Im schwedischen Malmö greift ein Unbekannter gezielt Einwanderer an

Schüsse aus dem Dunkeln

Hannes Gamillscheg
4 Min

Kopenhagen Basi Hassan stand an einer Bushaltestelle im südschwedischen Malmö, als er einen lauten Knall hörte. "Ich dachte, ein Reifen sei geplatzt, aber ich sah kein Auto", sagt er, "dann merkte ich, wie mir das Blut herunter lief." Erst als er die Bluse hochriss und die Wunde sah, verstand er, dass jemand auf ihn geschossen hatte. Warum? Er ahnt es nicht. Eine Woche später wartete ein 28-Jähriger unweit davon auf seinen Bus. "Ich hörte einen Schuss und spürte einen stechenden Schmerz in der Brust", erzählte er der Polizei. Aus einem Gebüsch fünf Meter weiter hatte jemand auf den Mann gefeuert. Auch er weiß nicht, warum.Erinnerung an den "Lasermann"Die beiden sind die bisher letzten Opfer einer Attentatsserie, die die Bewohner in Malmö nun in Angst versetzt und bei der Polizei höchsten Alarm ausgelöst hat. Malmö ist eine raue Stadt, Schießereien sind an der Tagesordnung, rund 50 Anschläge hat es in diesem Jahr bisher gegeben. Doch meist handelte es sich um Sachbeschädigung oder um interne Abrechnungen zwischen kriminellen Banden.Doch seit dem Oktober 2009 gab es 15 Fälle von Schüssen, die sich mit gewohnten Motiven nicht erklären lassen. "Dass Menschen außerhalb der Unterwelt beschossen werden, ist ein neuer, beunruhigender Trend", sagt Kriminalkommissar Per Lidehall. Der regionale Kripochef Jan-Bertil Cederholm ergänzt: "Die Opfer sind völlig normale, ehrliche Menschen, ohne jede Verbindung zu Kriminalität, und völlig verständnislos, warum die Gewalt gerade sie traf." Sie haben nur eines gemeinsam: Sie sind Einwanderer. Jetzt fürchten die Bewohner Malmös, dass ein Rassist durch ihre Stadt geht und wahllos auf Menschen mit dunkler Haut schießt.So etwas hat Schweden schon einmal erlebt. Anfang der 90er Jahre verbreitete der "Lasermann" in Stockholm Angst und Schrecken, als er im Lauf eines halben Jahres mit seiner Laserwaffe einen Mann tötete und zehn weitere teils schwer verletzte. Erst als er im Zusammenhang mit einem Banküberfall festgenommen wurde, endete die Anschlagserie. Der Täter John Ausonius, zu lebenslanger Haft verurteilt, leugnete erst, gestand später aber detailliert seine Verbrechen und sein rassistisches Motiv.Auch damals tobte in Schweden eine heftige Migrationsdebatte. Jetzt hat der Wahlerfolg der rechtspopulistischen Schwedendemokraten das Thema wieder hochgebracht. "Es gibt Menschen mit psychischen Störungen, die sich von so einer Debatte aufhetzen lassen", sagt der Kriminologe Jerzy Sarnecki und warnt: "Solche Leute hören nicht auf, bevor sie verhaftet sind." Lange vermutete die Polizei keine Verbindung zwischen den Attentaten. Jetzt sagt Kripochef Cederholm, dass man von einem Einzeltäter oder einer kleinen Gruppe ausgehe: "Die Vorfälle ähneln einander sehr." Immer nach Anbruch der Dunkelheit, immer aus dem Hinterhalt. "Und es gibt technische Beweise." Zumindest einige der Anschläge wurden mit derselben Waffe verübt.Nur das erste Opfer fällt aus der Reihe: eine Frau, schwedischer Herkunft. Doch sie saß mit ihrem arabischen Freund im Auto, so dass die Polizei an einen Fehlschuss glaubt. Als der Freund ausstieg, um Hilfe zu rufen, wurde auch er niedergeschossen und schwer verletzt. Seine Freundin starb. Sie ist die bisher einzige Tote der neuen Attentatsserie. "Dass er immer auf den Oberkörper zielt, zeigt, dass ihm das Leben seiner Opfer völlig egal ist", sagt Lidehall. Der Unbekannte schoss auf drei Jungen, die aus dem Taxi stiegen. Er schoss durchs Fenster eines Fitnessstudios einen Trainierenden in den Rücken. Immer auf Männer, immer auf Einwanderer. "Es fällt schwer, nicht zu glauben, dass der Hass auf Einwanderer Motiv der Attentate ist", sagt Cederholm.Jetzt warnt die Polizei vor dunklen Plätzen. "Ich habe meinen 17-jährigen Sohn gebeten, am Abend daheim zu bleiben und nicht alleine bei Bushaltestellen zu warten", sagt Tahmoures Yassami, der Vorsitzende des Schwedisch-Iranischen Verbandes. Doch die jungen Leute wollen sich nicht bange machen lassen. "Wir lassen uns von so einem Typen nicht das Leben ruinieren", machen sie einander Mut, während sie wie alle Abende an der Straßenecke lungern.------------------------------Rechter ErfolgDer erstmalige Einzug der rechtspopulistischen Schwedendemokraten in den Reichstag hat eine Debatte über Rassismus ausgelöst. Die Partei erreichte bei der Wahl Mitte September 5,7 Prozent der Stimmen und stellt 20 Abgeordnete im Parlament.Mehrere tausend Schweden demonstrierten daraufhin in Stockholm mit einem Protestzug friedlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus.Im Parlament sind die Schwedendemokraten isoliert: Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt bildete lieber eine Minderheitsregierung, als die Populisten an der Macht zu beteiligen.

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