Schauspielerin Claire Foy

„Mutter sein ist der schwierigste Job der Welt“

Claire Foy spricht über starke Frauen, Ruhm und das beste Restaurant Berlins.

Mariam Schaghaghi
18 Min
Die britische Schauspielerin Claire Foy wurde durch die Serie "The Crown" berühmt.

Die britische Schauspielerin Claire Foy wurde durch die Serie "The Crown" berühmt.

© imago/ZUMA Press

Seit der Netflix-Serie „The Crown“ ist sie eine Sensation: Mit ihrem Porträt der jungen Queen Elizabeth II. gewann die britische Schauspielerin Claire Foy nicht nur einen Golden Globe, sondern vor allem die Aufmerksamkeit von Hollywood. Nachdem sie in Steven Soderberghs Psychothriller „Unsane“ geglänzt hat, spielt sie jetzt die weibliche Hauptrolle in dem Historienfilm „Aufbruch zum Mond“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Zu sehen ist sie darin an der Seite von Ryan Gosling als Neil Armstrongs Ehefrau Janet – vom Buckingham-Palast zur Apollo 11 in Lichtgeschwindigkeit. Ende des Monats ist Claire Foy dann als Lisbeth Salander in der Verfilmung des schwedischen Stieg-Larsson-Thrillers „Verschwörung“ auf die Leinwand.

„Aufbruch zum Mond“ hatte die Ehre, das älteste Filmfest der Welt in Venedig zu eröffnen. An Armstrongs Schritte als erster Mann auf dem Mond dürften sich viele erinnern – der Film jedoch zeigt die intimsten Momente der Menschen, die Dramen hinter der Weltgeschichte, die sich abspielten, während die Nasa die historische Mondlandung plante.

Das Interview mit Claire Foy findet am Morgen nach der Premiere statt. Während sich andere Stars in ihren klimatisierten Suiten verstecken, sitzt die Britin auf der Terrasse des Hotel Excelsior, des wohl geschäftigsten Ortes während des Filmfestivals. Unter einem Sonnenschirm genießt sie den Blick aufs Meer und die Septemberwärme.

Wann haben Sie das letzte Mal bewusst zum Mond aufgesehen?

Letzte Nacht erst. Im Mondlicht sieht man die Dinge auf andere Weise, das ist wundervoll. Am Abend vor unserer Filmpremiere in Venedig, als wir alle gerade angereist und ganz aufgeregt waren, glühte der Mond blutrot am Nachthimmel über der Lagune. Es war spektakulär – viel eindrucksvoller als im Sommer bei der großen Mondfinsternis. Wir fragten uns noch, ob das ein gutes oder schlechtes Omen für uns sein sollte.

Auf dem roten Teppich haben Sie sich als souveräne Meisterin in Sachen Selfies erwiesen.

Haben Sie eine Ahnung! Auf dem roten Teppich bin ich wie auf Autopilot geschaltet, da werde ich eine Art Roboter. Es geht ja nur noch um die Selfie-Pose und das Klicken – fertig. Niemand schaut dir mehr in die Augen. Aber so crazy wie in Venedig habe ich noch keinen roten Teppich erlebt. Ich dachte, so viel Kreischerei kriegen nur die Beatles! Aber nein, auch Ryan Gosling!

Hat Sie das erstaunt?

Ja, weil ich weiß, wie Ryan sonst ist. Sehr entspannt, sehr lieb, bescheiden und eher zurückhaltend. Aber wenn man da steht, und die Leute wegen dir völlig ausrasten, muss das schon eine seltsame Wirkung haben.

Haben Sie sich schon an den Ruhm und die Hysterie gewöhnt?

Ich bekomme nicht solche Reaktionen. Wenn man mich anspricht, sind das immer entzückende, höfliche Menschen, die mir nicht zu nahetreten wollen. Nein, ich bin nicht Ryan Gosling. Ich würde auch gar nicht so gut damit umgehen können wie er. Er ist sehr nett zu allen, nimmt sich Zeit. So viel Beachtung zu bekommen erfordert ja eine ganz andere Verantwortung.

Claire Foy ist froh, dass Menschen auf sie nicht hysterisch reagieren.

Claire Foy ist froh, dass Menschen auf sie nicht hysterisch reagieren.

© imago/ZUMA Press

Wie war es für Sie, sich in das Amerika der 60er-Jahre hineinzuversetzen?

Diese Zeitreise war eine tolle Erfahrung. Dabei war Janet Armstrong gar nicht das typische 60er-Jahre-Heimchen am Herd, sie hat gerne angepackt, war sportlich und hatte ihren eigenen Kopf – sie hat auch mal die Nasa-Chefs zusammengestaucht. Interessant war vor allem der Zeitgeist dieser Ära, die Umbruchstimmung damals, der Kalte Krieg, der Wettlauf mit der UdSSR in der Raumfahrt, die Welt war in Aufruhr. Nach der Ermordung von John F. Kennedy wurde es noch turbulenter. Gleichzeitig hat die Nasa in jener Zeit in einer eigenen Blase gelebt: Egal, was in der Welt passiert, sie hatten nur ein Ziel – die Ersten auf dem Mond sein.

Sie haben wenig Dialog, kommunizieren viel mit Blicken. Hat Sie das an dieser Rolle gereizt oder war es doch die Aussicht, Ryan Gosling als Filmgatten zu haben?

An diesem Projekt gab es einfach nichts auszusetzen. Da war erst einmal Damien Chazelle als Regisseur, der so unglaublich talentiert ist. Dann hat mir das Drehbuch sofort zugesagt. Und ja, abgesehen davon ist auch Ryan Gosling ein Argument gewesen. Er ist ein starker Schauspieler. Ich habe gefleht, dass man mir die Rolle gibt.

Wie haben Sie sich mit Gosling auf die gemeinsamen Eheszenen vorbereitet?

Wir hatten zum Glück Zeit, uns näher kennenzulernen. Vor Drehstart haben wir zwei Wochen praktisch zusammen in einem Haus gewohnt, samt den Filmkindern, damit wir als „Familie“ zusammenwachsen konnten. Es half sehr, dass wir beide Kinder haben. Da weiß man automatisch, was in welchen Situationen zu tun ist, was Sinn macht, was nicht. Beim Dreh hat sich alles natürlich angefühlt. Wir waren füreinander da und haben uns unterstützt.

1968 war auch die Zeit der aufkommenden Frauenbewegung .

Dennoch waren Janets persönliche Lebensumstände einzigartig: Sie war von Leuten umgeben, die an ihre Grenzen gingen und deren Job sie in Lebensgefahr brachte. Es war unnatürlich, was sie den Kindern oft vorspielen musste, oder wie die Familie, als Neil im All war, zu Hause fürs Fernsehen gefilmt wurde und jeder seine Rolle perfekt zu spielen hatte.

Mochten Sie Ihre Filmkinder?

Ja, sehr. Sie behandelten mich wie ihre große Schwester und waren geradezu martialisch! Ich habe ja eine Tochter, ich hätte nie gedacht, dass Jungs so ungehobelt mit einem umgehen. Sie haben mir Streiche gespielt, Sachen gemopst, fesselten mich – wir hatten viel Spaß. Kinder sind meine Schwäche, ich hätte sie am liebsten beide mit nach Hause genommen.

„Aufbruch zum Mond“ zeigt sehr feinfühlig, wie viel Selbstbeherrschung es Janet Armstrong kostete, um Neils Expeditionen zu Hause aufzufangen. Hätte Janet Armstrong sich in unserer Zeit so behandeln lassen?

Die beiden haben sich 1994 auch scheiden lassen. Janet nahm das Versprechen „In guten wie in schlechten Zeiten“ sehr ernst. Deshalb hat sie die schwierige Zeit während der Mondexpeditionen durchgehalten und stand Neil zur Seite. Dass sie sich doch scheiden ließ, hatte mit Neils öffentlichem Leben zu tun, sagt sie: Durch die Auftritte in den Medien wurde er ein ganz anderer Mann.

Entschieden: In „Aufbruch zum Mond“ verkörpert Claire Foy die Frau des Astronauten Neil Armstrong.

Entschieden: In „Aufbruch zum Mond“ verkörpert Claire Foy die Frau des Astronauten Neil Armstrong.

© Daniel McFaden

Fanden Sie den Gedanken erschreckend, wie sehr Armstrongs Frau zurücksteckte?

Ich bewundere jeden, der sich so sehr für den anderen hingibt. Aber man muss sich auch um sich selbst kümmern. Neil Armstrong stand immer an erster Stelle. Das musste sich irgendwann ändern, damit sie nicht zerbrach. Sie traf ihre Entscheidung erst, als die Kinder erwachsen waren und das Haus verlassen hatten. Trotzdem haben sich die beiden mal innig geliebt.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Ehe oder Beziehung aus?

Schwer zu sagen. Wenn man immer die Vorstellung vom perfekten Partner mit sich herumträgt, wird das eine Ehe wohl nicht lange aufrechterhalten. Janet und Neil Armstrong hatten auch Zeiten, in denen es in ihrer Beziehung ideal lief. Man darf auch nie vergessen, dass sie den Tod ihrer zweijährigen Tochter verwinden mussten, die an einem Hirntumor starb. Das trifft einen Menschen im Innersten. Danach ist man nicht mehr die Person, die man vorher war.

Der Film stellt die Frage, welche Opfer man bringen will, um sein Ziel zu erreichen. Sie haben eine dreieinhalbjährige Tochter, sind alleinerziehend, müssen für Ihren Beruf viel unterwegs sein. Stellen Sie sich auch manchmal die Frage: Ist es das alles wert?

Ich muss mir zum Glück nie Fragen über Leben und Tod stellen wie die Charaktere im Film. Aber natürlich frage ich mich auch hin und wieder, warum ich die Dinge tue, die ich tue. Was ist der Sinn dahinter? Ich glaube, dass ich sehr schnell merken würde, wenn der Preis für ein Ziel zu hoch wäre. Ich würde die Beziehung zu den Menschen, die ich liebe, nie aufs Spiel setzen. Die Familie muss man um jeden Preis schützen.

Steht für Sie die Familie über der Partnerschaft? Sie haben sich Anfang 2018 von Ihrem Mann Stephen Campbell Moore getrennt und leben in Scheidung.

Das Leben entwickelt sich oft in überraschende Richtungen. Es gibt selten eine Sicherheit über die eigenen Gefühle, dafür aber eine Sicherheit, dass eine Person ein fantastischer, wundervoller Mensch ist. Es ist Quatsch zu denken, dass die Gefühle der Verliebtheit ewig halten. Das gibt es nicht. Gerade, wenn man verheiratet ist, weiß man, dass der Partner manchmal anstrengend und unausstehlich sein kann. Beziehungen verändern und entwickeln sich. Aber wichtig ist, dass man sich sicher ist, dass man den anderen mag. Das ist viel wichtiger, gerade, wenn man zusammen ein Kind hat.

Ihre eigene Kindheit und Jugend war wenig friedlich: Mit 13 erkrankten Sie an Arthritis, mit 17 wurde bei Ihnen ein Augentumor diagnostiziert. Wie hat Sie das geprägt?

Ich habe gelernt, das Beste aus dem zu machen, was das Leben mir bietet. Man hat viel mehr Wertschätzung für Dinge, die andere als selbstverständlich betrachten – zum Beispiel zwei gesunde Füße zu haben, die einen überall hintragen. Keine Schmerzen zu haben, ist etwas, das man erst schätzen lernt, wenn es einem schlecht geht. Durch den Tumor im Auge habe ich schätzen gelernt, sehen zu können. Es machte mir große Angst, dass der eigene Körper nicht mehr so funktionierte, wie er sollte. Ich habe bis heute Angst, dass es mir wieder schlecht gehen könnte.

Lebt man das Leben nach so einer Erfahrung anders? Entschiedener?

Ja, viel intensiver. Denn es wird einem klar, wie schnell alles vorbei sein kann. Es war schrecklich, aber mich ließ es erkennen, dass ich das Leben, das ich mir wünschte, ergreifen musste. Wenn das alles nicht passiert wäre, weiß ich nicht, ob ich mutig genug gewesen wäre, meine Karten auf den Tisch zu legen und zu sagen, dass ich Schauspiel studieren wollte.

Was sicher als extravagant galt. Ihre Mutter war alleinerziehend, Ihnen war immer bewusst, wie hart es ist, Geld zu verdienen. Ihr Debüt gaben Sie 2008 in der TV-Serie „Doctors“. Wie steinig war Ihr Anfang?

Ich jobbte damals in einem Callcenter. Aber mit dieser ersten Gage als Schauspielerin konnte ich in drei Wochen 1 800 Pfund verdienen – das hat mir anderthalb Monate die Miete gesichert. Ich hatte zwar Angst, dass meine kleine Karriere mit einer Seifenoper gleich wieder beendet wäre. Aber ab dann hat sich mein Leben verändert.

Wie war der Job im Callcenter?

Ich habe mich da so übers Ohr hauen lassen! Ich wollte unbedingt nach London ziehen. Eine Freundin meiner Schwester jobbte dort und behauptete, man würde bis zu 14 Pfund pro Stunde verdienen. Ich war im Handumdrehen da. Es entpuppte sich als ein zentrales Callcenter für Charity-Organisationen, und sie zahlten nur den Mindestlohn von 6,25 Pfund, wenn man nicht durch besondere Leistungen aufstieg. Also ich bin nie auf 14 Pfund gekommen. Mir war die Arbeit auch unangenehm. Einmal brach eine Frau, bei der ich anrief, in Tränen aus: Ihr Sohn hatte immer gespendet und war gerade gestorben. Ich habe gleich mitgeweint.

Haben Sie sich vom ersten dicken Gehaltsscheck etwas Besonderes geleistet?

Luxus? Nein – ich war froh, endlich meine Miete zahlen zu können! In meiner Anfangszeit als Schauspielerin war ich dauernd pleite, also musste ich erst mal Schulden zurückzahlen. Es war aber ein tolles Gefühl, mit dem Beruf, den ich liebe, gutes Geld zu verdienen.

Sie sind mit Ihrer Karriere weit oben, gerade seit der Netflix-Serie „The Crown“, in der Sie die junge Queen gespielt haben. Wie sehr hat diese Rolle Ihre Karriere beeinflusst?

Sie hat alles verändert. Nur selten hat man die Chance, etwas zu machen, das das Leben so sehr auf den Kopf stellt. Ich hatte Glück, dass diese Rolle in mein Leben gekommen ist. Ich war davor auch zufrieden mit meiner Karriere, aber im Nachhinein bin ich sehr dankbar für diese Serie und alles, was sie mir ermöglicht hat.

Claire Foy als Elizabeth II. in der Netflix-Serie "The Crown".

Claire Foy als Elizabeth II. in der Netflix-Serie "The Crown".

© imago/ZUMA Press

Sie mussten vier Monate nach der Geburt Ihrer Tochter Ivy Rose schon als Elizabeth II. vor der Kamera stehen. Wie schafft man das?

Das war auch anstrengend, zumal ich noch stillte, und unter Stress werde ich sehr leicht melodramatisch. Ich weiß noch, wie ich einmal in den ersten Tagen den Regieassistenten angeschrien habe. Meine Stimme überschlägt sich in solchen Momenten, ich bin dann nur noch lächerlich. Ich weiß auch nicht, wie ich am Ende doch mit dem Druck klargekommen bin.

Haben Sie sich verändert, seit Sie Mutter sind?

Man wird zu einem anderen Menschen. Ich treffe andere Entscheidungen – manchmal frage ich mich, was mit mir passiert ist. Ich möchte positiven Einfluss auf Ivy haben, das heißt, dass ich meine Macken hinterfragen muss. Das macht das Muttersein zum schwierigsten Job überhaupt. Ich entschuldige mich sehr oft bei ihr. Meistens sind das Sätze, in denen ich erkläre, dass ich so streng sein muss, weil es das Beste für sie ist. Sie durchschaut mich aber sofort. Es ist fürchterlich, wenn die eigenen Kinder einen auflaufen lassen.

Nehmen Sie Ihre Tochter mit zur Arbeit?

Ivy begleitet mich zu den Drehs. Ich nehme sie nur nicht direkt zum Set mit, da wäre es ihr zu langweilig. Ich muss mir was einfallen lassen, wenn sie ins Schulalter kommt.

Hat sich durch Ihren Erfolg auch Ihr Leben verändert, weil Sie nun in der Superstarliga viel mehr Beachtung bekommen?

Kaum. Ich gehe noch immer zu Fuß, ohne Menschenaufläufe zu verursachen, und fahre in London sogar U-Bahn. Damit ist man einfach am schnellsten – obwohl ich mich oft beklemmt fühle. Das hat sicher auch viel mit der Welt zu tun, in der wir leben.

Also gibt es keine Privilegien, keine Limousine, keinen Chauffeur, keinen persönlichen Assistenten, der Besorgungen erledigt?

Ich bin erwachsen, bin 34 Jahre alt und arbeite schon über zehn Jahre im Beruf. Seltsam finde ich nur, wenn so getan wird, als hätte ich das schönere Kleid, die bessere Rolle, die bessere Behandlung im Restaurant verdient, weil ich etwas Besonderes geleistet hätte. Ich mache immer noch den gleichen Job wie zu der Zeit, als sich niemand um mich scherte. Nicht ich habe mich geändert, sondern die Welt um mich herum und wie ich gesehen werde. Ich lasse mir selbst auch nicht alles durchgehen und motiviere mich immer noch, mein Bestes zu geben. Wobei ich natürlich auch die Limousine nehme, wenn man mir eine hinstellt.

Warum sind wir Ihrer Meinung nach so sehr an royalen Dramen und Geschichten interessiert?

Für mich war „The Crown“ etwas Besonderes, weil die Serie nicht das Königshaus glorifiziert hat, sondern die menschlichen Seiten dieser Familie zeigt, die in einer außergewöhnlichen Situation leben muss. Großbritannien hat eine große Geschichte, daher haben wir auch eine Kultur, die künstlerisch viel aus dieser Historie herausholt.

Die Monarchie liefert ja immer neue Storys nach, wie jetzt mit Harry und Meghan.

Ja, in der Monarchie gibt’s immer etwas zu erzählen. Die Serie ist so faszinierend, weil wir alle diese Menschen aus den Medien und Geschichtsbüchern kennen und nun sehen, wie sie persönlich mit den historischen Ereignissen umgingen. Ich finde es wunderbar, dass wir ein Königshaus haben! So ein Premierminister hat ja nur vier Jahre, um interessante Persönlichkeiten zu treffen. Aber die Queen hat schon den Beatles die Hände geschüttelt, sogar dem Dalai Lama!

Haben Sie die Queen je persönlich getroffen?

Dass ich sie getroffen habe, wäre zu viel gesagt: Ich habe sie vor Jahren bei einer Aufführung von Charles Dickens kurz gesehen, und es hat mir den Atem verschlagen. Zumindest waren wir im gleichen Raum. Ich rechne aber nicht mit einem Anruf von ihr in nächster Zeit. Als der Großvater meines Exmannes zu seinem hundertsten Geburtstag einen Glückwunsch von der Queen bekam, sagte ich triumphierend: „Seht ihr?!“

Die nächste Staffel spielt nach einem größeren Zeitsprung, daher übernimmt Olivia Colman die Rolle der Queen. Fällt es Ihnen schwer, sich von der Serie zu verabschieden?

Natürlich ist es etwas seltsam. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Rolle an Olivia abgeben muss, denn die Figur hat mir nie gehört. Ich hatte nur die Ehre, für eine gewisse Zeit diese fantastische Frau zu verkörpern, und nun ist jemand anderes dran. Ich wusste von Anfang an, dass die Serie verschiedene Lebensabschnitte der Queen abdecken wird.

Werden Sie sich die neue Staffel anschauen?

Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen. Ich hoffe auf ein privates, vorgezogenes Screening nur für mich. Oder ich werde die gesamte Staffel hintereinander weggucken, an einem einzigen Wochenende am besten. Ich bin so gespannt!

Ende November sind Sie als die nächste ikonische Figur zu sehen. In „Verschwörung“ spielen Sie die neue Lisbeth Salander. Was reizte Sie an dieser Figur?

Ich wollte immer schon so eine düstere Rolle spielen – und in Berlin arbeiten! Ich konnte kaum abwarten, dass es dort losgeht. Denn ich liebe Berlin.

Gefürchtet: In „Verschwörung“ ist Claire Foy als Hackerin Lisbeth Salander zu sehen.

Gefürchtet: In „Verschwörung“ ist Claire Foy als Hackerin Lisbeth Salander zu sehen.

© SONY

Gedreht wurde in Babelsberg. Warum hat es Ihnen Berlin so angetan?

Berlin ist als Stadt großartig. Die Berliner Kultur ist fantastisch und ich liebe die Menschen, die dort leben. Ich selbst habe in Prenzlauer Berg gewohnt. Die Dreharbeiten waren zwar hart – in eisiger Kälte – aber die ganze Erfahrung war wunderbar.

Was sind Ihre Lieblingsecken in Berlin?

Ich bin viel zu Fuß herumspaziert, so kann man eine Stadt am besten kennenlernen. Ich war in allen Parks, auf allen Spielplätzen und habe ungefähr tausendmal im Goldenen Hahn gesessen – mein allerliebstes Restaurant auf der Welt! Es ist in Kreuzberg, und ich habe die Karte herauf- und heruntergegessen. Natürlich habe ich mir auch das Holocaust-Mahnmal angesehen, sonst war ich aber nicht in Museen. Lieber erkunde ich die Stadt, vor allem kulinarisch. Essen ist meine Lieblingsbeschäftigung, besonders, wenn ich unterwegs bin.

Sie gehören nicht zu denen, die sich nur von Salatblättern und Smoothies ernähren?

Ich achte generell sehr auf meine Gesundheit, nicht wegen meiner Linie. Ich vertrage leider keinen Zucker, da muss ich aufpassen. Aber solange man genießt, was man isst, und Spaß am Kochen hat, gibt es für mich keinen Grund, Kalorien zu zählen. Man lebt nur einmal.

Als Lisbeth sehen Sie aber gertenschlank aus, fast brachial-jungenhaft.

Stimmt, ich habe eigentlich rundere Formen. Ich musste mir Muskeln antrainieren, und auch noch abnehmen, um definierter zu wirken. Aber wenn ich nichts esse, bin ich unerträglich. Ich kann dann nicht mal denken. Normalerweise habe ich immer etwas zu essen in der Nähe. Mein Stoffwechsel braucht nun mal laufend Nachschub.

Kannten Sie die anderen „Millennium“-Verfilmungen?

Ja, ich hatte alle schwedischen Filme gesehen und auch den David-Fincher-Film – aber als Fan. Diese Eindrücke kann ich mir auch nicht aus dem Gedächtnis löschen, die hatten sich längst eingefräst.

Im vergangenen Jahr ging dank der MeToo-Debatte ein Beben durch die Filmbranche. Glauben Sie, dass diese Kämpfe langfristig eine Veränderung bewirken?

Es ist mir ein wichtiges Anliegen. Es war auch ein langer Kampf. Viele Frauen, die jetzt ihre Stimme erheben, wären vor zwei Jahren vielleicht noch ignoriert worden. Wir haben in letzter Zeit viel erreicht – aber wir haben noch einen sehr weiten Weg vor uns.

Wurden Sie häufiger als Frau unfair behandelt?

Ich glaube, dass jede Frau auf diesem Planeten genau weiß, wie es sich anfühlt, nicht mit dem nötigen Respekt behandelt zu werden. Natürlich ist mir das auch schon passiert, wir leben immer noch in einer patriarchalischen Gesellschaft. Vieles wird so erledigt, wie es schon immer erledigt wurde – und nicht so, wie es gerecht wäre. Einmal kurz das Victory-Zeichen machen zu können, reicht nicht. Wir sind noch lange nicht an einem Punkt angekommen, an dem alles richtig läuft. Die ganze Gesellschaft muss sich ändern.

Sie selbst haben eine Gehaltsnachzahlung von 200 000 Pfund bekommen, nachdem sie Netflix damit konfrontiert hatten, dass die Gage von Matt Smith, der in „The Crown“ Prinz Philip spielt, höher war als die Ihre.

Ich wusste immer, dass bei dem Studio, für das ich damals arbeitete, die Männer mehr verdienen, nur weil sie Männer sind. Auf den Chefposten der meisten Filmstudios sitzen fast nur Männer. Frauen sieht man noch nicht genug in den entscheidenden Positionen der Gesellschaft. Auch bei diesem Festival gibt es nur eine einzige Regisseurin, die im Wettbewerb antritt. Der erste Schritt zur Gleichberechtigung ist, dass Frauen auf der ganzen Welt sich umsehen und feststellen, dass sie nicht gleich behandelt werden. Sonst wären wir doch überall zur Hälfte vertreten.

Wirkt sich Ihre Haltung auf die Erziehung Ihrer Tochter aus?

Bei ihr versuche ich, keine Dogmen anzuwenden. Ich will gar nicht, dass meine Tochter lernt, sich irgendwie anzupassen und Erwartungen zu erfüllen. Sie soll selbst herausfinden, welchen Platz sie im Leben einnehmen will. Mir liegt viel daran, ihr nicht zu vermitteln, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Ich versuche nur, dieses wunderbare Mädchen so zu erziehen, dass es später mal eine tolle Frau wird.

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