Im Maison Blanche

Maike Schultz
4 Min

Wohin gehen, wenn die Sehnsucht nagt? Wenn die Sonnenstrahlen fehlen, die einen vor wenigen Tagen noch beim Austernschlürfen in Cap Ferret wärmten, frisch geerntete Austern, mit Himbeeressig und Atlantik-Salz. Die Käse-Exzesse im Kiefernwald, diese seidenweiche Luft. Wenn ich von einem Elternbesuch aus Frankreich zurückkomme, ist die Wehmut immer besonders schlimm. Es kann also nur, ja es muss diesmal ein französisches Restaurant sein."Maison Blanche" heißt es, benannt nach einem Weingut im Anbaugebiet Haut-Médoc, an dessen Reben ich erst kürzlich vorbeigefahren war. Der 2005er-Jahrgang entfalte ein "Nasenbild von Brombeeren, Johannisbeeren und Sandelholz", verspricht die Karte. Wir bestellen gleich eine Flasche (28 Euro) und werden nicht enttäuscht.Meine Begleitung hatte mir das "Maison Blanche" als ihr Kreuzberger Lieblingslokal ans Herz gelegt, aber den titelgebenden Rotwein hatte sie noch nie probiert. Sie mag den Laden, weil hier nettes Personal angenehme Gäste bedient, und weil Flammkuchen, Salat und Hummus sie noch nie enttäuscht haben. Ich mag ihn, weil ich noch nie ein so warmherziges Reservierungs-Telefonat hatte ("Bis heute Abend - wir freuen uns auf dich!"). Und weil die Gerichte der Abendkarte schon beim Lesen auf der Zunge zergehen. Für 27 Euro gibt es ein Drei-Gänge-Menü, das sich bei Hauptgerichten bis zu 19 und Vor- und Nachspeisen für 7,50 Euro durchaus lohnt.Ich beginne mit frischer Feige, gratiniertem Ziegenkäse mit Lavendelhonig und Walnüssen, mein Gegenüber wählt Osben vom Reh auf Sauerkraut und karamellisierten Äpfeln. Die Osben entpuppen sich als würzige Hackbällchen, die innen leicht zu roh geraten sind, aber wunderbar mit den süßen Früchten harmonieren. Mein Käse schmeckt nach Urlaub. Bevor die Wehmut zurückkehrt, trinke ich schnell einen Schluck vom heimischen Château und bewundere die vielen Kinderzeichnungen, die ganze Wände im "Maison Blanche" füllen.Restaurant-Chefin Kathrin, die sich am Telefon noch so auf mich gefreut hatte, ist leider nicht da, auch ihr Compagnon Jacques ist nicht in Sicht. Er sei Basketballtrainer und spiele bei den Sprösslingen seiner Gäste gern den Talentscout, erzählt meine Begleitung bei einer Zigarette dazwischen. Wir rauchen sie vor der Tür, gemeinsam mit ein paar Getränke-Puristen, die - nur für ein beglückendes Glas Wein eingekehrt - verpassen, was ein nordafrikanischer und ein Berliner Koch hier gemeinsam zaubern. Auch wir verpassen beinahe unser Essen. Als wir wieder reingehen, steht der nächste Gang schon auf dem Tisch: Loup de Mer in Salzkruste mit Kürbis-Paprika-Linguini. Oder besser gesagt: Ein großer Teller Nudeln mit Gemüse neben einer Platte, auf der sich ein Berg aus Salz erhebt. "Klopfen Sie einfach mit der Gabel drauf", rät die Kellnerin.Und siehe da, nach ein paar kräftigen Klapsen zerfällt das im Ofen fest und gelb gewordene Meersalz. Unter der faustdicken Schicht kommt ein kompletter Fisch zum Vorschein. Kopf, Haut und Gräten müssen erst entfernt werden, was mich in meiner Entscheidung für das Roastbeef mit Sommergemüse und Majorankartoffeln bestätigt. Das zarte, rosafarbene Fleisch versöhnt mit den Fettschwarten an seinem Rand; die Zwiebelkräuter-Kruste erinnert an jenes Schlemmerfilet aus der Tiefkühlung, dessen Belag wir als Kinder so gerne abkratzten, um ihn pur zu genießen (der Fisch konnte uns damals getrost gestohlen bleiben). Kein Wunder, dass sich die cremige Würze auch zum butterweichen Loup de Mer - oder auch Wolfsbarsch - sehr gut macht.Die Portionen sind so unfassbar riesig, dass wir kaum noch unser Dessert schaffen: Gegrillte Kaktusfeige an Mousse au Chocolat konkurriert mit warmem Schokoladenkuchen, an den sich eine Kugel Vanilleeis schmiegt. Sie schmilzt dahin, und wir tun es ihr nach, aufgelöst in Süße, Maison-Blanche-Trauben und der Wonne eines gelungenen Mahls. Wenn nur der Bauch nicht so drücken würde! Zurück in der Wohnung rufen meine Eltern an, sie vermissen mich auch schon, alleine schmecken die Meeresfrüchte nur halb so gut. Aber ich vermisse das Meer nicht mehr ganz so arg wie zuvor.------------------------------Foto: Adresse: Körtestr. 15 Telefon: 74399970Öffnungszeiten: Täglich ab 15 UhrKreditkarten: keine

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