Dank der Dominanz ihrer Eisschnellläufer, die zum Abschluss auch noch beide Goldmedaillen in der Team-Verfolgung gewannen, haben die Niederländer sehr erfolgreiche Spiele erlebt. Bob de Jong war 1998 in Nagano im 10 000-Meter-Rennen dabei, als Holland erstmals alle Medaillen in einem Winterolympia-Wettbewerb gewann, und er gehörte auch nun in Sotschi zu den drei niederländischen Medaillengewinnern über 10 000 Meter.
Herr de Jong, wie sind Sie so lange so gut geblieben?
In Nagano war ich noch ziemlich jung. Seither habe ich regelmäßig fast alle zwei Jahre die Trainer und Teams gewechselt, um immer neue Impulse zu bekommen. Ich habe dabei auch vier Jahre in Berlin mit Bart Schouten, Deutschlands ehemaligem Bundestrainer, trainiert. Wir trainieren ja viele Sportarten, nicht nur Eisschnelllauf. Wir machen auch viele Kilometer auf dem Rad. Wenn man nicht immer dieselben Straßen in denselben Orten abfährt, kann man das lange genießen und die Motivation behalten. Und ich habe immer noch Spaß.
Was denken Sie, wenn Sie 10 000 Meter Runde um Runde unterwegs sind?
Viel. In Salt Lake City 2002 hatte ich ganz negative Gedanken. Dabei habe ich nach der ersten Runde gedacht: Das schaffst du nie. Ich hatte keine Motivation. Es war nicht wie in einem normalen Rennen, wo ich in eine Trance komme und einfach so wieder zwei, drei Runden weiter bin. Ich war gut, ich war im Jahr davor Weltmeister und im Jahr danach, aber bei Olympia war ich schlecht.
Wie wichtig ist bei den Niederländen die finanzielle Motivation durch Profiverträge? Es heißt, Sven Kramer kassiert 700 000 Euro.
Keine Ahnung, wie viel er kriegt, aber es ist richtig viel. Aber er ist eine Ausnahme. Das sind nur sehr wenige wie Kramer und Ireen Wüst. Ich nicht. Ich bekomme gutes Geld, so dass ich gut leben kann, aber ich erreiche auch mit allen Prämien nicht die 100 000 Euro, absolut nicht. Das ist aber egal. Ich habe Spaß und ein gutes Leben. Ich habe immer danach ausgewählt, in einer guten Mannschaft mit einem guten Trainer zu sein. Der Vorteil ist, dass man auf die Art eine lange Karriere hat, der Nachteil, dass man weniger Geld verdient. Vier Jahre in Berlin leben und mit einer guten Mannschaft trainieren, würde Sven Kramer nicht machen, weil er da kein Geld bekommt.
Woran krankt aus Ihrer Erfahrung das deutsche System?
In Deutschland bekommen die Sportler ihre Existenzgrundlage von der Bundeswehr und der Polizei. Wenn man im Weltcup Top 20 oder 30 läuft, kann man einen Platz bei Bundeswehr oder Polizei bekommen. Die sind sich sicher, dass sie auch im kommenden Jahr in der Förderung sind. In Holland bekommt man nur wenn man Top 8 läuft, Unterstützung. In Deutschland ist es Jahre lang gut gegangen. Aber man muss aufpassen, dass man die Sportler motiviert: Wer unter die Top 8 läuft, kann auch für Sponsoren und in der Werbung interessant sein, wer Top 30 läuft, der hat ein schönes Leben und darf nach Kanada und Korea reisen zum Eisschnelllaufen, aber das ist keine Werbung für Deutschland. Die Werbung sind Leute wie Maria Höfl-Riesch.
Deutsche Athleten sind fauler, weil das System dazu erzieht?
So direkt wollte ich das nicht sagen. Aber es ist eine Erklärung. In Korea bekommen sie jahrelang Geld – wie eine Rente – wenn sie Olympiasieger werden. Vielleicht muss man dahin. Und nicht alle Sportler unterstützen. Sicher braucht man im Eissport auch eine große Gruppe, die den Sport machen will. Aber es sollte mehr erfolgsabhängig gezahlt werden.
Wie erklärt sich Hollands Dominanz?
In den vergangenen acht Jahren hat ein richtig harter Konkurrenzkampf unter den Privatteams eingesetzt. Die Sponsoren wollten die Leistung, die Sportler wollten die Sponsoren. Also haben sie richtig hart trainiert. Schon im Mai, Juni fangen sie intensiv an, im November bei den nationalen Meisterschaften müssen sie die Leistung bringen. Gelingt das nicht, sind sie im Weltcup nicht dabei. Und schon ist der Sponsor weg. Die Mannschaften arbeiten hart gegeneinander, und trainieren auf einem höheren Niveau. Vier Jahre lang und nicht nur im Olympiajahr. Es hat auf jeden Fall nicht am Eis in Sotschi gelegen, denn es ist für alle gleich.
Viele haben Putins Spiele kritisch gewürdigt. Wie haben Sie sie erlebt?
Es sind Putins Spiele. Aber ich habe mich vom ersten Tag an sicher gefühlt. Die Sicherheitskontrollen sind gemütlich, ohne lange Schlangen. Züge und Busse sind super. Der Sicherheitsbereich in Sotschi ist ein Wahnsinn. Darin kann man sich ziemlich frei bewegen, ich bin da Rad gefahren.
Haben Sie sich als Sportler zur Propaganda missbraucht gefühlt für Putins System, das die Menschenrechte nicht achtet und homophobe Gesetze erlässt?
Das weiß ich nicht. Die holländischen Minister und der König haben gute Gespräche mit Putin geführt. Die Olympischen Spiele sind gut dafür, ein Licht auf ein Land zu werfen, so dass die Frage der Menschenrechte in dem Land diskutiert wird, und die Welt sich anschaut, wie es aussieht in Russland.
Wie würde Ihre Rangliste Olympischer Spiele, an denen sie teilgenommen haben, aussehen?
Turin auf eins. Weil ich da gewonnen habe. Aber das ist schwer zu vergleichen. In Nagano war ich noch ein kleiner Junge. Jetzt sehe ich alles mit viel Erfahrung. Die Welt hat sich auch geändert. Kurz vor Salt Lake City war der 11. September. Die Sicherheitsvorkehrungen waren riesengroß, es waren total andere Spiele. In Japan herrscht eine andere Kultur als in Italien. Und Russland kann man nicht mit Vancouver vor vier Jahren vergleichen.
Wie hat es sich mit dem Flair und der Atmosphäre verhalten?
Das ist doch genauso. Nach Turin konnten holländische Fans pendeln. Nach Russland kommen Fans nur sehr schwer. Das muss lange vorher vorbereitet werden. Deswegen gab es hier weniger Interaktion mit holländischen Fans. Nagano war zu weit weg. Die Welt ist zu groß, um als Fan überall hinzureisen.
Kommen Sie, vielleicht als Trainer, noch mal nach Berlin zurück?
Auf jeden Fall will ich den Marathon da noch mal laufen. Ich liebe Berlin. Aber ich habe noch keine Ausbildung zum Trainer.
Wie lange wollen Sie noch laufen?
Pyeongchang 2018.
Wow. Wirklich?
Nein. Ich schaue von Jahr zu Jahr.
Das Gespräch führte Jörg Winterfeldt.
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