Im Rausch der Schaulust

„Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik“: Die Ausstellung der Deutschen Kinemathek interpretiert einen Mythos neu

Gerhard Midding
5 Min
Porträt der Schauspielerin Speedy Schlichter, 1929

Porträt der Schauspielerin Speedy Schlichter, 1929

© Hans G. Casparius

Kann eine Epoche eigentlich von sich selbst überfordert sein? Wie kommt sie auf Dauer mit der eigenen Reizfülle zurecht? Hat sie nicht auch mal genug von der unentwegten Beschleunigung und sehnt sich heimlich nach alten Horizonten zurück, wenn allerorten nur Aufbruch und Innovation herrschen?

Diese Fragen darf man sich beim Besuch der Ausstellung im Berliner Filmmuseum getrost stellen. Die Weimarer Republik erscheint in ihr als eine Zeit rastloser Erneuerung, wird vergegenwärtigt als eine Verschwörung der Künste im Namen der Moderne. Das Kino ist deren lebhaftester Fiebertraum. Es muss freilich ein Wachtraum gewesen sein, denn angesichts der szenischen und argumentativen Wucht der Schau kann man sich nicht vorstellen, dass damals irgendjemand Zeit zum Schlafen hatte.

Das Kino hat knapp ein Vierteljahrhundert nach seiner Geburt eine jugendliche, ungestüme Reife erlangt. Es entfesselt sich: ästhetisch, ideologisch und sittlich. Die Utopie wird unaufhörlich Alltagswirklichkeit. Hollywood gibt noch nicht die Leitwährung des Mediums aus. In Europa klagt man vergnügt darüber, dass praktisch jede Woche ein neuer Stil erfunden wird. Die deutsche Filmproduktion ist, neben der französischen, skandinavischen und sowjetischen, federführend. Der Film wird zum agilen Spiegel der Zeit und wirkt im Gegenzug auf sie ein.

Es nimmt also nicht Wunder, wenn die Deutsche Kinemathek, welche die Ausstellung zusammen mit der Bundeskunsthalle Bonn (wo sie im Winter 30 000 Besucher hatte) ausrichtet, nicht genug bekommen kann von dieser heroischen Epoche der deutschen Filmgeschichte. Sie schreibt den Mythos des Weimarer Kinos als tragfähiger, vertrauenswürdiger Basis hiesiger Filmkultur beharrlich fort. Zwei Berlinale-Retrospektiven hat sie ihm allein in diesem Jahrzehnt gewidmet. In der letzten, „Weimarer Kino – neu gesehen“, arbeitete sie entschlossen an der Erweiterung des Filmkanons.

Zwar will die Ausstellung die Epoche nicht vollends aus ihrer Verschlagwortung („Metropolis“, „Nosferatu“, Großstadtsinfonien etc.) lösen, die großen Namen Lang, Murnau, G.W. Pabst und Marlene bringt sie dezent ins Spiel. Darüber hinaus entdeckt sie dem Besucher aber eine Vielzahl ungekannter Facetten: eine Wunderkammer, in der Vertrautes sich lebhaft mit Ungeläufigem mischt.

Die von Kristina Jaspers kuratierte Schau greift in unterschiedlichste Richtungen aus. Die Zeit gewinnt ein vielgestaltiges Antlitz. Im ersten Ausstellungsraum, wo eine Montage von Darstellergesichtern den Besucher empfängt, tut sie dies im Wortsinne. August Sanders Projekt einer enzyklopädischen fotografischen Physiognomie der Gesellschaft fungiert als Stichwortgeber. Ohnehin nimmt die Ausstellung die aktuellen Strömungen der anderen Künste (Bauhaus, Expressionismus, dabei namentlich „Die Brücke“) in den Blick und ruft sie nicht nur als Inspirationsquelle, sondern ebenso als Bündnispartner auf. Ihr Strukturprinzip ist der wissbegierige Dialog.

Grosz, Brecht, Hans Richter und andere sind fasziniert von den Möglichkeiten des anderen Mediums; die Avantgarde erobert sich Spielräume. Moderne Architektur und avanciertes Design formulieren eine neue Bildsprache mit, zu deren maßgeblichen Parametern Urbanität und Mobilität werden.

Die Umbrüche bescheren der Ausstellung eine Binnenspannung. Sie gibt dem Besucher zwei gegensätzliche Tempi vor. In den Montagen von Filmausschnitten (Nils Warnecke fingiert hier als raffinierter Medienkurator) werden Taumel, Rausch und Schaulust der Zeit spürbar. Exponate an Wänden und in Vitrinen hingegen verlangen nach Entschleunigung. Dokumente und Briefwechsel wollen konzentriert gelesen werden, nicht nur, weil die Verfasser berühmte Namen tragen wie Freud oder Arthur Schnitzler.

Auch Filmkritik und -theorie setzt die Schau in ihr Recht. Sie agieren nicht allein im Schlepptau der Innovationen, sondern entwerfen eigene Visionen. Diese nüchterne Gegenwarts- und Zukunftstrunkenheit bringt Walter Benjamin in seinem epochalen Wort vom „Dynamit der Zehntelsekunden“ auf den Punkt, das die Konventionen sprengt.

Zur gleichen Zeit etabliert sich ein Starsystem, das die Sehnsüchte der Zuschauer schürt. Marlene und andere werden zu verlässlichen Werbeträgern. Emphatischer freilich erweitert die Ausstellung den Blick auf den Beitrag weiblicher Filmschaffender, die hinter der Kamera als Autorinnen, Regisseurinnen, Kostümbildnerinnen oder als Plakatmalerinnen das Antlitz des Weimarer Kinos mit prägten. Dieser Aspekt fehlte noch weitgehend in ihrer Bonner Fassung. Nun werden Künstlerinnen wie die Malerin und sozial engagierte Dokumentarfilmerin Ella Bergmann-Michel dem Vergessen entrissen. In der Tat trugen sie oft emanzipiert Doppelnamen, während ihre Vornamen in den Filmvorspannen meist unterschlagen wurden. Ihre Biografien sind schillernd, stehen im Zeichen von Entdeckerfreude und Vielseitigkeit. Nicht wenige führten nach 1933 ins Exil.

Dieses Flair von Emanzipation nimmt die Schau noch in einer anderen Hinsicht auf. Sie trägt dem Umstand Rechnung, dass damals die erste Demokratie auf deutschem Boden herrschte: Sie lässt das Publikum als Akteur auftreten. Unbekannte ZuschauerInnen ahmen in Fotoautomaten Mimik und Gestenspiel der Stars nach. Auch als KritikerInnen haben sie Teil am Kino. Zu den reizvollsten Entdeckungen zählen ihre Filmnotizen. „Meine selbstverständliche Sympathie“, schreibt ein gewitzter Kinogänger zu Langs Nibelungenfilm, „gilt dem Drachen.“

Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik, bis 13.10., Berliner Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2

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