Immer mehr Polinnen lassen einen Schwangerschaftsabbruch in Berlin, Prenzlau oder Schwedt vornehmen

Zur Abtreibung über die Grenze

Katharina Zabrzynski
5 Min

PRENZLAU. Zum Schluss hat sie selbst nicht mehr daran geglaubt, dass es noch klappen würde. Krystyna Krawczyk* aus Polen sitzt im Behandlungszimmer des Kreiskrankenhauses Prenzlau. Sie ist blass und doch sehr erleichtert. An diesem Morgen wurde bei der 27-jährigen Frau eine Abtreibung vorgenommen. Die nächtliche Fahrt hierher und der anschließende Eingriff seien anstrengend gewesen, sagt sie, "aber das waren die letzten Wochen ohnehin". Schmerzen, Stress, mehrere Autofahrten und Kosten, die ihr Monatsgehalt um ein Mehrfaches übersteigen, hat Krawczyk auf sich genommen - nur um kein Kind auf die Welt bringen zu müssen. "Ich und mein Mann haben bereits zwei Kinder, ein weiteres können wir uns nicht leisten", sagt sie. Die junge Mutter betreibt einen Friseursalon in Torun (Torn), ihr Mann ist Autohändler. "Es wäre auch den beiden anderen Kindern gegenüber ungerecht", fügt sie hinzu.Sie versuchte zunächst, die Schwangerschaft mit Tabletten gegen Magenkrämpfen zu beenden. Umgerechnet 300 Euro hat das Paar dafür auf dem Schwarzmarkt bezahlt. Das Mittel sollte zwar abtreibend wirken, aber die junge Frau bekam davon nur starke Unterleibsschmerzen. Einen Arzt, der bereit gewesen wäre, den Abbruch vorzunehmen, fand sie in Polen nicht. Dann begann die Suche nach einer deutschen Klinik. Ein Freund half als Übersetzer, fuhr mit nach Frankfurt (Oder) zur Schwangerschaftskonfliktberatung. Und irgendwann war da der Termin in Prenzlau.Ein solcher Eingriff wäre in Krawczyks Heimatland nicht möglich gewesen. Das in Polen geltende Abtreibungsrecht ist eines der restriktivsten in Europa und lässt einen Schwangerschaftsabbruch nur in wenigen Ausnahmefällen zu. Es war wohl die katholische Kirche mit im Spiel, als das Gesetz 1993 eingeführt wurde. Zu mehr Kindersegen hat es aber nicht geführt. Die Geburtenrate in Polen ist ähnlich niedrig wie die in Deutschland, und die Frauen entscheiden sich auch immer später für ein Kind. Bis zu 200000 Schwangerschaften werden jährlich abgebrochen, schätzt die polnische Föderation für Frauen und Familienplanung - die meisten illegal im Untergrund in Polen. Doch zunehmend fahren die Frauen dafür ins Ausland. Etwa jede siebte Abtreibung wird in Großbritannien, Österreich, den Niederlanden oder Deutschland vorgenommen. Vor allem in den grenznahen Krankenhäusern in Schwedt, Berlin und Prenzlau boomt der Abtreibungstourismus."Es hat sich unter den Polinnen herumgesprochen, dass Abtreibungen bei uns auch für sie legal sind", sagt Janusz Rudzinski, Gynäkologe an der Frauenklinik in Prenzlau. Voraussetzung ist, dass sie sich vorher beraten lassen. 300 solcher Patientinnen hatte Rudzinskis Klinik im vergangenen Jahr. Dieses Jahr waren es bereits 600, schätzt der aus Polen stammende Arzt. Der Eingriff kostet 410 Euro. Die Frauen kommen aus ganz Polen. Sie stammen aus allen gesellschaftlichen Kreisen, aber gebildete Stadtbewohnerinnen sind in der Mehrheit: Schülerinnen, Studentinnen, aber auch Unternehmerinnen, Beamtinnen oder Künstlerinnen, deren Lebens- oder Karriereplanung zu diesem Zeitpunkt kein Kind vorsieht. Die wirtschaftliche Situation, wie bei Krystyna Krawczyk, stehe dagegen selten im Vordergrund, sagt Rudzinski.Glücklich über diese steigende Nachfrage ist Rudzinski nicht. Als Arzt in einem grenznahen Krankenhaus hat er häufig Patientinnen aus Polen. Sie kommen zur Vorsorgeuntersuchung, Geburt oder ästhetischen OP. "Solche Patientinnen sind mir bei weitem lieber", betont er mehrmals. Wenn er Abtreibungen vornimmt, dann "weil diese Frauen verzweifelt sind und es im Grunde auch um ihr gesundheitliches Wohl geht". Immer weniger gute Gynäkologen in Polen sind bereit, mit einem solchen Eingriff ihre Zulassung zu riskieren. Und obwohl eine illegale Abtreibung in Polen schon mal umgerechnet 2500 Euro kosten kann, wird immer mehr gepfuscht. "Ich habe Patientinnen, bei denen der Fötus nicht ganz entfernt oder die Gebärmutter beschädigt wurde, und mich rufen immer mehr Frauen an, die nach einer solchen Behandlung über hohes Fieber oder starke Blutungen klagen. Das alles dürfte es nicht geben", sagt Rudzinski.Häufig kommen auch Frauen in seine Klinik, die in Polen legal abtreiben dürften. Es sind die wenigen Ausnahmen, bei denen ein solcher Eingriff auch in Polen rechtlich möglich ist: wenn die Gesundheit der Frau in Gefahr ist, der Fötus missgebildet ist oder die Frau nach einer Vergewaltigung schwanger wurde. Doch Schlagzeilen über Frauen wie Alicja Tysiac, der eine Abtreibung verweigert wurde und die nach der Geburt ihres dritten Kindes erblindete, oder über die 14-jährige Agata, die von mehreren Kliniken abgewiesen wurde, bringen immer mehr Frauen dazu, sich im Ausland Hilfe zu suchen. "Die Frauen haben große Angst vor Öffentlichkeit. Die Ärzte wiederum befürchten, als Mörder dazustehen, oder aber sie sehen sich selbst als Seelenhüter, die eine Sünde verhindern müssen", sagt Rudzinski.Tatsächlich ist die polnische Gesellschaft gegenüber dem Abtreibungsrecht tief gespalten. In den Städten gibt es eine Mehrheit für eine Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes. Die Mehrheit der Landbevölkerung hingegen fordert ein komplettes Abtreibungsverbot. Gerade hier ist der Einfluss der Kirche groß. "Die Frauen vom Land haben die größte Angst davor, dass der Pfarrer etwas erfährt", so Rudzinski.Gegen Mittag verlassen Krystyna Krawczyk und ihr Mann das Krankenhaus in Prenzlau. Beim Hinausgehen vergewissert sich das Paar noch einmal, dass es anonym bleibt. "Wenn es herauskommen würde, könnten wir uns Zuhause nicht mehr blicken lassen", sagen sie.*Name von der Redaktion geändert------------------------------Foto: Viele Patientinnen der Frauenklinik in Prenzlau kommen aus Polen.Foto: Janusz Rudzinski, Arzt an der Frauenklinik in Prenzlau

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