Im Interview spricht der britische Singer/Songwriter und ehemalige Obdachlose Benjamin Clementine so leise, dass man ihn kaum versteht. Dabei hat der 27-Jährige, zu dessen Einfluss Großmeister wie Leonard Cohen und Jimi Hendrix zählen, kein Grund zur Schüchternheit und eine großartige Stimme. Mit ihr leuchtet er auf seinem Debütalbum „At least for now“ seine Gemütszustände zu melancholischen Pianoklängen aus, die elegant und unkitschig Pop mit Klassikelementen verbinden.
Herr Clementine, früher waren Sie obdachlos, jetzt gelten Sie als musikalischer Newcomer des Jahres und werden in den Medien zu einer männlichen Cinderella stilisiert.
Ich persönlich halte es nicht für nötig, in meiner Vergangenheit rumzustochern. Für viele Leute mag meine Geschichte höchst interessant klingen, bloß wird das der Sache nicht gerecht. Obdachlosigkeit ist eine sehr ernste Angelegenheit. Gerade wenn Teenager auf der Straße völlig auf sich gestellt sind und dann auch noch schwanger werden. Verglichen mit so einem Schicksal hatte ich Glück: Ich habe die Kurve gekriegt. Gott sei Dank bin ich nicht gestorben.
Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Sie plötzlich keinen festen Wohnsitz mehr hatten?
Nachdem ich mich mit meiner Familie zerstritten hatte, habe ich mein Jurastudium an den Nagel gehängt und bin von London nach Paris gegangen. Aber ich konnte mir eben keine Wohnung leisten, deshalb bin ich auf der Straße gelandet. Mein Rettungsanker war die Musik. Sie hat mir geholfen, meine innere Leere zu überwinden.
Sie sind dann Straßenmusiker geworden.
Genau. Ich bin auf öffentlichen Plätzen aufgetreten, in Bars oder in der U-Bahn. Wenn ich genug verdient hatte, habe ich manchmal in einem Hostel übernachtet. Als ich von einem Agenten entdeckt wurde, habe ich dort übrigens schon fest gewohnt. Der Mythos vom Obdachlosen, der sein Leben erst Dank seines Plattenvertrags wieder in den Griff gekriegt hat, stimmt also nicht so ganz…
Trotzdem klingen die Songs Ihres Albums durchweg melancholisch.
Ich erzähle halt Geschichten aus meinem Leben. Als Teenager habe ich meinen Eltern für alles, was bei mir schiefgelaufen ist, die Schuld gegeben. Sie haben dauernd gestritten und sich schließlich scheiden lassen. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen. Mit dem Gefühl, meinen Vater und meine Mutter nicht leiden zu können. Deswegen habe ich rebelliert. Ich wollte mein eigenes Ding machen, war aber zeitweilig auf dem falschen Weg. Dafür konnten meine Eltern allerdings nichts. Ich habe meine eigenen Entscheidungen getroffen und war für jeden Fehler letztlich selber verantwortlich. Mit dem Lied „Adios“ habe ich mir das endlich eingestanden.
Ihr Song „Cornerstone“ thematisiert dagegen Ihre Einsamkeit. Wären Sie fast daran zerbrochen?
Einsamkeit ist ein ambivalentes Gefühl. Es tut gut, gelegentlich mal für sich zu sein. Auf der anderen Seite kann einen Isolation auf Dauer in die Verbitterung treiben. Dann strahlt man negative Energie aus, ohne es zu merken. Und ruiniert damit zwangsläufig jeden, den man zu lieben versucht.
Wieso ist es in Ihrem Falle so weit gekommen?
Weil ich nur noch mit mir beschäftigt war. Ich habe keinem mehr vertraut. Statt um Hilfe zu bitten, habe ich niemanden an mich herangelassen. Dabei hätte ich ganz dringend ein bisschen Liebe gebraucht.
Das klingt, als hätten Sie nie viele Freunde gehabt.
Ich bin sehr introvertiert. In der Schule war ich derjenige, der immer gehänselt wurde. Also habe ich mich abgesondert, um mich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Ich sah in allen meine Feinde und hatte keine Freunde. Doch die Musik hat mir einige Türen geöffnet. Ich bin Leuten begegnet, die gern mit mir befreundet sein wollen.
Vielleicht fühlen sie sich aber auch eher von Ihrem ständig steigenden Bekanntheitsgrad angezogen…
Ich habe genug erlebt, um das filtern zu können. Meine Intuition sagt mir sofort, wer bloß in meinem Windschatten mitsegeln will. Ich verbringe meine Zeit nicht mit Hipstern, sondern mit Menschen, die die Höhen und Tiefen des Lebens kennen.
In Berlin dürften Sie einigen begegnen. Könnten Sie sich vorstellen, hier zu leben?
Ich bin ein Reisender, der eigentlich keinen Ort braucht, den er sein Zuhause nennt. Mein Traum wäre es, das Leben in verschiedenen Ländern kennenzulernen. Wer weiß, vielleicht mache ich dann irgendwann einmal in Berlin Station.
Das Interview führte Dagmar Leischow.
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