Berliner Busfahrer sind wie das Wetter, daran haben wir uns schon gewöhnt. Hat man Glück, machen sie lustige Sprüche, plaudern und verbreiten gute Laune, dass man sich den Bauch halten möchte vor Lachen. Manchmal kommt es sogar vor, dass sie einen umsonst mitfahren lassen, weil die Kasse gerade nicht funktioniert oder kein Wechselgeld mehr drin ist.
Hat man Pech, sind sie schlecht gelaunt und gnatzig. Schnauzen. Schimpfen. Brüllen ins Mikro, dass einem die Ohren wehtun. Auch das ist – obwohl nicht schön – irgendwie hinnehmbar und lässt sich gerade noch unter Berliner Charme abbuchen. Manche können sogar darüber schmunzeln. Eines geht aber überhaupt nicht! Dass Busfahrer oder Busfahrerinnen Menschen völlig respektlos behandeln, die komplett auf sie angewiesen sind. Wer sich derart daneben benimmt, hat in einem öffentlichen Verkehrsunternehmen nichts zu suchen:
Mittwochmorgen. Kreuzberg im Regen. Haltestelle Adalbertstraße/Oranienstraße. Bus M29, Doppeldecker, hält. Es ist 8.52 Uhr. Hinter dem Steuer sitzt eine Frau. An der Haltestelle warten etwa ein Dutzend Fahrgäste, unter ihnen ein Rollstuhlfahrer. Ein freundlicher junger Mann, graue Wollmütze, dunkle Brille. Er winkt der Busfahrerin zu. Er wartet vor der mittleren Tür, dass sie ihm die Rampe ausklappt. Nichts passiert. Die Fahrerin bleibt sitzen, die Fahrertür vorn bleibt zu.
Sie blickt ihn nicht an
Hinten steigen die Fahrgäste ein, andere warten und wollen dem Rollstuhlmann den Vortritt lassen. Die Fahrerin reagiert nicht. Der Rollstuhlmann rollt zur Fahrertür, winkt, klopft an die Scheibe. Die Fahrertür bleibt zu. Die Fahrerin bleibt sitzen, blickt ihn nicht an, blickt stur geradeaus.
Kein Wort der Erklärung für ihn, keine Geste. Draußen steht – wie ein Bittsteller – der Rollstuhlfahrer. Andere Fahrgäste rufen, klopfen. Die hinteren Türen schließen sich. Der Bus fährt ab. Im Regen bleibt der Rollstuhlfahrer zurück. Als einziger. „In Berlin“, sagt er leise, „bin ich als Rollstuhlfahrer Luft. Das ist mir schon so oft passiert.“ Es klang ziemlich verzweifelt.
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