Die Präsidentin der UN-Vollversammlung Annalena Baerbock hat am Dienstag vor dem Europäischen Parlament für die Verteidigung der Vereinten Nationen getrommelt. In ihrer Rede forderte die frühere deutsche Außenministerin das Europäische Parlament auf, dabei eine führende Rolle einzunehmen und die regelbasierte internationale Ordnung zu verteidigen.
In ihrer Rede vor den Abgeordneten in Straßburg warnte Baerbock zudem vor einem Zerfall des multilateralen Systems. „Die internationale Ordnung steht nicht nur unter Druck, sondern unter Angriff“, sagte Baerbock. Die Welt befinde sich in einer neuen und schwierigen Phase, in der Konflikte nicht mehr unter dem Vorwand der Selbstverteidigung oder des Respekts vor internationalem Recht geführt würden, sondern oft als offene Missachtung dieser Prinzipien.
Baerbock: „Die UN braucht auch die Welt“
Vor vier Jahren sei sie als deutsche Außenministerin zur UN-Generalversammlung gereist, um Europa zum Einstehen für den Frieden aufzurufen. Heute komme sie als UN-Generalversammlungspräsidentin nach Europa mit der umgekehrten Bitte: „Die Welt braucht die UN. Aber die UN braucht auch die Welt.“
Gemeinsam mit UN-Generalsekretär António Guterres habe sie alle Mitgliedstaaten aufgerufen, eine überregionale Allianz zum Schutz der UN-Charta zu bilden. Baerbock begrüßte dabei die Ankündigung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim Weltwirtschaftsforum in Davos, dass die EU bereit sei, in diesem Bereich voranzugehen.
Generalsekretär warnte vor finanziellem Kollaps der UN
Guterres hatte erst kürzlich die 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in einem Schreiben vor einem „unmittelbar bevorstehenden finanziellen Kollaps“ gewarnt. Die Organisation könnte ihm zufolge bereits im Juli zahlungsunfähig werden, wenn die ausstehenden Beiträge nicht beglichen werden, heißt es in dem Brief, den mehrere internationale Nachrichtenagenturen einsehen konnten. Insbesondere die USA hätten laut einem Bericht der New York Times nicht alle Beiträge bezahlt.
Unter US-Präsident Donald Trump hat sich die USA bereits aus mehreren UN-Organisationen zurückgezogen und die Vereinten Nationen dafür kritisiert, ihr „großes Potenzial“ nicht zu erfüllen. Stattdessen richtete er kürzlich seine Bemühungen in die Gründung eines Friedensrats unter seinem Vorsitz. Das Gremium soll sich ihm zufolge ähnlich wie die UN um die Lösung internationaler Konflikte kümmern.
Baerbock mahnte am Dienstag zudem zur Verteidigung der Wahrheit gegen Desinformation und forderte mehr Frauen in Führungspositionen – auch bei der anstehenden Wahl des nächsten UN-Generalsekretärs. In 80 Jahren habe nie eine Frau dieses Amt bekleidet.
Baerbock ist fünfte Frau im Amt bei der UN
Baerbock wurde im Juni 2025 zur Präsidentin der 80. UN-Generalversammlung gewählt – als erste Deutsche und erst fünfte Frau in diesem Amt. Die Wahl erfolgte mit breiter Unterstützung der westlichen Staatengruppe, stieß jedoch auch auf Kritik, weil ursprünglich die Diplomatin Helga Schmid für den Posten vorgesehen war.
Baerbock war zuvor von Dezember 2021 bis Mai 2025 Bundesaußenministerin und von 2018 bis 2022 Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Zuvor arbeitete sie für ein Mitglied des Europäischen Parlaments.
Als Vollversammlungspräsidentin leitet Baerbock nun die Sitzungen des höchsten Gremiums der Vereinten Nationen, das alle 193 Mitgliedstaaten umfasst. Ihre einjährige Amtszeit begann im September 2025. Baerbock hatte angekündigt, Schwerpunkte auf Multilateralismus, Klimaschutz und die Stärkung der internationalen Ordnung zu setzen.
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