BERLIN, 23. Oktober. Es geht den Hoppegartener Trainern wie den Kleinaktionären an der Börse. "Wie oft schon haben wir geglaubt, wir könnten nicht tiefer fallen", sagt Martin Rölke, "und wie oft schon haben wir uns geirrt." Der 55-Jährige, der in den 90er-Jahren mit dem Hengst Artan in Oslo das norwegische Derby gewann, in Marseille im Prix Andre Babon siegte, beim Premio Presidente della Repubblica in Rom triumphierte und auch in Hongkong galoppierte, will nicht als Jammerer dastehen, die Zweifel an der Zukunft aber vermag er nicht vollends zu unterdrücken. Im Jahr elf der deutschen Einheit ist in Hoppegarten ein historisches Tief erreicht. Nie zuvor wurden hier auf der Galopprennbahn vor den Toren der deutschen Hauptstadt weniger Rennen ausgetragen. Nur noch 150 PferdeDie Jahresbilanz 2001 ist eine Ansammlung von Negativ-Rekorden: Das betrifft die Zuschauerzahl, den Totoumsatz, die Rennpreise (siehe Tabelle). Und ebenso den Pferdebestand. Ganze 150 Galopper stehen derzeit in Hoppegarten. Zur Wendezeit waren es 400. In der Aufbruchstimmung nach der politischen Vereinigung wurde als Ziel für das Jahr 2000 die Zahl 1 000 ausgerufen. Die Euphorie ist der Ernüchterung gewichen. Im Jahr 2001 ging es allein ums Fortbestehen. Im Frühjahr hatte das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen, die oberste Behörde der deutschen Galopper, dem rennveranstaltenden Union-Klub wegen unsicherer Finanzlage die Lizenz entzogen. Statt im April begann die Saison so erst im Mai, vier Renntage des Jahres wurden gestrichen. Ein weiterer Tiefschlag: Der Union-Klub fand keine Sponsoren für das Europa-Championat, verlor so ein Rennen internationaler Klasse. Aber dann gab es auch Hoffnungszeichen. Im Juni wurde Peter Boenisch, einst Regierungssprecher unter Kanzler Kohl, zuletzt gefragter Publizist, zum Präsidenten des Union-Klubs gewählt. Ein Mann mit Verbindung zu Politik und Wirtschaft, ein Mann, der die Tresore von potenziellen Sponsoren öffnen könnte. Zwar nicht über Nacht, aber langfristig schon. Einen Erfolg hat die neue Führungs-Crew um Boenisch bereits verbucht. Anfang Oktober unterschrieben der Union-Klub und die Hoppegarten GmbH als Tochter der Treuhandnachfolgerin Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft einen Erbbaurechtsvertrag. Der Union-Klub kann nun ähnlich wie ein Eigner agieren, er darf Unterpachtverträge abschließen, die Vertragslaufzeit von 99 Jahren macht ihn kreditwürdig. Boenisch, der am Sonntag beim gelungenen Saisonfinale fehlte (Rölke: "Ein bisschen erstaunt hat mich das schon"), stellte zudem die Weichen für ein professionelles Management, in dem er Günther Gudert, Geschäftsführer der Derbybahn in Hamburg, zum Teilzeitengagement verpflichtete. Und der 53-Jährige holte dann als erstes Hoppegartens langjährigen Geschäftsführer Artur Boehlke, zuletzt nur noch tangierend tätig, "wieder fester ins Boot. Es ist wichtig, dass hier Leute arbeiten, die etwas von Pferden verstehen und vom Umgang mit den Menschen". Das Programm für 2002 - Änderungen vorbehalten - steht. 15 Renntage sind geplant, Premiere soll am 31. März, Ostersonntag, sein. Gudert will darum kämpfen, dass das Europa-Championat "wieder dahin zurückkommt, wo es hingehört, nach Hoppegarten". Den früheren Sponsor und Namensgeber - BMW - hatte der Hamburger einst für das Rennen in Hoppegarten geworben. Gudert hofft, den Automobilhersteller wieder zu gewinnen, "ich bin Berufsoptimist". Erinnerung an den März 1990 Auch was den Pferdebestand betrifft: "Ich arbeite daran, dass wir im nächsten Jahr 120 mehr hier haben." Neue Trainer sollen kommen, "nicht irgendwelche, sondern einer aus den deutschen Top Ten, und noch ein bis zwei weitere gute Adressen". Der Hamburger verbreitet Aufbruchstimmung. Und selbst Martin Rölke ist gewillt, ihm zu glauben. Denn Gudert war maßgeblich an der Organisation eines Ereignisses beteiligt, das die Hoppegartener nie vergessen: Am 31. März 1990 fand hier der "1. deutsch-deutsche Renntag" statt - mit 45 000 Zuschauern. Schon schwärmte man damals von neuer, alter Blüte nach 40 Jahren Dornröschenschlaf in der abgeschotteten DDR. Vielleicht gelingt Gudert - und dem Union-Klub - der Weckruf im zweiten Anlauf.2001 ist das Jahr der Minus-Rekorde // Jahr Renntage Rennen Umsatz Umsatz/Rennen Rennpreise Zuschauer 1991 18 162 6,928 Mio 42 770 Mark 2,813 Mio 300 000 1992 18 162 8,336 Mio 51 460 Mark 4,819 Mio 290 000 1993 19 172 9,223 Mio 54 580 Mark 4,849 Mio 265 000 1994 18 166 9,185 Mio 55 530 Mark 3,962 Mio 255 000 1995 17 154 9,154 Mio 59 440 Mark 3,801 Mio 211 000 1996 17 154 9,872 Mio 64 100 Mark 3,629 Mio 205 000 1997 15 131 8,725 Mio 66 600 Mark 3,370 Mio 177 000 1998 15 133 8,317 Mio 62 540 Mark 3,203 Mio 170 000 1999 14 125 8,619 Mio 68 950 Mark 2,801 Mio 169 000 2000 17 148 8,681 Mio 59 460 Mark 2,408 Mio 152 000 2001 12 100* 5,440 Mio 56 666 Mark 1,568 Mio 78 000 * davon vier Trabrennen FRANK SORGE Letzter Galopp in Hoppegarten 2001. Am 31. März beginnt die Saison 2002 - mit neuen Trainern und wieder mit mehr Pferden aus heimischen Ställen.
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