Im Kellergewölbe des ZMF in der Brunnenstraße drängen sich an einem Dienstagabend junge Mädchen in Trainingsjacken, die Jungs tragen die passenden Holzfällerhemden und Käppis dazu. In der Ecke des Raumes spielt jemand auf einer Gitarre, die lediglich mit einem Miniverstärker verkabelt ist. Zwischen den Aschenbechern auf dem Tresen steht ein Strauß Karottensticks in einem Glas mit Raki.Seit Juni sind im ZMF ein Mal im Monat nicht nur die Backsteinwände roh sondern auch das Essen und die Musik. "Feinkost Rohkost" heißt die Reihe, es dürfte Berlins erste vegane Party sein.Generation mit PlanWährend Berlins Club-Dinosaurier von Marcus Trojan bis Cookie derzeit eine Bar nach der anderen aufmachen und so die Szene dominieren, wird "Feinkost Rohkost" von einer Gruppe junger Leute gemacht, deren Altersdurchschnitt bei 21 liegt. Und sie planen ihre Partys mit dem Eifer, mit dem man früher Abifeten und Klassenfeste organisierte. Es ist eine neue Generation, die schon seit einiger Zeit die Partys der Stadt als Publikum bevölkert. Sie kommen hierher um zu studieren oder in die Schule zu gehen. Und während es vor zehn Jahren noch hieß: "mal gucken, was passiert", hat diese neue Generation einen Plan. Seit sie 15 Jahre alt sind, basteln diese Kids an ihren Lebensläufen.Der Kern der Feinkost-Crew sind Fabian, 20, Christian, 19, und Jan, 21, drei Jungs mit flaumigen Kinnbärten und ein wenig zu langen Haaren. Fabian hat gerade angefangen, an der UDK Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation zu studieren. Christian macht seinen Zivildienst und jobbte bereits beim Radiosender Motor FM, und Jan studiert Eventmanagement. Alle drei organisieren seit Jahren Konzerte, arbeiten mit Bands, haben Praktika in PR- und Werbeagenturen gemacht. Geld verdienen will keiner von ihnen mit den Feinkost-Partys. Hier probieren sie aus, was sie im Studium lernen. Damit werden ihre Partys somit später vielleicht zu einer Referenz in der Bewerbung bei einer Eventagentur. Vor allem aber sind die Partys ein Treffpunkt: Über die Künstler, die sie einladen, lernen die Jungs ständig neue Leute aus der Szene kennen.Zuerst war der Name "Feinkost Rohkost" da. Dann bastelten sie am Konzept, Feinkost, darunter wollen sie Kunst verstehen; Rohkost, das soll heißen: reduziert auf das Wesentliche. Weil sie das ZMF dienstags bekamen, entschieden sie, das Ganze als After Work-Party zu machen. So kam das Essen mit ins Programm.Ihre Bierflaschen stellen die Feinkost-Partybesucher nun also zwischen kleinen Kressebeeten ab, schauen dabei gebannt auf Videos von Filmstudenten, die auf die Wände projiziert werden und die der DJ live vertont. Nach jedem Filmchen gibt es Applaus. Irgendwann wird auch ein bisschen getanzt. Absturz feiert hier keiner, die Party bleibt fast so gesund wie die Paprika-Schnitzen auf den Tischen.Während die Feinkost-Leute anfangs in der Nacht vor der Party noch stundenlang selbst das Gemüse schnibbelten, ist seit der letzten Feinkost-Ausgabe Melanie Holzheimer dabei, sie ist Rohkostköchin, eine der wenigen in Deutschland, die aus Gemüse und Obst Gerichte zaubern, die schmecken, als seien sie gekocht. Und sie ist 32 Jahre alt. "Als ich das erste Mal mit Fabian telefoniert habe, dachte ich er sei Mitte Dreißig und ein fetter Partyveranstalter", sagt Melanie. Sie machte ihr Abi 1999, Fabian 2009. Den Altersunterschied, sagt Melanie, merke man kaum. Nur hin und wieder muss sie lachen, wenn sie auf einer der Partys mit einem Ohr den Gesprächen der Feinkost-Crew zuhörte: "Meinst du ich soll Physik abwählen?" oder "Ich würde ja gerne beim Abbau helfen, aber ich hab' Morgen zur ersten Stunde.""Ich habe jahrelang viel gefeiert", sagt Melanie. Dann kam das andere Extrem: Eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und dann zur Rohkost-Köchin. Sie vermisste das Weggehen. Jetzt hat sie hier einen Weg gefunden, beides zu verbinden. "Gesund klingt ja erstmal unsexy", sagt sie. In den USA ist das anders, da ist es die hippe, junge Szene, die auf "Raw Food" abfährt. Jetzt zeigt Melanie also auf den Feinkost-Partys den deutschen Kids, was man aus Gemüse alles machen kann, verkauft dort Kakao-Shots mit Chili und Burger aus Sonnenblumenkernbrot mit Cashew-Mayonnaise.Es ist schon mal nicht schlecht, im Schlaraffennachtleben dieser Stadt behaupten zu können, man mache etwas komplett Neues, will man eine neue Party etablieren. Im Moment reden sie gerade mit dem White Trash. Wenn alles klappt, wird es ab Februar nächsten Jahres Feinkost im Burger-Restaurant geben.------------------------------Kunst, Spaghetti und MusikAls "Feinkost" gibt es auf der nächsten Party Gedichte von Stephen Mooney und den Recycling-Künstler Jens Hildebrandt. Dazu spielen Musiker wie Janin Johannsen und Bobby McKinnon, danach gibt es elektronische DJ-Sets von I.M.-Trompete und Deroux und Rohrmann .Für "Rohkost" sorgt Raw-Food-Köchin Maria Holzheimer, die unter dem Namen "Aphrohdisia", seit einem Jahr in Berlin roh kocht. Die "Raw-Food"-Bewegung kommt aus den USA, "gekocht" wird nie heißer als 42 Grad, es gibt Spaghetti aus Zucchini-Fäden und unfrittierte Falafel aus Mandeln.Die nächste Party findet am Dienstag, 26. Oktober im ZMF in der Brunnenstraße 10 in Mitte statt. Beginn ist um 19 Uhr und der Eintritt kostet 5 Euro, Studenten und Schüler bezahlen 2,50 Euro.Im Internet unter www.feinkostrohkost.de------------------------------Foto: Abschlussklasse 2009: Die "Feinkost Rohkost"-Crew ist zwischen 16 und 25, nur Raw-Food-Köchin Melanie (Mitte) ist bereits 32 Jahre alt.
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