In Frankfurt/Main eröffnet am Donnerstag die Internationale Automobilausstellung (IAA). Das diesjährige Motto könnte passender für den fundamentalen Umbruch der Branche nicht sein: "Driving tomorrow". Hersteller und Zulieferer wollen auf der IAA zeigen, dass sie für die Herausforderungen der Mobilität von Morgen gerüstet sind. Aber hat das Auto in einer Stadt wie Berlin überhaupt noch eine Zukunft? Unsere Redakteure Marcus Weingärtner, Christian Schlüter und Paul Linke sagen ganz klar: Nein. In drei Beiträgen erklären sie, warum sie froh sind, kein Auto zu besitzen – oder es bald los zu sein.
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Weg mit der Geldvernichtungsmaschine!
von Marcus Weingärtner
Ich war so stolz – gerade war ich nach Berlin gezogen, hatte mein Volontariat begonnen und eine Wohnung im damals super angesagten Friedrichshain, um die Ecke der hippen Astro Bar – eine von damals vielleicht drei Kneipen auf der Simon-Dach-Straße. Und ich war Besitzer eines Neuwagens, ein Geschenk meiner Mutter zum Umzug in die Hauptstadt.
Menschen reagieren ihre Wut auch an Kleinwagen ab
Ein so unnötiges wie schönes Geschenk. Stolz fuhr ich mit meinem Auto die Karl-Marx-Allee in Richtung Alexanderplatz – da war es, das Großstadtleben! Das Auto war zwar nur ein Opel Corsa, aber ich war nicht anspruchsvoll, was mein Gefährt anbelangte. Für andere Menschen offenbar aber zu anspruchsvoll. Jedenfalls reagierten sie ihren Frust – auf was auch immer – an meinem Kleinwagen ab. Der Corsa war keine zwei Monate alt, als ich eines morgens bemerkte, dass jemand auf der Motorhaube ein Tänzchen veranstaltet hatte, das Blech war eingedrückt von schweren Stiefeln, ihre staubigen Abdrücke zierten die schwarze Motorhaube.
Das Auto als Ziel einer Attacke in Berlin
Ich zog nach Kreuzberg. In den gewaltunverdächtigeren Teil. Nicht wegen des Autos, denn das hätte ich genauso gut in Friedrichshain stehen lassen können: Auch im gediegenen 61 war mein Wagen Ziel aller möglicher Attacken. Innerhalb eines Jahres wurde alles abmontiert, was sich abmontieren lässt: Die Antenne, beide Außenspiegel und die Scheibenwischer. Einmal wurde die Scheibe auf der Fahrerseite eingeschlagen, offenbar von einem Spaßvogel, der mit einem Hammer alle (!) Fahrerseiten der geparkten Autos in der Möckernstraße eingeschlagen hatte. Die Polizei half nicht weiter, klebte aber netterweise die Scheibe ab. Zahlen musste ich selbst, meine Selbstbeteiligung deckte den Schaden passgenau ab.
Parkplatznot in Berlin: Ohne Auto kein Thema mehr
Dazu kam, dass der Verkehr und mit ihm die Not, einen Parkplatz zu finden, massiv zunahmen. Als ich eines Abends, ich war wieder umgezogen, wegen eines Konzertes in der Columbiahalle einen dreiviertel Stunde brauchte, um einen Parkplatz zu finden und 20 Minuten Fußweg, um nach Hause zu kommen, fasste ich einen Entschluss: Das Auto wird abgeschafft.
Das Autohaus, in dem der Wagen gekauft wurde, bot mir noch sage und schreibe 1500 Euro an, verkauft habe ich ihn dann privat für das Doppelte. Ich fühlte mich befreit, endlich war ich diese Geldvernichtungsmaschine los. Und damit viel Ärger und Wut. Das war 2003 und nur der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, fühlte sich genauso gut an. Ich habe mich zweier komplett unzeitgemäßer Angewohnheiten entledigt: Der Nikotinsucht und dem Autofahren.
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Warum ich ohne Führerschein glücklich bin
von Christian Schlüter
Ich wollte nie ein Auto haben. Einen Führerschein auch nicht. Allein die Vorstellung, eine reparaturanfällige, benzinschluckende Blechkiste vor der Tür stehen zu haben, war mir ein Graus. Da ich in immer in größeren Städten gewohnt habe, konnte ich mich stattdessen immer auf Busse, Bahnen und ansonsten auf mein Fahrrad verlassen.
Bigotte Luxushaltung
Zugegeben, mein Autoverzicht war gerade in jungen Jahren nicht wirklich geradlinig, sondern eher eine bigotte Luxushaltung: Bei den unvermeidlichen Umzügen oder Wochenendausflügen freute ich mich immer über meine autofahrenden und vor allem -besitzenden Freunde.Mit anderen Worten: Mir ist sehr wohl klar, dass ich hier nicht als der autolose Bescheidwisser triumphieren kann, der schon immer gewusst hat, was jetzt immer mehr Menschen zu verstehen scheinen, dass Autos nämlich doof sind.
Ja, ja, jetzt sind alle schlauer: Autos töten Menschen, Autos nehmen Menschen den Platz weg, Autos verpesten auch die Umwelt. Und ja, die Autoindustrie in Deutschland bekommt es einfach nicht hin, umweltverträgliche Autos zu bauen, alternative Antriebsformen oder gar Mobilitätskonzepte zu entwickeln – sie spricht immer nur davon, was in anderen Ländern, Japan etwa, längst umgesetzt wird.
Autos sind das neue Rauchen
Stattdessen sorgen unsere Konzerne mit ihrem forcierten Lobbyismus und ihren notorischen Betrügereien, wie jüngst wieder VW, dafür, dass alles so schlecht bleibt, wie es ist. Deutschland hat als innovativer Automobilstandort offenbar abgewirtschaftet. Autos erscheinen mittlerweile wie eine lästige Angewohnheit, wie Rauchen, das man sich schleunigst abgewöhnen sollte.
Dass man jetzt Autos doof findet, hat allerdings nicht nur sachliche und also gute Gründe. Vielmehr steht zu vermuten, dass sich in den letzten Monaten viel Wut angestaut hat. Die hat gewiss auch damit zu tun, dass von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer keine große Hilfe zu erwarten ist, wie das jüngste Maut-Fiasko beweist. In der Politik scheint das Auto kein anderes als einen lobbygetriebenes, aber nicht unbedingt ein zukunftsweisendes Thema zu sein.
Wut auf die E-Scooter
Und die Menschen scheinen zu spüren, dass sich etwas grundlegend verändern muss und auch bereits verändert. Die hysterische Diskussion über die E-Scooter in den Innenstädten zeugt von der Verunsicherung: Es war wie eine Übersprunghandlung – statt sich über den menschenfeindlichen, raumgreifenden, ungesunden Autoverkehr in unseren Innenstädten zu ereifern, erscheinen auf einmal die Tretroller unser größtes Verkehrsproblem zu sein.
Jetzt also haben wir die Chance. Ich nutze den öffentlichen Nahverkehr. In einer großen Stadt wie Berlin geht das – auch mit Kind. Befreien wir die Innenstädte endlich von privaten Autoverkehr. Ich mache das seit 45 Jahren.
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Mein Auto und ich - wir haben uns entfremdet
von Paul Linke
Meinem Golf IV 1.4., 75 PS, Baujahr 2001, Cosmicgreen metallic, Tachostand um die 115.000 Kilometer, geht es nicht gut. Es geht ihm vielleicht sogar schlecht. Ich weiß es nicht genau, ich bin kein Automechaniker, kaum mit dem Jobprofil von Zylinder oder Zündkerze vertraut. Seit einem Jahr hat mein Golf EPC, eine Krankheit namens Electronic Power Control. Das ist eine Störung in der Motorsteuerung, entnahm ich der Betriebsanleitung im Handschuhfach. Vor einem halben Jahr kam eine Störung im Abgassystem dazu. Es sind jetzt immer zwei Warnleuchten an, wenn ich losfahre. Zwei orangefarbene Pickel auf dem Armaturenbrett.
Als Arzt, der ich auch nicht bin, habe ich die immer wieder mal und plötzlich abfallende Motorleistung als Herzrhythmusprobleme beschrieben. Der Werkstattmeister schaute mich noch mitleidiger an, als ich ihm erklärte, dass mein Golf zusätzlich Schluckbeschwerden haben könnte, weil er, wenn ich zu heftig aufs Gaspedal trete, zu zucken beginnt, zu ersticken droht. Der Meister ließ einen neuen Katalysator einbauen. Aber es änderte sich nichts. Meinem Golf IV 1.4 geht es nicht besser. Auf der Autobahn will er nicht schneller fahren als neunzig fahren.
Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben autolos sein
Ich pflege eine einseitige Beziehung zu Autos. Ich brauche meinen Golf, wenn ich zu Ikea fahre oder raus zum Baden nach Brandenburg, neulich habe ich fünf Schrauben beim Baumarkt geholt. Aus Bequemlichkeit, es sah nach Regen aus. Als Gegenleistung bekommt mein Golf einmal im Jahr eine schäumende Unterbodenwäsche, manchmal einen Liter Billigöl. Ansonsten steht er irgendwo vor der Tür, okkupiert die Straße, kostet Geld, wird älter, manchmal vergesse ich, wo ich ihn geparkt habe. Wir haben uns entfremdet. Wir haben keine gemeinsame Zukunft.
Bald werde ich einer dieser in der Seitenablage gesammelten Kärtchen zücken. „Ich bin immer interessiert“, steht da drauf, „rufen Sie mich an.“ Oder: „Ich zahle 300 Euro mehr als andere.“ Dann wird irgendjemand meinen Golf abholen, mich davon überzeugen, dass 100 Euro ein guter Deal ist. Mein Golf wird vielleicht nach Kasachstan oder Kirgisien auswandern, am Stück oder in Teilen. Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben autolos sein. Nicht unbedingt aus Umweltschutzgründen. Eher, weil die Kosten den Nutzen übersteigen. Weil man in Berlin kein Auto brauchen muss. Trotz einer Verkehrspolitik, die eine Wende verspricht, aber keine wagt. Wäre ich ein Psychiater würde ich dem Autoland Deutschland eine Persönlichkeitsstörung attestieren.
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