar in eine neue Wohnung ziehen, am Meer, und am nächsten Wochenende werden sie einen netten Abend verbringen, mit einer netten Kollegin. Jedes Detail dieser Begegnung wird satzweise im Bühnenraum ausgebreitet. Immer andere Erzähler treten auf, manche bleiben, andere gehen wieder ab, nie stehen alle sechs zusammen.Das Glück in den kleinen DingenWas sie so auf die Bühne zeichnen, ist ein ganz eigenartiges, in seinen Details ebenso konkretes wie sich darin zerfaserndes Erzählspiel. Dabei nehmen die Erzähler immer sowohl den fernen Vogelblick ein, als sie zugleich auch in die Rollen ihrer Beobachtungsobjekte schlüpfen. "Eines Samstags stand er am Straßenrand." Und wieder: "Er war ein glücklicher Mensch. Aber warum?". Um diesen Refrain kreiste das Stück "We are the undamaged others" des 37jährigen Toshiki Okada, der zusammen mit seiner Theatertruppe "Chelfitsch" diese höchst spannungsreiche, epische Spielweise entwickelt hat.Wichtig daran ist, dass Reden und Bewegungen der erzählenden Spieler dabei nie so weit auseinander laufen, dass beides gar nicht mehr zusammen hinge: Empathie und Distanz durchkreuzen sich. Eine Spielerin lehnt lange an der Wand, bis man meint, sie sei die "glückliche Frau", von der eine andere Spielerin gerade erzählt. Sie glaube, sagt jene an der Wand, Glück liege in den vielen kleinen Dingen. Ganz langsam aber spreizen sich bei diesen Worten die Zehen der Frau an der Wand und man versteht sie: all die kleinen Dinge - und auch noch viel mehr.Dieses Mehr aber versteht das "glückliche Paar" nicht. Das Unglück liegt über ihnen wie eine unsichtbare Bleidecke und bleibt doch ungreifbar. Das ist das Aufwühlende dieses sich ins Nachdenken schraubenden Theaters, ein ungewöhnlich forderndes Theater, das man auf den vom Boulevard besetzten Berliner Bühnen selten findet.Und dennoch geht man nur halb überzeugt nach Hause, denn trotz all der bohrenden Fragen, die Okada an das Glück stellt, scheint es, als habe er sich in der radikalen Offenheit seines Spieles selbst eingesponnen: wirkliche Antworten sucht er nicht.
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