An diesem Dienstag um 20.15 Uhr zeigt Sat.1 den Film „Der Rücktritt“ über den Wulff-Fall (Berliner Zeitung vom 14. Februar). Kai Wiesinger spielt den ehemaligen Bundespräsidenten, an seiner Seite Anja Kling als Bettina Wulff.
Herr Wiesinger, die Affäre um Christian Wulff ist bereits vielfältig dokumentiert durch die Presse, Bücher etc. Warum finden Sie, ist es dennoch wichtig, dass man „Der Rücktritt“ gedreht hat?
Ich kann mir in der Tat vorstellen, dass es aus der Perspektive von demjenigen, über den so ein Film gemacht wird – der jetzt nicht nur Lobeshymne ist – schrecklich ist. Ich persönlich zum Beispiel möchte mein Privatleben nicht in der Öffentlichkeit ausgebreitet sehen. Aber wenn man einen Beruf ausführt, der in der Öffentlichkeit stattfindet, dann werden die Persönlichkeitsrechte etwas eingeschränkt. Dann muss man damit leben können, dass gewisse Sachen beobachtet und beschrieben werden.
Aber um bei der Frage zu bleiben: Welche Notwendigkeit sehen Sie für diesen Film?
Ich finde immer wichtig, dass solche Filme – Kunstwerke generell – eine gewisse Allgemeingültigkeit haben. Ich fände es nicht notwendig, einfach nur Wulffs privates Seelenleben darzustellen, das wäre mir zu wenig gewesen. Mir ist wichtig, dass wir eine Diskussion darüber führen, wie wir in Deutschland miteinander umgehen wollen. Und dafür kann man diese Situation, was sich vor genau zwei Jahren zugetragen hat, wunderbar als Grundlage nehmen.
Warum gibt es in Deutschland derzeit so viele Rücktritte ?
Ich glaube, das ist alles Teil eines gewissen Klarwerdungsprozesses darüber, wer wir eigentlich sind und wie wir miteinander sein wollen. Diese Ansprüche, die aneinander bestehen, sind ja absurd. Wenn man sieht, wer alles was von wem einfordert, ohne auch nur ansatzweise von sich selber sagen zu können, diesen Forderungen gerecht zu werden. Ich glaube, man muss einfach davon ausgehen, dass wir alle viel primitiver sind als wir zugeben, dass der Mensch an sich ein unglaublich primitives Wesen ist. Wenn man ganz ehrlich ist, ist doch eigentlich jeder sich selbst der Nächste.
Das Verhältnis zwischen Medien und Politik scheint aus der Balance gekommen zu sein – was müsste passieren, damit wieder das richtige Gleichgewicht hergestellt ist?
Ich finde das unglaublich schwer zu beantworten. Und das Gute ist, dass wir als Künstler auch nicht die Aufgabe haben, tolle Antworten parat zu haben. Wir sind im Grunde genommen kaum anders als früher der Hofnarr. Wir tragen zur Unterhaltung bei. Letztlich halten wir den Leuten mit diesem Film den Spiegel vor und sagen: So oder so ähnlich war das doch.
Was können die Medien aus diesem Spiegelbild lernen?
Ich glaube, dass es Begriffe gibt, wie zum Beispiel „Würde“, die man ruhig mal wieder hervorholen könnte. Diese totale Entblößung, dieser Spaß an der Skandalisierung, den es im Fall Wulff gab, hat nichts Positives. Es hat sich in dem Fall nicht um einen investigativen Aufklärungsjournalismus gehandelt. Das mag hier und da eine Triebfeder gewesen sein, aber dann ist es mutiert, und der Spaß an der Skandalisierung hat alles andere überrollt.
Wulff versuchte sich ja noch zu verteidigen, in einem viel beachteten Fernseh-Interview mit Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten.
Dieses Interview hatte auch seine guten Momente. Nur, was ich unerträglich fand, war die Aussage von Bettina Schausten, dass sie für eine Übernachtung bei Freunden 150 Euro zahlen würde.
Genau dieser Moment des Wulff-Interviews fehlt in „Der Rücktritt“.
Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich frage mich aber: Das ist doch eine intelligente Frau, aus welchem Geist wird so eine Äußerung geboren?
Gerhard Schröder hat gesagt, er brauche zum Regieren das Fernsehen, die Bild-Zeitung und die Bild am Sonntag. Braucht man das als prominenter Schauspieler auch?
Wenn es nach mir gehen würde, dann würde ich als Privatperson Kai Wiesinger nie in irgendeiner Zeitung auftauchen. Das eine ist mein Leben, das zu Hause stattfindet, das andere ist meine Arbeit, die ich mache, um die Filme, in denen ich mitwirke, zu bewerben. Diesen Spagat zu schaffen, ist nicht einfach. Man gerät in Situationen, wo es einem schwer gemacht und versucht wird, das aufzubrechen. Auch wenn man sich selber nur schützen und sein Privatleben privat halten möchte.
Wer bricht das auf?
Es wird schon sehr viel gebohrt. Auch da erwarte ich mehr Respekt im Umgang miteinander. Es müsste doch eigentlich für einen Schauspieler, der nicht Politiker ist, der nicht als Mensch für eine Botschaft steht, sondern Filme macht, für den müsste es eine klare Regelung geben: Wenn ich die Medien nicht benutze nach dem Motto: „Kommt, guckt euch meine Küche an, damit mein Film besser läuft“, sondern sage: „Wir treffen uns im Hotel“, dann müsste auch die Abmachung gelten: Wir schreiben über das, was du uns im Hotel sagst und was du im Film sagst. Wir kommen aber nicht zu dir nach Hause und schreiben nicht darüber, was du dort machst.
Diese sogenannten Homestorys haben Sie also nicht gemacht?
Nein, nie.
Aber warum haben Sie sich Anfang 2012 entschieden, Ihr Privatleben mit der Bild-Zeitung zu teilen?
Weil es eine Situation in meinem Leben gab, in der man so anfällig ist und so labil, dass man erpresst werden kann. Außerdem können Überschriften und Texte durch Kürzungen so verändert werden, dass eine Wirkung erzielt wird, die nie beabsichtigt war. Und es können Wahrheiten im Netz kursieren, die nichts mit der Realität zu tun haben. Ich habe zwei Jahre lang still gehalten und mich nie irgendwo erklärt oder gerechtfertigt. Weil ich in eine Situation hineingeraten bin, die ich niemandem wünsche, die ich nie wiederholen möchte und die nicht von mir zu steuern war.
Hatte diese Situation damit zu tun, dass auf Sie Druck von Journalisten ausgeübt wurde?
Ja. Es gibt Situationen, da wird man erpresst. Und es gibt Situationen, in denen man versucht, andere Menschen zu schützen. Mir war meine Familie immer das Höchste und das Wichtigste in meinem Leben, das ist es nach wie vor. Dass das plötzlich anders dargestellt wurde, ist ein Horror. Weil man plötzlich für etwas steht, was nicht im Geringsten mit der Wahrheit zu tun hat. Das wissen aber meine Kinder und ich. Und was die anderen Leute denken, ist mir in dem Moment auch egal. Wir wissen, was die Wahrheit ist, und was in der Zeitung steht, ist vollkommen unbedeutend.
Das Gespräch führten Jakob Buhre und Paula Emilia Huppertz.
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