Nach neun Jahren hat sich der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat, aus dem Amt zurückgezogen. Einer seiner beiden Nachfolger, Safter Cinar, hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Krisenstimmung in der Türkei auch auf Deutschland übergreifen könnte.
Herr Cinar, bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland stehen nun zwei Männer an der Spitze. Warum ist keine Frau dabei?
In unserer Satzung haben wir eine Geschlechterquote , und nun sind es doch zwei Männer geworden, das ist ein Manko. Das liegt daran, dass Kenan Kolat seinen Rückzug aus gesundheitlichen Gründen recht kurzfristig angekündigt hat. Wir mussten schnell entscheiden und sehen, wer zur Verfügung steht. Beim nächsten Wechsel wird auch eine Frau an der Spitze sein.
Safter Cinar wurde 1946 in Brüssel geboren und ist türkischer sowie deutscher Staatsbürger. Seine Schulzeit verbrachte der Sohn eines türkischen Hochschullehrers in Istanbul. Das Abitur machte er am Deutschen Gymnasium in Istanbul. Zum Studium der Betriebswirtschaft ging Cinar 1967 nach Westberlin, wo er 1974 heiratete.
Seit Gründung des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg ist Cinar Mitglied des Vereins und war seit 1991 über fast 20 Jahre dessen Sprecher. Als Gewerkschaftler war er Vorsitzender der GEW Berlin und Migrationsbeauftragter des DGB. Seit Mai 2014 ist Cinar einer von zwei Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland.
In zwei Wochen sind die Berliner aufgerufen, über die Zukunft des Tempelhofer Feldes abzustimmen. Von der Entscheidung sind auch rund 100.000 Berliner betroffen, die nicht mitwählen dürfen, weil sie die türkische Staatsangehörigkeit haben. Ist das nicht ungerecht?
Tja, das sagen wir seit 30 Jahren! Das Wahlrecht muss aber vor allem auf kommunaler Ebene überarbeitet werden. Bei Volksentscheiden ist das Parlament betroffen, da sehe ich es noch eher ein, dass ausländische und EU-Bürger nicht mitwählen dürfen. Bürger der EU haben aber immerhin das Recht, an Kommunalwahlen teilzunehmen. Dass türkische Mitbürger in Deutschland das nicht dürfen, ergibt keinen Sinn.
Auch das Ergebnis der Europawahl hat Einfluss auf alle Türken, die in der EU leben. Wird es Zeit für einen EU-Beitritt der Türkei?
Die Türkei gehört zu Europa und sollte auch Teil der Europäischen Union sein. Aber so, wie sich das Land gerade präsentiert, vor allem in Bezug auf die Menschenrechte, ist ein Beitritt unmöglich. Das zu ändern, ist allerdings Aufgabe der Türkei, wir können von hier aus wenig dazu tun.
Die TGD betont grundsätzlich, sich nicht in die Belange der Türkei einzumischen. Aber hat nicht jede Entwicklung dort auch Auswirkungen auf die Türken in Deutschland?
Es ist ja nicht unzulässig, die Politik in der Türkei zu verfolgen und Mängel zu kritisieren. Wir müssen nur vorsichtig sein, nicht in Parteipolitik zu verfallen. Die Türkei ist tief gespalten. Wir müssen vermeiden, dass sich die unversöhnliche Atmosphäre auf die türkische Gesellschaft in Deutschland überträgt.
Am 24.Mai tritt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Köln auf. Er hat gesagt, er werde den Auftritt nicht für den Präsidentschaftswahlkampf in eigener Sache nutzen. Was ist davon zu halten?
Na, Erdogan wird wohl kaum über Fußball oder Ballett reden! Natürlich wird es um Politik gehen. Die Frage ist, was er sagen wird – bezogen auf die Türkei, aber auch auf das Leben der Türken in Deutschland. Ich hoffe, dass er nichts sagt, was die Spaltung vorantreibt. Es wäre fatal, wenn die Krise in der Türkei hier herüberschwappte.
Halten Sie diese Gefahr denn für realistisch?
Ausgeschlossen ist es nicht. Noch ist die Spaltung hier nicht so extrem, aber ich habe in den 70er-Jahren schon einmal erlebt, wie sich die gewalttätige Atmosphäre von der Türkei auf Deutschland übertragen hat.
Vergangenen Samstag hat der Präsident der türkischen Anwaltskammer, Metin Feyzioglu, Erdogan öffentlich kritisiert, woraufhin dieser wütend den Saal verlassen hat… Auftritte wie diese sind von außen betrachtet schwer nachzuvollziehen.
Von innen auch! Erdogan ist Ministerpräsident, er kann sich auf so einer Veranstaltung doch nicht benehmen wie in einer Kneipe. Seit den Ereignissen auf dem Taksim-Platz hat er dieses aggressive Auftreten. Erdogan glaubt leider, die Taksim-Aktionen seien von außen gesteuert worden. Dass spontan Zehntausende protestieren, ist ungewöhnlich für die Türkei. Daher denkt Erdogan, finstere Mächte stecken dahinter.
Zurück zur deutschen Politik: Die TGD verfolgt die Aufarbeitung der NSU-Morde sehr genau. Nun ist der Prozessauftakt ein Jahr her. Können Sie ein erstes Zwischenfazit ziehen?
Der Prozess hat etwas unglücklich angefangen. Jetzt geht er aber seinen Gang. Dass das Medieninteresse nicht mehr so groß ist, wird innerhalb der türkischen Gemeinde bedauert, ist aber normal. Man wird sehen, wie es weitergeht und was am Ende herauskommt. Wenn die Ergebnisse des NSU-Ausschusses in konkrete Politik umgesetzt werden, ist das ein Zeichen dafür, dass die Justiz und die Polizei in Deutschland aus den Fehlern der Vergangenheit Lehren gezogen haben.
Das Gespräch führte Tanja Brandes.
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