Auf der Bühne trägt er Bademantel und Hausschuhe. Beim Interview in einem Hotel in Hamburg kommt der Kanadier Chilly Gonzales in seinem braven Pullover eher wie ein Geschichtslehrer daher. Der klassisch ausgebildete Pianist und rappende Entertainer mit dem XL-Ego, der eigentlich Jason Charles Beck heißt, erzählt wortreich von seinem Leben zwischen Pop und Klassik, seinem ersten Grammy und seinen Anfängen in der Berliner Underground-Musikszene. Obwohl das Gespräch in Englisch stattfindet, baut der 43-Jährige hin und wieder deutsche Wörter wie „grenzwertig“ in seine Ausführungen ein. Schließlich lebt er länger schon in Deutschland.
Sie sind vor ein paar Jahren von Paris nach Köln gezogen. Hat das Ihr Leben verändert?
Schon. Es ist weniger hektisch. Ich habe ein richtiges Privatleben, das hatte ich vorher nicht. Ich kannte nur das Leben als Chilly Gonzales, bis mich die Liebe nach Köln geführt hat. Was meine Arbeit betrifft, merke ich, dass ich in Köln viel disziplinierter sein kann, weil es für mich weniger Ablenkungen gibt. In Paris war ein bisschen zu viel Action. Ich fragte mich oft: Warum habe ich nicht genug Zeit für die Musik? Die Jahre in Köln sind bisher die produktivsten. Das hat wohl auch mit der Einfachheit der Stadt zu tun.
Und diese Einfachheit gefällt Ihnen?
Absolut! Verglichen mit Köln ist Paris wie ein verdammtes Filmset! Jeder gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist. In Köln herrscht hingegen der ultimative Realismus. Die Leute erzählen keinen Scheiß, es ist recht unprätentiös. Und es hat auch sonst Vorteile: London, Wien, Berlin oder Paris – alles lässt sich gut mit dem Zug erreichen. Und wenn ich dann wieder am Kölner Hauptbahnhof ankomme und den Dom sehe, gibt mir das ein gutes Gefühl. Ich denke dann an Franz Liszt. Er war ein Philanthrop. Er besaß nie viel Geld, weil er alles spendete. Er spielte über Jahre Benefiz-Konzerte und ist verantwortlich dafür, dass ein Teil des Doms fertiggestellt werden konnte. Es gibt also eine Verbindung zwischen dem größten romantischen Musiker aller Zeiten und meiner Wahlheimat.
Ihre Karriere hat allerdings in den kleinen Clubs und Kellerlokalen von Berlin angefangen.
Damals war ich mir noch nicht so sicher, ob ich hier zurechtkomme. Die deutsche Distanz kann schon abtörnend für einen Kanadier sein. In Kanada praktizieren wir viel vorgetäuschte Wärme gegenüber unseren Mitmenschen – wenn auch nicht ganz so schlimm wie in Amerika. Doch wenn du erst mal verstehst, dass dir die Deutschen einfach nur nichts vormachen wollen, wenn sie die Wärme nicht spüren, wird dir klar, dass das nur gut ist.
Deutschland hat seine Chance genutzt
Was schätzen Sie noch an Deutschland?
Wie sich die Gesellschaft nach dem Krieg entwickelt hat. Es sind schreckliche Dinge passiert. Deutschland hat in der Zeit danach die Chance genutzt, zu einem modernen, westlichen Land zu werden, das es so zuvor nicht gegeben hat. Hier herrscht nicht mehr der Nationalismus, wie es in anderen europäischen Ländern immer noch der Fall ist. Es gibt natürlich andere Probleme, die mit Immigration zu tun haben. Aber die Deutschen haben gesehen, wohin es führt, wenn der Nationalstolz ausufert. In Kanada ist das ähnlich, auch wir haben wenig Nationalstolz und sind etwas demütiger.
Ihr erstes Album, das Sie seinerzeit in Berlin aufnahmen, nannten Sie gar nicht demütig „Gonzales Über Alles“.
Es ging darum, diese intensive Form von persönlichem Stolz des Charakters Chilly Gonzales hervorzuheben und um jeden Preis Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich war gerade erst nach Berlin gezogen. Ich bin Jude, also war es sehr provokativ, diesen Titel zu wählen. In Frankreich hätte das nicht funktioniert, denn die sind immer noch nicht in der Lage, eine Distanz zu ihrem Stolz aufzubauen. Aber die Deutschen mussten ihren Frieden mit der Idee des Stolzes machen. Und dann kommt da dieser Typ in ihr Land, der sagt: Es geht nicht um Deutschland, es geht nur um mich! Gonzales über alles! Das war die Idee.
In den letzten Jahren lief es rund für Sie. Seit 2014 dürfen Sie sich sogar als Grammy-Gewinner bezeichnen!
Das liegt vor allem an der Großzügigkeit von Daft Punk …
… des überaus erfolgreichen französischen Elektronik-Duos …
… das mich für ein 44-sekündiges Klavier-Solo als beitragenden Künstler für ihr Album benannt hat.
Das klingt jetzt aber wirklich bescheiden!
Ich sage nicht, dass ich den Grammy nicht verdient habe, aber es scheint fast ein wenig viel der Ehre. So was passiert eigentlich nie, wenn du mit großen Künstlern arbeitest. Ich wäre auch so schon glücklich über die Kooperation gewesen, die zudem noch sehr gut bezahlt wurde. Daft Punk sind extrem großzügig in jeder Beziehung: kreativ, finanziell und mit Ruhm und Ehre.
Wo steht denn das gute Stück nun?
Der Grammy steht in meinem Badezimmer neben einem Stoff-Gonzo aus der Muppet-Show. Den hat mir mal die kanadische Sängerin Feist geschenkt, sie steht total auf die Muppets. Ihr hatte ich 2008 meine erste Grammy-Nominierung als Produzent zu verdanken.
Polieren Sie Ihren Grammy hin und wieder?
Nicht selbst, dafür habe ich jemanden. (lacht)
Aber Sie erfreuen sich des Anblicks?
Klar! Ich bin stolz, Teil der erfolgreichen Daft-Punk-Platte zu sein. Aber wenn ich einen kleineren Preis für meine eigenen Arbeiten gewinnen würde, würde mir das mehr bedeuten. Selbst wenn es nur der „Belgische Viertel Jazz Association Vizemeister Award“ in Köln wäre. Aber ich gewinne nie etwas.
Das dürfte daran liegen, dass Sie ständig zwischen den Genres Jazz, Klassik, Pop, Rap und Elektronik wandeln und als Pianist nur schwer einzuordnen sind.
Dann müssen die Leute einen neuen Award kreieren! Den Gonzo-Award!
Mit Ihrem neuen Album „Chambers“ versuchen Sie sich nun an einer modernen Version von Kammermusik.
Mir geht es immer darum, Dinge, die ich gelernt habe und liebe, mit einzubinden. Ich schöpfe da primär aus der modernen Musik, der elektronischen Musik, und Rap ist auch meine große Inspiration. Ich habe diesmal versucht, Rap auf ein Streicher-Quartett zu übertragen.
Glauben Sie, dass der Hörer das heraushört?
Vielleicht nicht. Aber diese Herangehensweise ist es, was der Platte das moderne Gefühl gibt. Lassen Sie sich nicht davon in die Irre führen, dass Sie Violinen und Klaviaturen hören! Verglichen mit klassischer Musik, ist es eindeutig Popmusik: Die Stücke sind drei Minuten lang, Themen wiederholen sich, es ist sehr einprägsam. Klassik hat nur Tiefe, keine Oberflächlichkeit. Aber ich will beides zur selben Zeit hörbar machen. Man kann zu der Musik abwaschen, ein Bad nehmen, träumen, Sex haben – geht alles.
Brahms ist einer seiner Helden
Gibt es einen Komponisten, den Sie bewundern?
Johannes Brahms ist einer meiner Helden. Besonders, weil er Anti-Wagner war. Er hatte eher etwas von einem Entertainer als vom Größenwahnsinn eines Wagners. Als Teenager spielte Brahms in Bordellen und Freudenhäusern. Er war umgeben von Partys, Spaß, Spielfreude, Sex, und immer ging es ihm um die Frage, was Musik sein sollte. Davon konnte Richard Wagner wohl nur träumen. Da ist etwas Geerdetes an der Brahms-Musik, was mir gefällt. Ich habe Brahms immer als Zurechtweiser von Wagner gesehen. Dummerweise wohne ich in Köln in der Nähe der Richard-Wagner-Straße.
Wie wirkt sich Ihre Brahms-Liebe auf Ihr Schaffen aus?
Sie ist ein Grund, warum ich das Album unbedingt mit den Streichern des Kaiser Quartetts aus Hamburg aufnehmen wollte. In Köln gibt es genug intellektuelle Avantgarde-Musiker, die kennen dann oft nur Stockhausen. Aber in Hamburg verdienen die Musiker ihr Geld in Orchestern von Musicals wie „Der König der Löwen“ oder „Rocky“. Den einen Abend spielen sie die große Elton-John-Ballade, am nächsten den Rocksong. Das entspricht eher meiner musikalischen Sprache.
Stehen Kollegen, die mit Ihnen arbeiten wollen, mittlerweile Schlange bei Ihnen?
Ach, ich will das ja gar nicht so viel machen! Ich mag eine Zusammenarbeit, wenn sie schnell und schmerzfrei ist – wie ein kleiner Flirt mit einem anderen Künstler. Und manchmal geht es dann auch etwas tiefer, wie mit dem britischen Musiker Jarvis Cocker, mit dem ich ein gemeinsames Album veröffentlichen will. Ich hatte Glück, dass ich dank Daft Punk und dem kanadischen Rapper Drake auf zwei der größten Alben von 2013 vertreten war. Aber das hat sich ganz natürlich entwickelt. Je mehr ich an mir selbst als Künstler arbeite, desto mehr Leute fühlen sich offenbar davon angezogen. Ich habe keinen Agenten für so was. Und ich bemühe mich auch nicht, der Pianist der Stars zu sein. Ich will lieber der Star unter den Pianisten sein!
Und manchmal sogar Lehrer: Im vergangenen Jahr haben Sie das Notenbuch „Re-Introduction Etudes“ mit CD und Anleitungen für gescheiterte Klavierschüler veröffentlicht. Hatten Sie damit gerechnet, dass das solch ein Erfolg wird?
Ich war absolut überrascht. Wir haben es herausgebracht, und plötzlich gab es diese enorme Resonanz. Das hat mich an die Zeit erinnert, als mein erstes „Solo Piano“-Album erschien. Plötzlich schmälerte es alles, was ich zuvor gemacht hatte. Ich habe damals gemerkt, wie sehr es die Leute erfreut, wieder an Klaviermusik herangeführt zu werden durch jemanden, dem sie als modernen, witzigen Musiker vertrauen. Ich bin in der einzigartigen Position, dem Publikum etwas über Musik erzählen zu können, ohne dabei wie ein Arschloch oder Nerd herüberzukommen.
++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wer alles von dem Buch profitiert ++
Welche Sätze haben Sie von Klavierschülern, die dank der leichten Stücke Ihres Buches ermutigt wurden, wieder mit dem Instrument anzufangen, am häufigsten gehört?
Eigentlich sind sie alle nur sehr dankbar. Es sind Leute, die schon länger wieder mit dem Klavierspielen anfangen wollten. Und nun sitzen sie wieder jeden Tag am Instrument und können es selbst nicht glauben. Mich berührt das sehr. Ich habe mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, was es dazu braucht. Jedes aufgeführte Stück ist verlinkt mit einem theoretischen Konzept. Auch viele Klavierlehrer benutzen das Buch. Gestern war ich bei einem Radiosender, da kommt dieses Mädchen auf mich zu und bittet mich um ein Autogramm. Ich frage sie: „Spielst du?“ Und sie sagt: „Nein, aber mein Vater ist Klavierlehrer, es ist für ihn, denn er benutzt es für seine Studenten.“ So was freut mich am meisten.
Warum ist auf die Idee nicht schon vorher jemand gekommen?
Keine Ahnung. Aber auch hier bin ich wieder Grenzgänger. Als die Leute der Klassikszene von der Idee hörten, war die Reaktion eher verhalten: „Der hat doch mit Daft Punk gespielt, und nun macht er so was?“, hieß es. Als wir dann sehr viele Exemplare verkauften, wurde es sogar noch schlimmer. Da unterstellte man uns kluges Marketing. Das Problem habe ich häufiger. Ich habe zwar auch in der Welt der ernsten Musik einige Verbündete; ich habe Auftritte in der Philharmonie Berlin und in der Laeiszhalle in Hamburg. Aber wenn ich mich mal kurz beschweren darf: Es herrscht immer ein Gefühl von „Ich will den Typen Chilly Gonzales nicht in meinem seriösen Magazin für klassische Musik haben. Allein mit seinem Namen macht er aus uns Witzfiguren.“ Und da ist auch ein großes Misstrauen aufgrund meines ausgeprägten Egos. Denn in dieser Klassikmusikszene wird erwartet, dass man eher bescheiden auftritt.
Ist es Ihre Ambition, die klassische Welt auf Ihre Seite zu bringen?
Nein, so verbissen sehe ich das nicht. Es gibt immer wieder Annäherungen. Ich habe im letzten Jahr beim Klavier-Festival Ruhr mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang gespielt. Ich kann mich also nicht allzu laut beschweren.
Hat Lang Lang nicht nach Ihnen auch ein Buch für Klavierschüler veröffentlicht und Ihre Idee geklaut?
Sein Buch enthält Übungen für Kinder! Es unterscheidet sich sehr von meinem. Das geht schon in Ordnung. Außerdem wäre ich der Erste, der es begrüßen würde, wenn mehr Leute Klavierbücher für Anfänger schreiben würden. Musik zu verbreiten, egal ob unter jungen oder alten Menschen, ist eine Win-win-Situation für die Menschheit. Und die Tatsache, dass ich damit auch noch Geld verdienen konnte, ist wunderbar.
Für den Radiosender WDR 1LIVE stellen Sie in der Video-Reihe „Pop Music Masterclass“ große Hits vor und erklären, wie sie funktionieren.
Das habe ich eigentlich schon immer getan bei meinen Konzerten. Als der Redakteur mir vorschlug, das mit Pophits auszuprobieren, um ein größeres Publikum zu erreichen, war ich erst skeptisch, weil es nicht viele Pophits gibt, die ich wirklich liebe. Ich habe dann mit „Get Lucky“ von Daft Punk und einem Song von Drake angefangen, weil ich dazu Bezug habe. Irgendwann landete ich bei Queen und Taylor Swift. Wenn man Musik anhand eines Taylor-Swift-Songs erklärt, hören die Leute zu.
Widerwilliger Respekt vor Taylor Swift
Haben Sie Respekt vor Taylor Swift als Songwriterin, nachdem Sie ihren Hit „Shake It Off“ entzaubert haben?
Puh, das ist eher eine Art widerwilliger Respekt, so nach dem Motto: „Ja, du hast es geschafft. Du hast einen genetisch perfekten Hit konstruiert, Bitch!“
Glauben Sie, dass Swift genauso viel über Hits weiß wie Sie?
Es geht nicht um Wissen, Leute schreiben instinktiv Hits. Man muss nicht wissen, was ein Arpeggio ist, um es zu benutzen. Es ist sogar recht natürlich, fasziniert von der Idee zu sein, einen Akkord aufzubrechen in seine Noten. Dafür braucht es nur ein bisschen musikalische Sensibilität. So was gab es schon im Jahr 1600, und das wird es auch noch im Jahr 6000 geben. Man muss es nicht wissen, aber natürlich bringt es mir Spaß, den Leuten das zu erklären.
Würden Sie denn so weit gehen und behaupten, dass Sie die ultimative Hitformel kennen?
Gott bewahre! Dann hätte ich sie ja schon benutzt. Das sage ich auch immer Leuten, die meinen, dass es einfach wäre, einen Hit zu schreiben. Aber es ist keine Wissenschaft, die man erlernen kann! Ein Hit ist viel magischer als das. Ich könnte zwar Eigenschaften nennen, die ich als eingängig betrachte, wenn es um Strukturen in Songs geht, aber das macht nur 20 Prozent eines Hits aus. Die anderen 80 Prozent sind ungreifbare Dinge. Das ist entweder Glück oder wahrhaftige Popgenialität. Aber ich würde mir in einer Million Jahren nicht zutrauen, so einen großen Hit zu schreiben.
Bei Ihrem Konzert in Köln im Dezember haben Sie mit einer Coverversion von „Was ich dir sagen will“ eine Hommage an Udo Jürgens gebracht. Ein offensichtlicher Bezug ist, dass auch Sie ein Pianist im Bademantel sind.
Richtig. Ich kenne nicht viele seiner Alben, aber ich hatte Hilfe von einer Udo-Jürgens-Expertin – meiner Freundin. Ich sagte ihr, dass ich ein Stück von ihm spielen möchte, das ein bestimmtes Tempo hat, damit ich es als Sample benutzen und darüber etwas Positives rappen könnte. Besagter Song, der ja eher wie ein französisches Chanson anmutet, war perfekt, um das Gefühl der Deutschen für Udo zu kanalisieren. Es war also mein Tribut an das, was die Deutschen fühlen. Aber es war nicht exakt, was ich fühle, denn ich bin nicht mit seinen Songs aufgewachsen. Ich wollte nicht so tun, als wäre es „mein Udo“, denn es ist nicht mein Udo, es ist euer Udo, und ich zolle dem Respekt. Aber allein die Idee des Textes – dass das, was ich nicht sagen kann, mein Piano sagt – hat mich zu Udos Verbündetem gemacht.
Werden Sie das Lied nun öfter in Ihr Programm aufnehmen?
Ich muss sehen, wie es sich anfühlt. Für einige Deutschland-Konzerte werde ich es wohl tun. Das Sample mit dem Rap sowie die Tatsache, dass ich eigens für den Song meinen edlen Designer-Bademantel gegen ein weißes Frottee-Modell eintausche, macht den Tribut besonders. „Von Bademantel zu Bademantel“ wäre übrigens ein guter Titel für die Autobiografie, die ich irgendwann mal schreiben will.
Auf Ihrer neuen Platte widmen Sie das Stück „Advantage Points“ einer anderen Legende: Tennisspieler John McEnroe.
Ich habe eine Oper über ihn geschrieben, und dies ist ein Stück, das sich daraus entwickelt hat. Denn seine Anwälte drohten uns und meinten, er würde der Opern-Aufführung niemals zustimmen, er würde sich nicht mal die Musik anhören. Und sie würden uns aufhalten, wenn wir damit irgendetwas anstellten. Also habe ich mir wenigstens diesen einen Song gegönnt. Aber so ist McEnroe nun mal: Es gab bisher keinen Film über ihn, nichts. Er ist sehr vorsichtig. Ich bewundere ihn trotzdem. Es ist ja sein gutes Recht.
Sind Sie auch so beschützend, wenn es um Ihre Person geht?
Ich mache keine Selfies mit Leuten auf der Straße. Das ist mein gutes Recht. Manche halten mich deshalb vielleicht für ein Arschloch. Aber ich hasse es nun mal, mit Fremden Fotos zu machen. Ich mochte es schon als Kind nicht, fotografiert werden. Ich will nicht gezwungen sein, für ein blödes Foto fröhlich auszusehen. Speziell nicht, wenn es früh am Morgen ist, und ich auf dem Weg bin zu einem Zahnarzttermin. Ich sage dann einfach nein. Manche gucken mich dann völlig irritiert an. Und ich sage dann: „Du hast mich gefragt, dann musst du auch mit der Antwort leben können.“ Dafür gebe ich sehr gerne Autogramme, denn das ist, was Stars in den Siebziger und Achtzigern taten. Ich fühle mich dann wie sie.
In dem neuen Lied „Myth Me“, das schon im Titel zwischen den Worten „Mythos“ und „vermissen“ changiert, philosophieren Sie darüber, was ist, wenn Chilly Gonzales mal nicht mehr existiert. Ist das eine Option für Sie?
Nicht heute. Aber wer weiß, wann der Moment kommt, in dem ich die Bestätigung des Publikums nicht mehr brauche und nicht mal mehr den Wunsch verspüre, meine Musik zu teilen. Vielleicht ist das ein glücklicher Moment, vielleicht ein trauriger. Würde ich zum Mythos werden? Das sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Irgendwann wurden diese Gedanken sehr real. Wenn ich im Song also frage „Are you still with me, you gonna myth me?“, ist das etwas, was mich tatsächlich die letzten Jahre beschäftigte.
Arbeiten Sie am eigenen Legendenstatus?
Das war lange Zeit mein Ziel. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es das immer noch ist. Aber das Problem wird sich von selbst lösen. Manchmal wird man erst in dem Moment eine Legende, in dem man verschwindet. Entweder du stirbst, oder du tauchst auf andere Art ab. John Lennon ist ein Mythos, Paul McCartney eine lebende Legende und ein relativ langweiliger, alter Beatle, den wir immer noch lieben. Was ist besser? Verschwinden oder nicht? Das ist hier die Frage.
Das Interview führte Katja Schwemmers
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