Insel weggebaggert: Investor in Schmöckwitz droht jetzt Strafanzeige

Die 650 Quadratmeter große Insel am Langen See wurde abgetragen - quasi unbemerkt.

BLZ
6 Min

In Schmöckwitz ist eine Insel verschwunden. Einfach so. Ein Investor hat sie abtragen lassen, um in seinem Hafenbecken Platz zu schaffen. „Diese Sache ist ein Skandal“, sagt Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) einen Tag nachdem die Berliner Zeitung den Fall aufgedeckt hatte. Igel fordert die „konsequente Ahndung der Verstöße. Man muss den ganzen Fall umfassend aufklären und gegen den Verursacher vorgehen.“ Klar ist indes schon jetzt, dass die Köpenicker Behörden bereits seit mehr als einem Monat von dem Fall wissen.

Vor Tagen schon tauchte in den Briefkästen der Anwohner eine anonyme Postwurfsendung auf. Darin unter anderem die Kopie eines Briefes von Bezirksbürgermeister Igel vom 6. Juli, in dem bereits von „groben Verstößen“ am Rotsch-Hafen die Rede ist.

Fachleute, Kommunalpolitiker und Anwohner nahmen die Nachricht von der verlorenen Insel fassungslos auf, und auch Igel sagt inzwischen öffentlich, dass so etwas in dem Bezirk noch nicht vorgekommen ist: „Auf einmal ist so eine Insel weg – das ist neu. Aber es ist nun passiert.“ Seitdem hat der Bezirk allerdings sehr wenig Erkenntnisse sammeln können, wie in einem Wasserschutzgebiet am Langen See eine 650 Quadratmeter große Insel einfach weggebaggert werden konnte.

Investor will nichts sagen

Der Rotsch-Hafen gehört dem Bau-Unternehmer Nico Thiele aus Jessen in Sachsen-Anhalt. Er hat das Areal vor wenigen Jahren gekauft, um das Gelände zu entwickeln. Der Investor selbst äußerte sich auf Nachfrage der Berliner Zeitung nicht: „Ich möchte kein Statement abgeben“, sagte er am Telefon. Bezirksbürgermeister Oliver Igel sagt jedoch, dass Thiele gegenüber dem Bezirksamt eingeräumt hat, die Arbeiten veranlasst zu haben: „Jemand aus der Verwaltung hat mit ihm gesprochen: Er hat es zugegeben und gesagt, dass er Liegeflächen für Boote schaffen wollte.“ Wie der rechtliche Rahmen für einen solchen Eingriff ist, hat den Investor offenbar nicht interessiert.

Für Igel handelt es sich um besonders schwerwiegende Verstöße, da der Investor zuvor nicht einmal versucht habe, die nötigen Genehmigungen zu beantragen. „Das lassen wir uns nicht bieten“, sagt er. Es sei nicht nur so, dass Umwelt- und Abfallrecht gebrochen wurde. Der Bezirk habe auch im Mai dieses Jahres eine Veränderungssperre für das Areal des Hafens verhängt. Das bedeutet, dass dort keinerlei Bautätigkeiten zulässig sind. Damit liege auch ein Verstoß gegen das Baurecht vor, sagt Igel. Der Bezirk will, dass an dem Hafen ein Zentrum für den Wassersport entsteht. „Der Eigentümer wollte dort hochpreisiges Wohnen haben. Das wollten wir mit der Bausperre verhindern.“

Auch der Berliner Landesverband des BUND befasst sich inzwischen mit der verschwundenen Insel. Der Vorfall aber ist für die Umweltschützer ein erheblicher Eingriff in die Natur: „Deswegen werden wir Anfang der nächsten Woche Strafanzeige erstatten“, sagt Naturschutzexperte Herbert Lohner.

Nachbarn in Schmöckwitz in Aufruhr

Der BUND fordert, dass der Investor die Insel wieder aufschütten muss. Und es geht den Naturschützern auch darum, dass der Investor nicht mit einem Bußgeld davon kommt, um dann seine lukrativen Pläne umzusetzen, sagt Lohner. „Das werden wir auf keinen Fall hinnehmen.“ Auch bei den Nachbarn in Schmöckwitz hat sich der Aufruhr noch nicht gelegt. Es wird geredet. Dass Investor Thiele anstelle der Insel rund zwei Dutzend neue Liegeplätze bauen soll, zum Beispiel. Oder davon, dass sich Anwohner von dem Investor unter Druck gesetzt fühlen, ihm ihre Grundstücke zu verkaufen. Inzwischen hat sich Angst aufgebaut. Sicherlich einer der Gründe, warum hier niemand im Gespräch mit der Berliner Zeitung seinen Namen nennen will.

Die Insel ist weg, nur auf alten Fotos sieht man noch ihre dichten Büsche, das kleine Häuschen, eine Birke. „Es war Natur pur“, sagt ein Nachbar, „aber darauf wurde keine Rücksicht genommen.“ Der Mann, der selbst Zugang zu dem Hafen hat, sagt, dass auf der Insel Schilf wuchs, in dem ein Schwanenpärchen nistete. „Die sind noch da“, so der Nachbar, „ich habe sie neulich am Hafenbecken stehen sehen. Die wurden von der Insel vertrieben.“

Er habe früher auch regelmäßig einen Biber zu der Insel schwimmen sehen, von dem fehle nun jede Spur. „Im Wasser ringsum waren Rapfen heimisch“, eine Fischart aus der Familie der Karpfen. „Die sieht man auch nicht mehr. Die ganze Flora und Fauna hat sich verändert.“

Mieten haben sich verdoppelt

Auch viele Bootsbesitzer seien seit dem Eigentümer-Wechsel verdrängt worden, sagt der Anwohner. „Die Mieten in dem Hafen haben um 100 Prozent angezogen. Viele der früheren Mieter sind weggegangen, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Die Gemeinschaft hat sich zerschlagen.“

Der Name Thiele ging vor einigen Jahren schon einmal durch die Medien: Frank Thiele, Vater von Nico, hatte 2005 unter fragwürdigen Umständen das ehemalige DDR-Rundfunkgebäude in der Nalepastraße für einen Spottpreis von 350 000 Euro gekauft, dann in drei Teile geteilt und wenig später für 3,9 Millionen Euro weiterverkauft. Auch Nico Thiele war in den Deal damals verwickelt.

Jetzt am Rotsch-Hafen ist offenbar noch vieles geplant, ringsum wurden neue Wege angelegt und neue Spundbohlen eingesetzt. Was heute der Hafen ist, war früher nichts als eine sumpfige Wiese. In den 50er-Jahren wurde dort Moorerde abgebaut. So entstand das Hafenbecken. Heute sind die Liegeplätze in Köpenick stark nachgefragt; die Bootseigentümer kommen aus ganz Deutschland. Die Vermietung von Liegeplätzen ist daher ein äußerst lukratives Geschäft.

Und niemandem fiel etwas auf

Die zuständigen Bezirks-Behörden werden sich nun mit dem Senat verständigen. Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr wollte sich auf Nachfrage nicht äußern und verwies auf das laufende Verfahren.

Derweil sind noch viele Fragen offen, vor allem, weshalb das Fehlen der Insel erst jetzt an die Öffentlichkeit kam. Die Arbeiten sollen nach Angaben von Augenzeugen zwischen Mai und Juni erfolgt sein. „Es ist natürlich ein Hammer, dass da einfach eine Insel weggebaggert wurde“, sagt Uwe Döring, BVV-Mitglied der Linken in Treptow-Köpenick und Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Bauen, „wie kann es sein, dass das unbemerkt geschehen konnte?“

Vor allem, weil die Veränderungssperre alle Bautätigkeiten in dem Areal untersagt, hätten die aufwendigen Arbeiten auffallen müssen, meint Döring. Er selbst hatte von den Vorfällen erst Anfang der Woche erfahren und geht davon aus, dass sie nach der Sommerpause auch Thema im Abgeordnetenhaus sein werden. „Wir wollen wissen, welche Schlussfolgerungen das Bezirksamt aus der Angelegenheit ziehen wird.“

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