Einsam schaukelt der rostige Kutter im Nebel vor der irischen Südwestküste auf der Suche nach Fischen hin und her. Ein großer Fang ist dem Fischer aber schon länger nicht geglückt. Als er das Netz an diesem Tag einholt, hat er ein wahrlich fantastisches Wesen aus dem Wasser gezogen: Zwischen den zappelnden Makrelen liegt eine wunderschöne junge Frau, die in ihrer verfrorenen Anmutung fast wie ein Meereswesen wirkt. Dass sie noch lebt, kann nur ein Wunder sein, und die geschehen meist im Märchen. Folgerichtig entspinnt sich "Ondine - Das Mädchen aus dem Meer" über weite Teile entlang zahlreicher Legenden über weibliche Wasserwesen, die, einmal gerettet, der Liebe willen an Land bleiben.Wenig sagenumwoben, sondern auf triste Weise sozialrealistisch war dagegen die bisherige Existenz von Fischer Syracuse, den die Dorfbewohner wegen früherer Alkoholexzesse nur Circus the Clown nennen. Trocken ist er seit zwei Jahren, seit dem Tag, an dem seine nunmehr zehnjährige Tochter infolge eines Nierenversagens beinahe gestorben wäre. Während die latent aggressive Ex nun mit einem Schotten weitersäuft, versucht er sich als verantwortungsvoller Vater. Bei einer Dialysesitzung mit seiner Tochter Annie erzählt er ihr das vermeintliche Märchen von der sonderbaren Wasserfrau. Annie, die ihrem Vater nicht viel Fantasie zutraut, beginnt der in einer abgelegenen Strandhütte versteckten Ondine nachzuspüren. Tatsächlich verdichten sich die Hinweise, dass die Fremde ein Selkie ist, eine mythische Robbenfrau mit Zauberkräften. Nicht zuletzt gehen Syracuse seit ihrem Auftauchen in großer Zahl Fische ins Netz, die dort sonst nicht vorkommen."Ondine - Das Mädchen aus dem Meer" ist entstanden, nachdem der irische Autor und Regisseur Neil Jordan (The Crying Game, Interview mit einem Vampir) Hollywood genervt verlassen hat und sich in sein Haus in dem Fischerstädtchen Castletownbare zurückzog. Schon oft musste die irische Küste als romantische Kulisse herhalten, so traurig-schön, wie hier von Wong Kar Weis Kameramann Christopher Doyle wurde sie aber selten inszeniert. Dabei mag das schaurige Wetter im Sommer 2008 geholfen haben, trotz aller Idylle den rauen Charakter der Landschaft zu zeigen, die Kargheit, die das Leben hier bedeutet. Von der Realität werden bald auch die Protagonisten eingeholt. Ein finster ausschauender Mann erkundigt sich nach Ondine, der sich als brutaler Krimineller erweist. Aber das wahre Leben bietet auch die Möglichkeit, von dem tragischen Ende der alten Legenden abzuweichen.Mit großem Geschick verknüpft Neil Jordan die märchenhafte und die kriminalistische Ebene seiner Geschichte zu einer hoffnungslos romantischen und optimistischen Hommage an seine Heimat, an der Colin Farrell großen Anteil trägt. Wäre es ohne seinen Namen schon nicht möglich gewesen, das Projekt überhaupt zu finanzieren, spielt er den Fischer Syracuse mit anrührender Verletzlichkeit. Besonders in seinen Szenen mit dem von Stephen Rea herrlich langmütig gespielten Priester mag man ihm das Ringen um das richtige Tun glauben. Weniger originell ist dagegen die Rolle von Alicja Bachleda-Curus als menschenscheue und geheimnisvolle Ondine angelegt, die mindestens einmal zu oft in Unterwäsche und nassen Kleidern auftreten muss. Schön anzuschauen ist das natürlich trotzdem.-----------------------Ondine - Das Mädchen aus dem Meer.Irland 2009. Regie und Drehbuch: Neil Jordan. Darsteller: Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus u. a. 111 Min., Farbe.------------------------------Foto: Ondine (Alicja Bachleda-Curus) im Strickkleid, natürlich in Netzoptik
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