Es schaukelt ein wenig an Deck. In regelmäßigen Abständen tuckern Ausflugsdampfer vorbei und sorgen für Wellengang. Für keinen besonders stürmischen, doch für Landratten irritierend spürbar. Ein sanftes Lüftchen weht, Berlin ist Land, und wir sind auf dem Wasser. Ist es die Illusion vom langsamen Entgleiten in die große weite Welt, die Sehnsucht nach unverbindlicher Weltentdeckung, heute hier, morgen dort? Jedenfalls boomt das Geschäft mit den Booten vor Anker, mit den Restaurants an den Ufern der Großstadt.Der jüngste Beweis ist das Restaurantschiff am Helgoländer Ufer. Schon nach kurzer Zeit hat es sich herumgesprochen, dass es in der Nähe der Moabiter Brücke noch eines der begehrten Schiffe gibt, mit guter Küche sogar.An Deck sind zwei Terrassen, eine Art Wintergarten, ein verglaster Mittelteil trennt Bug und Heck. Auf der Speisekarte finden sich japanische und italienische Gerichte. Warum diese Kombi? "Ich selbst bin ein Fan der japanischen Küche, und immer wenn ich mit Freunden essen gehen wollte, scheiterte es an einem, der nicht auf rohen Fisch steht!" Recht hat Mathias Boehme, Schiffseigner und langjähriger Gastronom. Wer kennt das nicht? Gegen gute italienische Küche gibt es selten Einwände.Boehme ist ein Nordlicht, kommt also von der Nordseeküste, hat als Gastronom in Hamburg, dann Schwerin gearbeitet und in Berlin seinen Traum verwirklich. Das hat vier Jahre gedauert. Denn Berlins Behörden sind sehr vorsichtig, wenn es um neue Projekte an und auf dem Wasser geht. "Ausdauer und Geduld", so der Rat Boehmes, helfen da weiter. Mit verschiedenen Firmen hat er dieses originelle Schiff - eine Konstruktion auf Pontons - entworfen. Es ist nicht fahrbar. Wenn es vom Helgoländer Ufer ablegen muss, dann muss es geschleppt und das Glasdach abgebaut werden. Sonst kommt das Restaurant unter keiner Brücke durch.Mit der Cäpt'n Schillow am Landwehrkanal ist das anders. Der Kahn war gerade auf dem Trockendock. Das muss nämlich alle zehn Jahre sein, wie Schiffseigner Norbert Knüppel berichtet. Der Gastronom hat neben seiner Konzession auch das Schiffspatent, kann also sein Restaurantschiff selbst die Spree entlang schippern. Auch in der Küche bleibt der Mann seit fast elf Jahren dem Wasser und der Schifffahrt treu, und im Wesen ist er auch eher seemännisch trocken. Wenn er von seinen klassischen Fischgerichten erzählt, haben Matjes und Labskaus genau denselben Stellenwert wie Großgarnele - "ist ja eigentlich nichts Besonderes" - oder Dorade. Seine Frühstücke à la Carte heißen zum Beispiel "Leuchtturm", dabei nutzt er eher die farbliche Assoziation und serviert Mozzarella auf Tomaten, aber auch andere italienische Zutaten. Das für Landratten - Kapitän Knüppel findet das lustig - ist mit Müsli und frischen Früchten.Einfach zu finden ist auch diese Adresse nicht. Gerade wird das Charlottenburger Tor renoviert. "Danach wird es richtig schön, denn der Weg wird neu gemacht", die Grünanlage kultiviert, und die Kandelaber von 1909 leuchten den Weg zum hölzernen Deck des Cäpt'n Schillow. Neben dem seit kurzem die Pauline vor Anker liegt. Die kann gechartert werden und hat Platz für 50 Gäste.Auch die ältesten Restaurantschiffe in Kreuzberg kann man mittlerweile mit mehreren Booten erreichen. Nebenan liegen die Philippa und Josephine vor Anker. Beide sind seetüchtig und bieten ideale Bedingungen zu feierlichen Anlässen. Aber auch gebruncht werden kann am Wochenende, während einer Drei-Stunden-Fahrt.Das Geschäft läuft mittlerweile so gut, dass Landratten vorbestellen sollten, wenn sie am Wochenende an Bord gehen wollen, Sabine Cichos, die rechte Hand des Van-Loon-Kapitäns, kann das nur bestätigen. Die Van Loon ist eine Hafenbarkasse von 1917 und stetig modernisiert worden, bis sie 1989 im Urbanhafen anlegte. In der Kombüse sorgt Küchenchef Markus Müller für anspruchsvolle Küche. So sind die "Schiffs-Spezialitäten im Sommer" frische Blattsalate mit Sherry-Vinaigrette, dabei wahlweise marinierter Thunfisch oder feine Büsumer Krabben. Auch schiffsgebeizter Lachs auf Kartoffelpuffer an Senf-Dill-Sauce kommt auf den Tisch. Das schmeckt gut und schafft Vertrauen in die Smutjes unter Deck. Dazu der Blick über den Urbanhafen, kaum Schaukelei - so könnte der Sommer ewig dauern, und vielleicht sticht doch noch mal einer dieser Kutter spontan in See?------------------------------Gute AdressenRestaurantschiff Capt'n Schillow Straße des 17. Juni, auf dem Landwehrkanal, Höhe Charlottenburger Tor, Charlottenburg, Tel. 31 50 50 15, www.capt.schillow.de; Mo-Fr ab 12 Uhr, Sa+So ab 10 Uhr, Küche bis 23 UhrPhilippa & Josephine im Urbanhafen, Kreuzberg, Tel. 692 62 93, www.vanloon.de; Rundfahrten: Mo-Fr 19-22 Uhr, Sa 12-15 Uhr, So 10-13 + 14-17Uhr, für alle Fahrten Reservierung erforderlich, Fahrplan unter www.vanloon.deVan Loon Carl-Herz-Ufer 7, im Urbanhafen, Höhe Baerwaldbrücke, Kreuzberg, Tel. 692 62 93, www.vanloon.de; tgl. 10-1 Uhr------------------------------Foto: Italienische und japanische Küche auf dem Restaurantschiff Patio, Kirchstraße 13, am Helgoländer Ufer, Tiergarten, Tel. 40 30 17 00, tgl. 8.30-1 Uhr
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