WIMBLEDON, 29. Juni. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einem zeigen, was sich verändert. Begleitet und geleitet vom Moderator des All England Clubs nahm Florian Mayer am Montag zum ersten Mal auf dem Podium des Interviewraums Nummer eins Platz. Der Moderator bat mit Rücksicht auf den leicht nervösen Kandidaten, der soeben im Achtelfinale den Schweden Joachim Johansson besiegt hatte, man möge die Fragen in Englisch doch bitte langsam und verständlich stellen, doch dieser Teil war schnell vorbei. Kurze Beschreibung der eigenen Stärken, ein Wort zum nächsten Gegner, Sebastien Grosjean, und danach sprach man wieder Deutsch. Puh, geschafft. Alles gut gegangen bei der internationalen Premiere. "Siehst Du, dass es geht?"An diesem Tag stand auch zum ersten Mal eine kleine Geschichte über Mayer in der Times. Gehalten im beliebten, leicht überheblichem Ton, aber mit der nicht ganz unstimmigen Beschreibung, dieser junge Deutsche bringe zwar die rücksichtslose Effizienz eines Boris Becker oder einer Steffi Graf nicht nach Wimbledon zurück, aber er sehe auf dem Platz nicht so aus, als sei sein Spiel "in Weltschmerz mariniert". Das sicher nicht.Als lieben, netten, zurückhaltenden Jungen hat Trainer Ulf Fischer seinen Spieler einmal beschrieben, aber lieb, nett und zurückhaltend ist der nur außerhalb der Linien. Auf dem Platz geht er mit List und Tücke ans Werk, liebt seine spektakuläre eingesprungene Rückhand und den nervtötenden Stopp, hat ein gutes Gespür für die Notwendigkeiten des Augenblicks und profitiert von der unerschütterlichen Ruhe des Stoikers, der er ist. "Und", sagt Boris Becker, "er hat keine Angst vor dem Gewinnen." Wo genau der Punkt war, an dem der junge Mayer, einst oberfränkischer Meister im Tischtennis, begriffen hat, dass er im Profitennis ein Rolle spielen kann? Ein erstes, leichtes Signal war vor ziemlich genau einem Jahr zu sehen, als er in St. Petersburg ein Challenger-Turnier gewann. "Siehst Du, dass es geht?", fragte Fischer, und die gleiche Frage stellte er wieder, als sich Mayer zu Beginn des Jahres für die Australian Open qualifizierte. Dort gewann er sein erstes Grand-Slam-Spiel und fiel auch deshalb auf, weil er damit der einzige Deutsche in Runde zwei war.In Melbourne sagte Mayer damals noch: "Wenn ich die Top 100 nicht schaffe, werde ich trotzdem weiter spielen." In Paris meinte er nach dem Erstrunden-Sieg, Ende des Jahres wolle er zu den Top 50 gehören, und nun muss er sich neue Ziele setzen. Die 50 hat er erreicht. Und Fischer staunt; wegen des Tempos, mit dem der Junge quasi aus dem Nichts im Viertelfinale der All England Championships gelandet ist. "Man muss viel mit Florian reden", sagt er, "aber er hört sich alles an und versucht es umzusetzen. Ich glaube, das ist der Grund, warum nun alles so schnell gegangen ist."Bis zum Beginn dieses Jahres hat Fischer in seiner Eigenschaft als Nachwuchscoach des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) mit Mayer gearbeitet, doch weil zum einen die Mittel für die Arbeit gekürzt wurden und er zum anderen überzeugt ist vom Talent seines Schützlings, hat er seinen Job beim DTB aufgegeben und ist seit Anfang des Jahres nur noch für Mayer zuständig, trainiert und reist mit ihm und übernimmt auch Aufgaben als Manager. Bisher gab es in dieser Sache noch nicht furchtbar viel zu tun, aber das dürfte sich schnell ändern.Für Mayer ist fast alles neu dieser Tage im Wunderland Wimbledon, Fischer dagegen profitiert von Erfahrungen. Er war Hendrik Dreekmanns Coach, als der 1994 aus dem Nichts das Viertelfinale der French Open in Paris erreichte, und er war Alexander Radulescus Coach, als der 1996 in Wimbledon das gleiche Kunststück schaffte. Für Fischer in beiden Fällen ein kaum zu ertragendes Nervenspiel; Dreekmann vergab sechs Matchbälle seinerzeit, Radulescu immerhin einen im Spiel gegen den späteren Finalisten MaliVai Washington. Ist es denkbar, dass Florian Mayer, der unerschrockene fränkische Jüngling aus Bayreuth, tatsächlich gegen Sebastien Grosjean, die Nummer 13 der Welt, bis zum Matchball kommt - und womöglich darüber hinaus?Der Franzose liebt kein Spiel so sehr wie das auf Rasen, weil es ihm lange Ballwechsel erspart, seine Lust zum trickreichen Spiel erfüllt und seine Fähigkeiten zur Improvisation zum Tragen bringt. Und er ist auch deshalb Favorit, weil er vor einem Jahr in Wimbledon nach einem Sieg gegen Tim Henman im Halbfinale stand - aber unschlagbar ist er nicht. Ulf Fischer glaubt, viel werde davon abhängen, wie sein Spieler mit dem Ambiente einer größeren Bühne zurechtkommen werde. Florian Mayer sagt, erst mal sehen, wie er in der Nacht vor dem Spiel schlafen werde. Und der Grosjean verrät, er habe Mayer noch nie gesehen. Dem Manne kann geholfen werden.------------------------------"Er ist der neue Star des deutschen Tennis. Und Achtung! Vergesst nie die Regel sieben, die da heißt: Unterschätzt die Deutschen nicht." The Times------------------------------Foto: Von wegen lieb und nett: Florian Mayer agiert mit List und Tücke.
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