In Sachsen toben Flügelkämpfe und legen den Landesverband lahm

Christoph Seils
3 Min

In den Augen vieler sächsischer PDS-Mitglieder ist die Genossin Barbara Lässig eine "Arbeiterverräterin". In Dresden sitzt die Jungunternehmerin für die PDS im Stadtrat. Gleichzeitig ist sie mittelstandspolitische Sprecherin des PDS-Landesvorstandes. Während ihre Partei, die sächsische PDS, gegen die Aushöhlung von Flächentarifverträgen kämpft, bekennt Barbara Lässig freimütig: "Ich zahle meinen Mitarbeitern keinen Tariflohn." Denn dies würde für ihre kleine Werbeagentur das Aus bedeuten.Diese Meinungsunterschiede sind symptomatisch. Der sächsische PDS-Landesverband ist tief gespalten. Während sich in den anderen ostdeutschen PDS-Landesverbänden die Realpolitiker gegen die Traditionalisten durchgesetzt haben, toben hier seit Jahren heftige Flügelkämpfe. Vor allem zwischen den Städten Dresden und Leipzig schlagen die Wellen hoch. In Dresden bemüht sich die PDS um eine unideologische Kommunalpolitik. Leipzigs Stadtvorsitzender Dietmar Pellmann hingegen machte Schlagzeilen, als er sich anbot, einen Teil der Haftstrafe des letzten SED-Generalsekretärs Egon Krenz abzusitzen.Der Landesverband ist inzwischen handlungsunfähig. Der vor zwei Jahren gewählte Landesvorsitzende Reinhard Lauter gilt als schwach. Mal wurde er nicht zu Parteiveranstaltungen eingeladen, mal verhandelten Landesvorstandsmitglieder öffentlich über seine "sozialverträgliche Entsorgung". Der stellvertretende Landesvorsitzende Klaus Tischendorf scherzte gar, "aus den Landesvorstandssitzungen kommt oft nicht mehr heraus als die Genossen, die hineingegangen sind". Reinhard Lauter wehrt sich lau gegen seine Demontage. Er hält sich für einen guten Landesvorsitzenden und macht die "persönlichen Ambitionen" von Genossen für die Querelen verantwortlich.Mit rund 27 000 Mitgliedern ist Sachsen der stärkste PDS-Landesverband. Wenn die Partei 1998 bei den Bundestagswahlen die Fünf-Prozent-Hürde überwinden will, muß sie im bevölkerungsreichsten ostdeutschen Bundesland deutlich zulegen. 16,7 Prozent erzielte die PDS vor drei Jahren, 20 Prozent in Sachsen gelten parteiintern als Muß. In der vergangenen Woche tourten die 30 PDS-Bundestagsabgeordneten durch Sachsen, um für Stimmen zu werben.Aufmüpfige Basis Bisweilen aber stellt die Basis den Parteistrategen ein Bein. In Dresden bemühte sich Gregor Gysi, bei mittelständischen Unternehmern Vorurteile abzubauen. Noch während Gysi den PDS-Spagat zwischen Gewerkschaftspolitik und Mittelstandsförderung erläuterte, protestierte ein älterer Genosse auf einem Transparent gegen den "Killerkapitalismus".Inzwischen hat der Vorsitzende der PDS-Landtagsfraktion, Peter Porsch, angekündigt, er wolle wieder Landesvorsitzender werden. Porsch führte die Partei schon zwischen 1991 und 1995. Er gilt als der einzige, der den Landesverband zusammenhalten könne. Seine Landtagsfraktion zumindest hat er im Griff. Die Basis allerdings ist alt und müde. Ganze 300 sächsische PDS-Mitglieder sind jünger als 30 Jahre alt, zwei Drittel hingegen sind über 60. Jedes vierte Mitglied ist sogar älter als 75. Im politischen Alltag macht sich die Altersschwäche der PDS längst bemerkbar. So fand sich in der Dresdener PDS letzte Woche niemand mehr, der in der Stadt Plakate für eine Kundgebung mit Gregor Gysi aufhängen mochte.

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