Gut sieht der Mann aus. Schlank ist er, smart wirkt er, das graue Haar umwölkt ein scharf geschnittenes Gesicht. Sein Blick ist noch klar, obwohl es mehr als zwanzig Jahre her ist, seit wir Gordon Gekko das letzte Mal begegnet sind. Er prägte eine Ära mit seinem Leitsatz "Gier ist gut"; eine ganze Generation Börsenmakler nahm sich den skrupellosen Mann im gestreiften Hemd zum Vorbild. Gordon Gekko, der Held aus Oliver Stones Film "Wall Street" aus dem Jahr 1987, wurde zur Ikone. Nun ist er wieder da, und es sieht nicht so aus, als hätte es ihn verändert, dass er sieben Jahre im Gefängnis verbracht hat.Die smarten Ekelpakete sind wohl immer noch die interessantesten Kinohelden. Das fand wohl auch Oliver Stone, warum sonst hätte er Gordon Gekko mit "Wall Street 2" eine zweite Chance gegeben. Und weil Zeit nun mal Geld ist und Geld wiederum - wie der Untertitel des Films sagt - nicht schläft, hat Gekko (Michael Douglas) die Haftzeit gut genutzt, indem er seine Erfahrungen mit Insiderhandel und Betrügereien niederschrieb. Das Buch "Ist Gier gut?" erobert umgehend die Bestsellerlisten, und so sehen wir Gekko gleich wieder Geld machen zu Beginn von Stones neuem Film, dieses Mal als Autor. Da können noch so viele Seifenblasen in den Himmel über dem New Yorker Central Park schweben - nicht alle werden platzen. Die Träume der neuen jungen Generation unterscheiden sich nur in Maßen von denen der Generation vor ihr.Dem Wall-Street-Broker Jake etwa schwebt eine eigene Umwelt- und Energiefirma in Kalifornien vor. Weil es für den Film dramaturgisch nützlich ist, unterhält er eine Liebesbeziehung mit Gekkos Tochter Winnie, die indes nichts wissen will von ihrem Vater. Winnie (Cary Mulligan) und Jake (Shia LaBeouf) sind das aufgeklärte junge Mittelklasse-Paar dieser Tage: wohlsituiert, umweltbewusst und engagiert; Winnie arbeitet bei einem linken Internetportal. Beide glauben daran, die Welt besser machen zu können mit ihren Entscheidungen. Dabei arbeitet Jake - Umweltträume hin oder her - dem System doch stetig zu, das seine Freundin kritisiert. Mit Hilfe von Jake sucht Gordon Gekko nun heimlich wieder die Nähe seiner Tochter. Das ist verwirrend bei einem Mann, der weiß, dass "Gier ist gut" - der Slogan der 1980er - aktueller ist denn je. Anders ist heute lediglich: In den 2000er-Jahren ist Gier legal.Es hat sich also doch etwas geändert - nur ist es so, dass Oliver Stone diese Art des Wandels nicht goutieren kann. Die meisten - oder wichtigsten - Filme von Stone handelten irgendwie von der Pervertierung des amerikanischen Traums. Dieses Grundmotiv hat der Regisseur immer wieder verhandelt, ob er nun vom Vietnamkrieg erzählte ("Platoon"), von diversen US-Präsidenten ("JFK", "Nixon", "W."), von Pop-Mythen ("The Doors", "Natural Born Killers") oder eben von der Korrumpiertheit einer Wirtschaftsmacht ("Wall Street"). Dass Oliver Stone mit linken Idealen sympathisiert, hat er in äußerst affirmativen Dokumentationen wie "Commandante" (über Fidel Castro) oder auch "South of the Border" bezeugt."Wall Street 2 - Geld schläft nicht" arbeitet zwar immer noch mit der Faszination für Gekko; die Kamera hängt hier weiter wie ein kleines Hündchen am Hosenbein von Michael Douglas. Doch allein schon die Tatsache, dass Gekkos Vaterrolle so in den Mittelpunkt rückt, zeigt, dass es im zweiten Teil von Stones Wall-Street-Schaffe um andere, und zwar höhere, Werte als nur die materiellen geht: nämlich um Familie, Liebe, Aufrichtigkeit - um Dinge eben, die ewig sind. Mag auch eine Finanzkrise drohen, wichtiger ist die Schwangerschaft.Das scheint dem Film einiges an Brisanz zu nehmen. Ein gütiger Gekko mit weichem Herz - will man das wirklich sehen? Oliver Stone ist eben auch älter geworden. Immerhin gönnt er dem Publikum noch einen erstklassigen Wirtschaftskrimi mit der tragischen Geschichte eines ehrbaren Wall-Street-Manns der alten Schule (falls es die je gab): Lou Zabels traditionsreiche , oder auch traditionsbeladene, Investmentbank wird auf das Übelste zugrunde gerichtet von einem Mann, der Ende der 1980er bei Gekko in die Schule gegangen sind - und seinen Meister damals in den Knast gebracht hat. Gekkos Rachedurst und Jakes wachsende Skrupel passen gut zusammen.Seinen Wertekonservatismus mag man diesem Film beim besten Willen nicht vorwerfen, wenn man Realist ist. In den USA stammen derzeit vierzig Prozent aller Profite aus Finanzdienstleistungen und nicht aus guter alter Produktion - das muss man sich nur mal vor Augen halten, um das Horrorpotenzial von Wirtschaftsthemen im Kino zu ermessen! Durchaus exemplarisch legt Susan Sarandon in "Wall Street 2" die Rolle einer Immobilienmaklerin an, die ihre Arbeit als Krankenschwester aufgegeben hat, um möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen. Zabels Selbstmord ist am Ende ebenso wenig vergessen wie Jakes Umwelttraum. "Wall Street 2" mag manchen wie der rechte Film für das Öko-Biedermeier der Gegenwart vorkommen. Tatsächlich ist er ein Aufschrei.-----------------------Wall Street 2 - Geld schläft nicht, USA 2010. Regie: Oliver Stone, Drehbuch: Oliver Stone, Allan Loeb, Stephen Schiff, Darsteller: Michael Douglas, Shia LaBeouf, Carey Mulligan, Susan Sarandon, u.a., 134 Minuten, Farbe. FSK ab 6.------------------------------Ein gütiger Gordon Gekko mit weichem Herz - will man das wirklich sehen? Oliver Stone ist eben auch älter geworden. Foto: Gordon Gekko (Michael Douglas) sucht in Jake Moore (Shia LaBeouf) einen Verbündeten, um seine Tochter zurückzugewinnen.
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