Als besonnen ist er dem Publikum keineswegs bekannt, auch nicht als sonderlich diplomatisch oder gar als Mann mit deeskalierenden Fähigkeiten. Eher schon als Provokateur, und wenn nicht als Provokateur, dann aber gewiss als Universal-Schwadroneur: Wo Lothar Matthäus ist, da ist Meinung, und wo Meinung ist, da ist auch Diskussion. Konjunktur als Anstoßgeber heftiger Debatten hat Matthäus gegenwärtig allerdings nicht. Seine Instant-Ansichten produziert er in auswärtiger Mission unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit: Im Amt des Trainers von Partizan Belgrad wurde er jüngst Meister, doch auf welches Abenteuer sich der gelernte Münchner und Mailänder im serbischen Restteil Jugoslawiens tatsächlich eingelassen hat, dürfte ihm schlagartig während eines Turniers auf neutralem Boden im schweizerischen Kriens aufgegangen sein. Als sein Team gegen den kroatischen Renommierklub Dinamo Zagreb spielte, entbrannte unter den Zuschauern schon nach ein paar Minuten Randale. Und Matthäus reizte zusätzlich: Er warf den Auswechselspielern des Gegners und den Offiziellen ein paar deftige Worte zu. Ein weiteres Handgemenge war die Folge. In der 69. Minute stürmten Anhänger das Feld, der Schiedrichter brach ab, Spieler und Zuschauer droschen aufeinander ein; erst zwei Hundertschaften der Polizei konnten die Verfeindeten trennen.Natürlich reagierte Matthäus nicht sonderlich ungewöhnlich für einen Trainer. Er provozierte den Gegner, das kommt vor. Doch er ließ außer Acht, dass Rivalität bloß eine freundliche Umschreibung für das Verhältnis der Anhänger von Dinamo und Partizan ist. Das zeugt von Naivität, vielleicht sogar von mangelnder Sensibilität und fehlendem Interesse an der Geschichte des eigenen Vereins. Spiele der beiden Klubs waren in der Zeit vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg eine politisch missbrauchte Veranstaltung. Eskalationen zwischen Serben und Kroaten waren die Regel. Matthäus war sich über deren Verhältnis wohl noch nicht im Klaren.Lothar Matthäus ist angekommen in der Wirklichkeit des jugoslawischen Fußballs. Das ist eine Herausforderung für ihn, den Hochgeschwindigkeits-Rhetoriker, dessen Wörter stets den Gedanken überholen. Fingerübungen in Diplomatie wird er absolvieren müssen; und der Schwierigkeitsgrad könnte kaum höher sein.
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