Industrialisierung

Zehntausende Hunde schufteten wie Maschinen

Nach vielen Unfällen mit Arbeitshunden wurde eine der ersten Verkehrsregeln erfunden.

Maritta Tkalec
6 Min
„Bummler und Arbeiter“, 1895, Gemälde von Heinrich Sperling, vielfach reproduziert und verbreitet als Symbol der Berliner Expansionsjahre

„Bummler und Arbeiter“, 1895, Gemälde von Heinrich Sperling, vielfach reproduziert und verbreitet als Symbol der Berliner Expansionsjahre

© Heinrich Sperling

Müde liegen die kräftigen Ziehhunde auf der Erde. Eben haben sie sich noch ins Zeug gelegt, um den Lumpenkarren ihres Herrn zu ziehen. Der hat vor dem Bierausschank haltgemacht. Wie verwöhnte Kinder, die einen schuftenden Menschen anstarren, stehen Windspiel und Mops (beide bekleidet) daneben. Bessere Gesellschaft begafft Unterschicht. Bummler und Arbeiter – Berlin in einem Bild.


Auf die Zahl gekommen

Hundebevölkerung heute: 103.000 Hunde sind gegenwärtig als steuerpflichtig in Berlin gemeldet. Nach langjährigen Erfahrungen ist davon auszugehen, dass 20 bis 30 Prozent der Hunde nicht registriert sind. Daher schätzt das Statistische Landesamt, dass in Berlin etwa 150.000 Hunde leben. Das heißt bei 3,4 Millionen menschlichen Stadtbewohnern: ein Hund auf 23 Menschen.

Jüngere Entwicklung: 1997 waren 97.574 Hunde registriert, und schon damals galt Berlin als Hundeballungsraum. Hier lebten mehr dieser Tiere als in Hamburg, Köln und München zusammen. Das hat Folgen. Mehr als 3000 Arbeitsplätze existieren durch Hundehaltung, über 55 Tonnen Hundekot fallen jährlich an. Statistisch gesehen liegt alle 20 Meter ein Hundehaufen. 

Geschichte: Zwar schwankten die Zahlen gelegentlich, gingen in Krisenzeiten und unter speziellen Umständen auch mal zurück, doch die Tendenz war immer: Wachstum. 1912 bevölkerten 40.000 Hunde Altberlin (und noch 46.000 Pferde). 1929, also nach Gründung der Großgemeinde waren es ca. 190.000 Hunde bei 4,5 Millionen Einwohner – das waren, fast so wie heute: 22 pro Einwohner. 1937 waren es nur noch halb so viele, 1939 lag der Tiefpunkt bei 82.000 (ein Hund auf 52 Einwohner). Nach dem Krieg stiegen die Zahlen wieder.

Einnahmen und Kosten: Etwa 41 Millionen Euro Hundesteuer nimmt die Stadt ein und hat ca. 33 Millionen Euro Kosten durch Hundehaltung. 50 Prozent der Bürger fühlen sich laut Umfragen von Hunden genervt.


Als es 1895 entstand, gönnten sich auch Bürgerhaushalte längst die Statussymbole, die einst Adeligen vorbehalten waren. Dass der Mops zum Modehund der gehobenen Damenwelt des 18. Jahrhunderts geworden war, hängt mit Königin Sophie Dorothea zusammen, Gattin des Soldatenkönigs und Mutter Friedrichs des Großen. Sie erfreute sich in Schloss Monbijou in Mitte der (mops)-fidelen Tierchen und ihrer Posthornringelschwänze. Ihre Schwiegermutter Sophie Charlotte (1668-1705) hatte 1680 den ersten aus China bei ihr eingetroffenen Mops „garstig“ gefunden. (Alfred Brehm nannte ihn noch 1864 ein „abscheuliches Geschöpf“). Ihr Sohn wiederum, später der Alte Fritz genannt, liebte seine Windhunde abgöttisch, ließ sie in seinem Bett schlafen und die Möbelpolster zerreißen, wenn den noblen Schnäuzchen danach war.

Jagen, wachen, kuscheln

Später traten in den Salons verstärkt Pudel und Spitz auf. Arthur Schopenhauer, 1820 bis 1831 Privatdozent in Berlin, begeisterte sich an seinem Pudel Butz, der mit Beutel allein zum Bäcker lief. Der Philosoph schrieb, er erhole sich bei dem Tier „von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke des Menschen“. Butz tröstete den Sensiblen, und es gab viele wachsendem Stadtstresses ausgesetzte Menschen, die sich nach sicherer Zuneigung und emotionaler Stütze sehnten.

Das ging über das Schoßhunddasein und das Repräsentieren hinaus. Für diese Lieblinge trieb man enormen Aufwand, um sie von besten Malern schick porträtieren zu lassen. Liebhaben und angeben sollen nicht verachtet werden. Heute wissen wir: Freund Hund lässt das Glückshormon Oxytoxin fließen.

Königliche und sonstige Hofhunde hatten die Jagd zu beleben: Sauhatz galt als edelste Aufgabe, und wenn die Gesellschaft in die Jungfernheide ritt, klagten die dortigen Hirten über die wilden Jäger: „Es ist ein Bellen und Sausen in der Luft, ein Giff-Gaff und Gejuche, das einem die Haare zu Berge stehen.“

Von alters her dienten Hunde dem Menschen auch als Wächter, und sie zogen Wagen. In Berlin traten die Karrenköter mit hängender Zunge ab 1775 ins Straßenbild. Sie zogen die Wagen von Markthändlern, Scherenschleifern, Lumpensammlern, Fleischern, Milchverkäufern. In friderizianischer Zeit hatte man Hunde vor den Spielkarren der Kinder gehobener Familien gesehen, nun wurden sie echte Proleten. Wer sich kein Pferd leisten konnte, nahm einen Hund: Kräftige Rassen, meist Mischlinge oder Rottweiler, Doggen oder Sennenhunde, ziehen bis zum Vierfachen ihres Eigengewichts. In den Elendsquartieren am Berliner Stadtrand, heutigen Dritte-Welt-Slums ganz ähnlich, wo die Zuwandererproleten hausten, schleppten Hunde das Holz für Bretterbuden heran.

Die meisten Arbeiterhunde waren in Zeiten der Industrialisierung im Einsatz, als man günstige Transportmittel brauchte. Hunde waren praktisch, fraßen auch Abfälle, ließen sich rasch anspannen, waren willig, ausdauernd und bewachten Hab und Gut auf dem Wagen, wenn Herrchen oder Frauchen sich um Kundschaft kümmerten oder (siehe oben) im Wirtshaus pausierte. Sie verteidigten die essbaren Waren gegen Rudel von Streunern. Per Hundekarren kam die Milch vom Land zu den Mietskasernen. Und wenn das Milchmädchen an der Straßenpumpe die Milch verlängerte, blieb der Hund fein still. Zudem entfiel die 1810 eingeführte Hundesteuer für Arbeitstiere.

„Der will ins Rad“

Um 1900 waren in Berlin 15.000 Zughunde unterwegs. Da gehäuft Unfälle passierten, erfand man das Prinzip „rechts vor links“, eine der ersten Verkehrsregeln. Wenn die Hunde nicht auf der Straße rackerten, liefen viele von ihnen in Göpeln. Die meist hölzernen, mechanischen Anlagen trieben per Welle Maschinen an: Webstühle, Pumpen, Butterstampfer oder rotierende Waschkugeln. Aus Schinkels Zeit kennt man einen Hundegöpel für das Mahlwerk in einer Töpferei.

Hundegöpel (Laufrad) mit Stampfbutterfaß im Museumsdorf Cloppenburg

Hundegöpel (Laufrad) mit Stampfbutterfaß im Museumsdorf Cloppenburg

© Wikipedia/Heinz-Josef Lücking

Bekannt sind die Anlagen in Gestalt von Laufrädern oder -bändern. In der Landwirtschaft schon länger üblich, brachten sie offenbar Zuwanderer in die Stadt. Überall dort, wo eine Dampfmaschine überdimensioniert oder zu teuer war, ließ man Hunde laufen, vor allem in Kleinbetrieben.

Tierquälerei könnte man denken, doch Tierpsychologen sehen Gleichförmigkeit und Verlässlichkeit als Voraussetzung für die Sicherheit, die der Hund für sein Wohlbefinden braucht. Das passt charakterlich zu den Aufgaben im Laufrad oder Zuggeschirr. Als der Heimatverein von Barnstädt (Sachsen-Anhalt) einen Laufradgöpel nachbaute, berichteten die Beteiligten: „Der Hund ist richtig gierig darauf, ins Rad zu kommen und dort loszurennen. Das macht ihm Spaß.“

Heute arbeiten Hunde eher in sozialen Funktionen – als Blindenführer, in Altenheimen gegen die Vereinsamung oder dienen der Polizei als Drogenschnüffler. Und Hundewagenziehen pflegt mancher als Sport. Am liebsten vor Schlitten.

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