MOSKAU. Das Chamowniki-Bezirksgericht liegt auf einer Anhöhe über der Moskwa. Hinter dem Fluss sieht man den Kiewer Bahnhof liegen und in der Ferne die Glastürme von Moskau-City, dem neuen Bankenviertel der Stadt. Der Kapitalismus lässt grüßen, besonders abends, wenn die Türme beleuchtet werden.Auch drinnen, im Gerichtssaal im dritten Stock, lässt der Kapitalismus grüßen. Russlands einst erfolgreichster Milliardär, Herr des Ölkonzerns Yukos, steht vor Gericht. Sieben Jahre schon ist Michail Chodorkowski in Haft, weil er sich dem Kreml nicht fügte. Sein Yukos-Konzern wurde in den Bankrott getrieben und aufgeteilt. Aber obwohl Chodorkowski längst verurteilt wurde, muss er sich seit eineinhalb Jahren erneut rechtfertigen. Steuerhinterziehung, so hieß die Anklage im ersten Prozess. Diebstahl, lautet sie im zweiten. Es geht aber um denselben Vorgang - nämlich das Verschieben von Öl zwischen den Tochterfirmen des Yukos-Konzerns.Im Flur des Gerichts herrscht Gedränge. An diesem Mittwoch hat Chodorkowski seinen letzten großen Auftritt. Die Staatsanwaltschaft hat über sieben Tage hinweg ihr Schlussplädoyer gehalten; es endete mit der Forderung, Chodorkowski für weitere sieben Jahre in Haft zu nehmen, also insgesamt 14Jahre. Nun darf die Verteidigung auftreten. Unter den Menschen, die auf dem Flur warten, sind prominente Oppositionelle und Bürgerrechtler. In sieben Jahren Haft hat sich der einst so kalt agierende Konzernherr in ein Symbol der Opposition verwandelt. Da ist etwa Garri Kasparow, der ehemalige Schachweltmeister. Oder die Dissidentin Ljudmilla Alexejewa, die mit 73 Jahren keine Demonstration auslässt und deshalb ebenfalls schon eine Symbolfigur geworden ist.Plädoyer aus dem GlaskastenDie Menge applaudiert verhalten, als Chodorkowski - kurzgeschorenes graues Haar, randlose Brille, ein verlegen wirkendes Lächeln - in den Saal geführt wird. Er ist an einen Bewacher gekettet, ebenso wie sein Geschäftspartner Platon Lebedew. Eine Sekunde der Nähe, die Menschwerdung des Symbols. Man könnte ihn anfassen.Aus einem Glaskasten heraus hält Chodorkowski sein Plädoyer. Vor ihm sitzen neun Verteidiger, gegenüber in blauen Uniformen vier Staatsanwälte. Sie wird er in den nächsten drei Stunden ironisch loben - dafür, dass sie ihn unfreiwillig freisprechen. In der Tat bleibt die Anklage auf geradezu absurde Weise unklar. Erst legte sie nahe, die Angeklagten hätten das Erdöl der Yukos-Töchter sozusagen physisch aus der Pipeline gestohlen. Dann aber wurden die Vorwürfe auf eine so abstrakte Ebene gehoben, dass gewissermaßen nicht mehr Chodorkowski selbst, sondern der Kapitalismus insgesamt vor Gericht steht. Yukos habe Erdöl billig erworben und teuer verkauft; der Gewinn daraus sei in den Ausbau des Konzerns geflossen und habe so den Aktienkurs in die Höhe getrieben, wovon Mehrheitseigner Chodorkowski profitiert habe. Solche Vorwürfe zitiert Chodorkowski aus einer Gerichtsmitschrift. Wie man überhaupt im 20.Jahr nach Einführung der Marktwirtschaft in Russland so etwas beanstanden könne? Die Staatsanwälte schauen steinernen Blicks.Chordorowski lässt Diagramme und Zitate an die Wand werfen, er leuchtet aus seinem Glaskasten mit einem grünen Zeigestrahl. Es ist ein ermüdender Vorgang, die Anklage zu widerlegen, indem man ihr Widersprüche nachweist. Wie zum Beispiel kann der Yukos-Konzern etwas bei seinen Töchtern gestohlen haben - das ist ja im Kern der Vorwurf -, wenn diese Töchter ihm ganz gehörten?Aber niemand in der Öffentlichkeit zweifelt ja daran, dass die Anklage widersprüchlich ist; nicht juristisch, sondern politisch begründet. Auch Richter Wiktor Danilkin nicht, der mit melancholischer Ruhe auf den Angeklagten schaut, und von den Staatsanwälten höchstens Waleri Lachtin, der sich in quälend langen Vorträgen den Ruf besonderer Begriffsstutzigkeit erworben hat. Gegen Chodorkowskis ironische Spitzen hat er im Gerichtssaal eine richtige Mauer errichtet, bestehend aus einem Zettelkasten, einem Drucker und einem Laptop. "Man muss sich bloß diese Leute anschauen, um zu verstehen, wer recht hat", hat die alte Dissidentin Alexejewa im Flur gesagt.Aber natürlich ist die Anklage widersprüchlich, weil sie es sein muss. Dies ist ein Schauprozess, und Widersprüchlichkeit ist darin keine Schwäche, sondern eine Stärke; man nennt das Dialektik. Die Anklage ist lächerlich und unangreifbar zugleich. Chodorkowski weiß das. Aber die beste Strategie für ihn ist, sie dennoch ernst zu nehmen und sich zu verteidigen, wie man das auch vor einem unabhängigen Gericht tun würde. Nur einmal sagt er, vor einem amerikanischen Gericht würde der Richter sofort den Prozess abbrechen und die Ankläger selbst zur Rechenschaft ziehen.Wenn Sie der Anklage folgen, warnt Chodorkowski am Ende den Richter, dann kämen die Staatsanwälte in einigen Jahren wieder. Mit einer Anklageschrift, die die Kopie der jetzigen sei, und mit der Forderung, ihn ein weiteres Mal zu 14 Jahren Haft zu verurteilen. Will sagen: So wie auf den ersten Prozess der zweite gefolgt ist, obwohl der Sachverhalt der alte ist, so wird wohl auf den zweiten auch ein dritter Prozess folgen.Die Schlussworte gehen in Applaus unter. Richter Danilkin schießt wütend los: Alle, die geklatscht haben, verlassen den Saal! Aber es ist ohnehin Mittagspause.Der Richter ist nicht zu beneiden. In wenigen Wochen wird er sein Urteil verlesen, und es ist ein Urteil auch über seine Karriere. Auch die steinern blickenden Staatsanwälte beneidet man nicht. Ganz zu schweigen von den Angeklagten. Sie könnten nun bis 2017 in Haft bleiben.------------------------------"Mir ist klar, dass in einem Moskauer Gericht ein Freispruch ein Ding der Unmöglichkeit ist." Michail ChodorkowskiFoto: Michail Chodorkowski in seinem Glaskasten im Gerichtssaal
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de