Die Diskussionen um den Berliner Wohnungsmarkt reißen nicht ab: Nach dem Mietendeckel und der Enteignungsdebatte steht momentan das von der Regierenden Bürgermeisterin initiierte Berliner Wohnungsbündnis im Vordergrund der Debatte. Ziel des Bündnisses ist es, mit verschiedenen Akteuren gemeinsame Antworten auf die Herausforderungen des Berliner Wohnungsmarkts zu finden.
Nach sechsmonatiger Arbeit wurde im Juni 2022 ein Papier mit Vorschlägen, z. B. zur Begrenzung von Bestandsmieten und Neuvermietungsmieten vorgelegt. Die Tatsache, dass sowohl Vertreter:innen der Mieter:innen als auch der Vermieter:innen die in dem Bündnispapier aufgelisteten Vorschläge nicht unterschrieben haben (und zwar mit der Begründung, dass die vorgeschlagenen Regelungen eine zu geringe Wirkung haben, so der Berliner Mieterverein bzw. der Aussage, dass die Reglungen zu weit gingen, so der die Vermieter:innen-Seite vertretende Zentrale Immobilienausschuss und der Verband Haus und Grund), zeigt die festgefahrene Situation und die Schwierigkeit, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln.
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Neben den vom Bündnis vorgeschlagenen Verpflichtungen zum Umgang mit Mieterhöhungen werden insbesondere die Neubauziele in der Öffentlichkeit diskutiert. Bis zum Ende des Jahres 2026 sollen mindestens 100.000 Wohnungen in Berlin neu gebaut werden und es sollen pro Jahr 5000 neue Sozialwohnungen gebaut werden. Inwieweit diese Ziele umsetzbar sind und welche Effekte dies auf den Berliner Wohnungsmarkt hat, lässt sich angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen des Wohnungsbaus (z. B. der Mangel an Baumaterial und Fachkräften sowie an verfügbarem Bauland) momentan nur schwer abschätzen.
London macht evidenzbasierte Stadtpolitik
Unabhängig von den möglichen Umsetzungsschwierigkeiten verwundert an den Neubauzielen aber die geringe Konkretisierung: So ist z. B. unklar, welche Art der Wohnungen (Ein-, Zwei- oder Mehrraumwohnungen) errichtet werden sollen oder auch, wie vom Mieterverein kritisiert, wer für die Errichtung der Sozialwohnungen zuständig sein soll. Auch die Frage, wie die Umsetzung der Neubauziele überprüft werden soll, wird vom Bündnis nicht thematisiert.
Ausgerechnet ein Blick nach London könnte in dieser Situation hilfreich sein. Die britische Hauptstadt ist zwar einerseits bekannt für Wohnungsknappheit, horrende Mieten und explodierende Immobilienpreise, andererseits verfolgt die Stadt seit einigen Jahren konsequent eine sogenannte evidenzbasierte Stadtpolitik. Im Rahmen dieses Ansatzes werden umfangreiche aktuelle Daten zur Stadtentwicklung gesammelt und diese dann den entsprechenden politischen Zielvorgaben gegenübergestellt.
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Die Daten werden dabei anschaulich aufbereitet und sind von der zentralen Website des Planning London Datahub kostenlos für alle abrufbar. Die Londoner Wohnungsbauziele sehen vor, bis zum Jahr 2029 mehr als 640.000 neue Wohnungen zu bauen, die schwerpunktmäßig in größeren Neubaugebieten errichtet werden sollen. Diese politischen Ziele sind für die einzelnen Londoner Bezirke spezifiziert, und es werden auch Aussagen zum jeweiligen Anteil des bezahlbaren Wohnens gemacht.
Die Besonderheit des Londoner Ansatzes ist es, dass die Umsetzung der Ziele transparent dargestellt ist und sich aktuelle Daten zu den Wohnungsfertigstellungen für alle Bezirke auf der Website des „residential completions dashboard“ finden lassen. Dabei werden für alle Stadtbezirke konkrete Zahlen zu neu gebauten Wohnungen, der Art der Gebäude, dem Anteil geförderter Wohnungen, der Größe der Wohnungen und der genauen Lage des Wohnungsneubaus angezeigt und mit den entsprechenden wohnungspolitischen Zielen verglichen. Alle Daten sind in Tabellenform als sogenannte offene Daten herunterladbar und können insofern leicht weiterverarbeitet werden.
In Berlin muss man Informationen lange suchen
Im Ergebnis existiert in London eine sehr genaue Datenbasis zur Entwicklung des Wohnungsmarkts, zum Grad der Zielerreichung und zu den konkreten Wohnungstypen, die in den einzelnen Stadtteilen wann errichtet wurden. Auch wenn das Londoner Dashboard nicht perfekt ist (so gibt es z. B. keine Aussagen über den Energieverbrauch oder die generelle Nachhaltigkeit der errichteten Gebäude), so können die aufbereiteten Daten dennoch dazu beitragen, dass ein gemeinsames, datenbasiertes Verständnis über die Probleme des Londoner Wohnungsmarkts vorherrscht und zielgerichtete, nachvollziehbare wohnungspolitische Maßnahmen ergriffen werden können.
In Berlin hingegen wird eifrig über den Wohnungsneubau diskutiert, die Datenbasis ist allerdings wesentlich schwächer als in London. So veröffentlicht zwar das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Daten zu den neu gebauten Wohnungen, die Investitionsbank Berlin gibt jährlich einen Wohnungsmarktbericht heraus und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen publiziert Aussagen zu den neuen Stadtquartieren und den dort geplanten Wohnungen.
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Diese Informationen sind aber nur nach längeren Suchen auffindbar, teilweise in dicken Berichten versteckt, oder nur nach Anmeldung auf einer Plattform zugänglich bzw. schlicht nicht mehr aktuell. Eine systematische Darstellung aktueller und historischer Zahlen, heruntergebrochen auf Bezirks- oder Kiezebene und abgeglichen mit den wohnungspolitischen Zielen, so wie sie in London existiert, findet sich jedoch nicht.
Die Berliner Daten können auch nur schwer weiterverarbeitet werden, da sich z. B. der Tabellenband des Berliner Wohnungsmarktberichts nur als PDF-Datei herunterladen lässt und nicht als computerlesbare Tabellen. Diese fehlende Datenorientierung der Berliner Wohnungspolitik ist kein kleines technisches Detail, das man mit einem Schulterzucken und den Hinweis auf die langsame Digitalisierung deutscher Verwaltungen abtun kann.
Die Auseinandersetzung um Wohnen als drängende soziale Frage wird unser künftiges Zusammenleben in den Städten bestimmen. Wo neu gebaut wird, welche Art von Wohnungen errichtet wird und inwieweit Zielvorgaben erreicht werden, ist daher für alle Bewohner:innen von Bedeutung. Transparente Informationen darüber können die hitzigen Diskussionen über den Berliner Wohnungsmarkt versachlichen. Bei der weiteren Umsetzung der Vorschläge des Wohnungsbündnisses und der künftigen Ausrichtung der Berliner Wohnungspolitik sollte daher die Rolle von und der Zugang zu Daten eine viel wichtigere Rolle spielen.
Florian Koch lehrt und forscht als Professor für Immobilienwirtschaft, Stadtentwicklung und Smart Cities an der HTW Berlin und ist momentan Gastforscher am UCL Urban Laboratory in London.
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