Integration an Berliner Schulen: Fragwürdiger Umgang mit Willkommensklassen?

Unsere Autorin hat eine Willkommensklasse unterrichtet. Im schulischen Umfeld ist sie nicht selten auf mangelnde Integrationsbereitschaft gestoßen.

Ulrike Bettmann
8 Min
Schülerinnen einer Willkommensklasse hören 2016 dem Sozialsenator beim vorlesen zu.

Schülerinnen einer Willkommensklasse hören 2016 dem Sozialsenator beim vorlesen zu.

© Wolfgang Kumm/dpa

„Wo ist dein Stift?“ Es war das dritte Mal diese Woche, dass Adil keinen Stift und kein Heft dabeihatte. Fast täglich wiederhole ich, dass man sein Material und alle Werkzeuge in die Schule mitbringen muss; Alltag als Klassenleiterin einer sogenannten Willkommensklasse (WK).

Dazu gehören auch Ermahnungen wie jene, dass die Teilnahme am Schulunterricht keine Frage von Lust, Wetter oder Familienfeiern sei, denn für die meisten Kinder war der Begriff „Schulpflicht“ ein Fremdwort. Mir schwante schnell, warum die anderen Lehrkräfte an dieser Schule keine WK übernehmen wollen, wie es die Schulleiterin bei meinem Bewerbungsgespräch andeutete.

In der Tat, dieser Job ist höllisch anstrengend, ich bin nach jedem Unterrichtstag fix und fertig. Wenn ich spreche, versteht mich keines meiner 15 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren aus fünf verschiedenen Ländern. Wie geht Unterricht so überhaupt?!

Konzentriert versuche ich die Aufmerksamkeit auf meine Botschaft zu lenken. Da Adil und seine Schwester Baria nur mitmachen, wenn sie den Lernstoff schon beherrschen, steht der Junge nun erbost auf und geht spielen, Baria legt den Kopf auf den Tisch und schläft. Sie hatten (wieder) gefehlt und steigen sofort aus.

Einige Wochen später werde ich mit der Sozialarbeiterin ihrer Flüchtlingsunterkunft telefonieren. Es wird sich herausstellen, dass die Mutter allein mit ihren sieben Kindern völlig überfordert ist. Hätte ich mir auch denken können. Aber ich hatte noch weitere Kinder, die mich genauso brauchten.

Trotzdem gelang es mir, ein vertrauensvolles Verhältnis zu allen Kindern aufzubauen, sie verstanden meine Kernbotschaft: „Lernen macht schlau, und wir sind ein Lernteam.“ Wir mochten uns. Doch mein Blutdruck schnellte in heiklen Situationen immer ad hoc in gefährliche Höhe. Denn: Ich habe die letzten 20 Jahre als Redakteurin gearbeitet und noch nie eine Willkommensklasse geleitet. Zudem habe ich zwar drei Fremdsprachen gelernt, darunter aber leider nicht Arabisch, Russisch, Farsi oder Dari.

Ich bin nicht mehr 35, sondern 61, meine Kraft ist nicht unerschöpflich. Und ich verfüge noch nicht über jahrelang erprobtes Unterrichtsmaterial, mit dem ich locker vier bis fünf Stunden täglich bestreiten könnte. Da meine Voraussetzungen bei Vertragsabschluss klar waren, machte ich mir früh Gedanken.

Der Schulleiterin schien vor allem wichtig, dass ich gerne mit ausländischen Kindern arbeite. Es ginge darum, dass die Kinder lernten, Deutsch zu schreiben und zu sprechen, so weit auch die Anweisungen der Koordinierungsstelle für Willkommensklassen des Bezirks. Ich aber ahnte, dass ich ein Zeitproblem bekommen würde.

Kein fester Bezugspunkt für die Schüler

Noch vor den Sommerferien schrieb ich der Leitung, dass ich mich gerne auf den Unterricht vorbereiten würde, aber immer wieder scheitere, weil ich nicht einschätzen könne, wo die Kinder genau stehen oder wie ich den Raum in meine Überlegungen einbeziehen kann. Ich fragte auch nach einem Coaching durch eine erfahrene Lehrkraft für mich und nach Patenkindern für die Schüler, damit sie frühzeitig mit deutschen Kindern in Kontakt kämen.

Als ich den Raum nach den Sommerferien dann endlich sah, stellte sich heraus, dass es der Hortraum war, komplett durchdekoriert und voll mit Bastelmaterial, das meine Kinder nicht berühren durften. Die Horterzieher waren mit dieser Entscheidung gar nicht einverstanden, schließlich gäbe es noch ein freies Klassenzimmer.

Täglich erhielt ich mehrere Beschwerden, was meine Kinder in ihrem Hortraum so alles angestellt hätten. Einmal wurde ich von einer Horterzieherin meines Klassenraumes verwiesen, weil ich während des Frühhorts und vor Unterrichtsbeginn den PC hochfahren und mein Material vorbereiten wollte.

Ich konnte sie nicht allzu sehr gestört haben, denn sie hatte schweigend am Lehrerpult gesessen und war mit ihrem Handy beschäftigt. Sie sprach mich nicht an, sondern stand schweigend auf, holte den Hortleiter aus einem anderen Raum, der mich dann – in der Raummitte stehend – vor den Kindern laut zurechtwies und aus dem Raum schickte. 

Ich fragte sie, was genau sie gestört hatte, keine Antwort. Ich selbst favorisierte übrigens auch einen eigenen Raum für meine Kinder. Sie seien entwurzelt, es wäre schön, wenn sie ihren Klassenraum als einen festen Bezugspunkt begreifen und mitgestalten könnten, machte ich meine Perspektive klar. Doch als Newcomerin konnte ich diese Entscheidung nur bedingt einsehen.

Schon wenig später kam es dann zu Ereignissen, die in Richtung Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung gingen, sodass sich im Rückblick auch die Raumfrage anders darstellt. Fremdenfeindlichkeit an Berliner Schulen?

Bei einem der krassesten Beispiele, denen ich beiwohnte, kam eine schon ältere Kollegin angeschossen, während ich vor meinen Kindern stand und sie gerade zur Ruhe ermahnte. Die Lehrerin schrie meine Kinder in einem Ton an, der mich an eine Militärübung der 1930er-Jahre erinnerte. Sie packte zwei am Arm und stieß sie durch den Raum. Meine Kinder seien zu laut gewesen, meinte sie.

Konsterniert sprach ich die Kollegin in der Pause an: „Ich halte mich aus Ihrem Unterrichtsgeschehen heraus – und umgekehrt bitte auch. Nie wieder fassen Sie eines meiner Kinder an.“ Sie stimmte zu. Als ich einmal mehrere Tage krank war, benötigte auch die Willkommensklasse Unterrichtsvertretungen. Ich lieferte das Material via Mail. Und hörte nach meiner Rückkehr, dass sich eine Mutter über das Verhalten der Lehrkräfte ihrem Sohn gegenüber beim Schulamt beschwert hatte.

Auch diese Kollegin hatte die Kinder nicht nur angebrüllt, sondern ihren Sohn angefasst. Es waren also keine Einzelfälle.

Deutschunterricht ohne Deutschbücher

Ich bekam kein Lehrmaterial für meine WK, das war ein Riesenproblem! War ich doch so sehr darauf angewiesen, dass sich die Klasse auch mal alleine beschäftigte, damit ich mich um einzelne Kinder kümmern konnte. Von der Dame der Koordinierungsstelle wurde ich mehrmals angefragt, ob ich das Material erhalten hätte.

Sie hatte mir erklärt, dass jedes WK-Kind ein Lehrmittel-Budget von 100 Euro pro Schuljahr vom Senat erhalten hatte, es gebe also kein Finanzproblem. Die Dame war sehr daran interessiert, dass die Kinder zügig in die Regelklassen und unter deutsche Kinder kamen. „Nein“, musste ich antworten.

Die Bereitstellung des Lernstoffs kostete mich sehr viel Zeit, ich hatte keine Erholungsphasen und kein Privatleben mehr, war nur noch am Arbeiten. Bei der Schulleitung prallte ich mit der Frage nach Deutschbüchern ab, monatelang wurde ich zwischen Verwaltung und Schulleitung hin- und hergeschickt. Nur dass die Koordinierungsstelle auf diese Weise von dem Missstand erfuhr, das war der Schulleitung nicht recht.

Sie gab sich sehr erbost – mir gegenüber. Ich fiele ihr in den Rücken, hieß es, man rede nicht mehr über Lehrmittel mit mir, mein Vertrag ende ja ohnehin im Sommer. Nach einem guten halben Jahr Dauerstress wurde ich sehr krank, mein Arzt zog die Notbremse.

Die Kollegin, die diese Klasse übernahm, konnte zuvor mehrere Monate eine erfahrene Lehrerin im Unterricht begleiten, bekam das Lehrmaterial und den freien Klassenraum. Irgendetwas schien im Hintergrund passiert zu sein, nur hatte ich inzwischen privat 1800 Euro in meine Lehrmittel gesteckt. „Ihre Ausgaben können Sie ja bei der Steuererklärung geltend machen“, wurde ich vertröstet.

Wo beginnt Diskriminierung?

Natürlich hatte ich auch einige freundliche Kollegen. Doch einige unfreundliche Ereignisse später war ich hellhörig geworden und fragte diese: Was ist hier los? Siehe da, ich war nicht die Einzige, die fremdenfeindliche Vorgänge beobachtet hatte. Keine Ahnung, ob das dort schon immer Alltag war oder nun vor allem mir persönlich galt, weil ich mich für die Willkommensklasse einsetzte. Ich vermute, beides.

Fest steht, dass ich bei meinem Anliegen, die Willkommenskinder schnellstmöglich in die Regelklassen überführen zu können, nur widerwillig unterstützt wurde, die Kinder isoliert, statt integriert wurden. Auch herrschte an dieser Schule allgemein ein Umgangston, der mich oft befremdete.

Bei alltäglichen bürokratischen Abläufen wurden ich, die Kinder und ihre Eltern absichtlich nicht bedient. „Diese Eltern müssen nicht denken, dass sie das Formular sofort von mir bekommen“, war eine Aussage. Wie ich Quereinsteigerin ohne passendes Deutschmaterial überhaupt klarkomme, war für meine Vorgesetzte zumindest kein Thema. Der Einladung, unseren Unterricht doch mal zu besuchen, folgte sie nicht.

Man legte mir weitere Steine in den Weg, übertrug mir immer mehr Aufgaben, wurde zunehmend unfreundlicher. Nach einigen Wochen schwante mir, dass die Schulleitung und mehrere Kollegen schon im Vorfeld eine politische Auffassung gehabt haben könnten, die Integration von Menschen aus anderen Ländern ablehnten und die Tatsache, dass diese Schule nun länger keine WK hatte, kein Zufall war.

Bei all diesen Geschehnissen habe ich den Faktor Menschlichkeit vermisst, dass man einander respektvoll, solidarisch und wohlwollend begegnet. Die Willkommensklasse schwamm wie eine geduldete Klasse außer Konkurrenz im allgemeinen Betriebsgeschehen mit, doch von Solidargemeinschaft war wenig zu spüren.

Davon verstand meine bunte Kinderschar umso mehr. Da waren beispielsweise die größeren Mädchen aus Moldawien oder Iran, die die kleineren Kinder trösteten, wenn diese traurig waren. Oder der achtjährige Junge aus Afghanistan, der während eines Schulausflugs versuchte, seinen älteren Klassenkameraden Adil zu beruhigen, als dieser wieder einmal ausgerastet war. Der afghanische Junge gehörte nach drei Monaten Unterricht zu den Ersten, die die Wörter an der Tafel alleine vorlesen konnten. Wenigstens dieses Ziel war geschafft, dachte ich.

„Ulrike Bettmann“ ist ein Pseudonym der Autorin. 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema