Wer immer noch glaubt, dass sich der Fortschritt edlen Motiven verdankt, der sollte sich den neuen Film von David Fincher ansehen. Er wird eines Besseren belehrt werden und das nicht einmal traurig finden. "The Social Network" erzählt nämlich auf ebenso vergnügliche wie bildende Weise davon, wie Facebook entstand - jenes virtuelle soziale Netzwerk, das einer Eigenbeschreibung zufolge "Menschen mit ihren Freunden, Arbeitskollegen, Kommilitonen und anderen Mitmenschen verbinden will". Das ist schön gedacht - tatsächlich geht Facebook im weiteren Sinn indes darauf zurück, dass sich ein überaus eitler und selbstbezogener junger Mann an seiner Ex-Freundin rächen wollte. Nachdem diese ihn aus gutem Grund verlassen hat, hackt sich Mark Zuckerberg ins Intranet einer Universität und hinterlässt dort allerlei Gehässigkeiten über die Ex: Zu kleine Brüste habe sie und überhaupt.Das Ganze wird ein Riesenerfolg. Fotos und "Bewertungen" anderer Studentinnen folgen, bis ein paar Leute erkennen, was für eine tolle Geschäftsidee das ist - eine Internetplattform dieser Art. Leider sind sie zu dumm, um selbst so etwas zu programmieren, weswegen sie das Computergenie Zuckerberg anheuern. Es ist ein brisantes Team: die reichen, attraktiven, kraft ihrer Herkunft unerträglich selbstbewussten Sprösslinge des Ostküsten-Geldadels und der kleine, dünne, weniger gut bemittelte Jude, fast ein Underdog nach WASP-Maßstäben.Und das ist die Geschichte, die David Fincher erzählt: Es ist eigentlich keine über den technologischen Fortschritt und darüber, wie er das Kommunikationsverhalten der Menschen verändert. Nein, Fincher interessiert etwas anderes viel mehr: ein Sittengemälde in der Aufsteigergeschichte eines brillanten Außenseiters ohne erwähnenswerte soziale Fähigkeiten. Und so karikiert "The Social Network" schon fast seinen Filmtitel, da es dem Regisseur hier um soziale und systemische Durchlässigkeit geht und um Elitenbildung, auch auf Umwegen, die moralisch nicht eben als beispielhaft gepriesen werden können. Die Harvard University ist da mit ihrer Wettbewerbsoffenheit auch für einen Filmemacher ein Experimentierfeld. Dass das größte "soziale Netzwerk" dann ausgerechnet von einem egozentrischen Arschloch in Gang gesetzt wird - auch das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.Fincher kostet diesen Umstand schon in der ersten Szene seines Films aus, wenn im langen vergeblichen Versuch eines Gesprächs klar wird, dass Mark überhaupt nicht versteht, was seine Freundin da eigentlich von ihm will. Begriffe wie Austausch, Fairness, Zuhören oder Einfühlung sind nicht Teil seiner Welt. Kommunikation versteht er ganz anders: Man macht sich selbst zu ihrem Zentrum. Damit behält er recht; damit bootet er skrupellos Freunde und Partner aus. Nach wie vor ist das die Strategie der sogenannten "Mover and Shaker", nennen wir sie einfach: Bestimmer.Und dennoch gewinnt man ihn fast lieb, diesen widerlichen Mark Zuckerberg (hervorragend verkörpert von Jesse Eisenberg). Und das liegt nicht allein an der Entschlossenheit, mit der Zuckerberg sich durchbeißt. Oder an seiner analytischen Brillanz. Eine gewisse Parteilichkeit liegt schon in der Form des Films, der Zuckerbergs Erfolgsgeschichte, vor allem in den Verhandlungsszenen, als Thriller aufzieht. Denn natürlich wird Zuckerberg verklagt von den Leuten, die er reingelegt hat, indem er ihre Idee n einfach selbst umsetzte, beziehungsweise stahl, oder sie um Firmenanteile brachte. Es ist hinreißend, wie unverschämt sich Zuckerberg vor den Klägern verteidigt. Was man so wiederum nicht formulieren kann, denn er verteidigt sich eigentlich nicht - vielmehr reklamiert er sein vermeintliches Eigentum so redegewandt, dass Richter und Anwälte allesamt verstummen. Ein genialer Betrüger, der Millionen macht und damit durchkommt, war im Kino schon immer ein guter Held. Erst recht, wenn er die Welt beglückt.Wobei: Es soll ja immer noch Leute geben, die nicht bei Facebook angemeldet sind. Manche von denen behaupten, ihre derzeitigen Freunde seien ihnen schon zu viel - warum sollten sie sich da noch um hundert weitere im Internet kümmern wollen? Nun, auch diese Leute dürften Finchers Film mit Gewinn sehen und das nicht nur, weil er bildend ist für Ältere. "The Social Network" vermittelt nämlich einen ziemlich genauen Eindruck von den technischen und psychosozialen Rahmenbedingungen, in denen die junge Mediengeneration existiert. Also von der Zukunft. Außerdem schließt dieser Film herrlich paradox an jene US-amerikanische Tradition an, in der ein Einzelner über das System triumphiert und die gesellschaftliche Entwicklung gerade dadurch vorantreibt. Komplex wird von Fincher hier der Begriff des geistigen Eigentums verhandelt und in der Person des Napster-Begründers das Verhältnis von Einzelgenie und Industrie thematisiert. Dass dieser Sean Parker von Justin Timberlake gespielt wird, ist ebenso ein Gag wie ein Gastauftritt von Bill Gates als Dozent - der von manchen Studenten nicht erkannt wird.Facebook soll derzeit 500 Millionen Nutzer haben. "Privatleben ist ein Relikt der Vergangenheit", sagt Mark Zuckerberg, der jetzt 26 Jahre alt ist, einmal im Film. Dass sich Facebook mal an den Freizeitinteressen von Studenten orientierte, hatte Folgen: In medialer Hinsicht ist heute die ganze Welt ein Campus nach Vorlesungsschluss.-----------------------The Social Network USA 2010. Regie: David Fincher. 121 Min., Farbe. FSK ab 6 beantragt. Ab Donnerstag im Kino------------------------------David Fincher zeichnet ein Sittengemälde.Foto: Ein junger Mann will nach oben: Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) posiert sich schon mal in der Nähe der Treppe.
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