Treffpunkt Berlin, ein Hotel am Potsdamer Platz. Arne Friedrich kommt ein paar Minuten zu spät und in Sportkleidung. Er hat gerade ein intensives Boxtraining hinter sich. „Das ist gut und hält mich fit“, sagt der 38-Jährige. Wir sprechen mit Friedrich über Herthas Entwicklung, die Stadiondebatte und die Bundesliga im internationalen Vergleich.
Herr Friedrich, Sie haben nach Ihrem Karriereende 2013 viel ausprobiert. Sie haben den Trainerschein gemacht und waren Assistenztrainer der deutschen U18. Sie haben 2014 die WM für das chinesische Fernsehen kommentiert und, und, und. Wohin geht die Tendenz?
Ich werde schon im Fußballbereich bleiben. Ich habe natürlich viel ausprobiert, die A-Lizenz gemacht oder als Experte für Fox Sports in den USA gearbeitet. Mein Englisch ist zwar gut, aber das ist doch eine andere Sache. In den USA läuft das mehr in Richtung Entertainment, man muss sehr spontan sein. Das viele Ausprobieren war wichtig. Ich musste herausfinden: Was kann ich? Was macht mir Spaß? Wo muss ich zulegen? Wo ich am Ende lande, weiß ich noch nicht.
Wie intensiv verfolgen Sie denn noch Ihre ehemaligen Vereine?
Naja, bei Bielefeld und Wolfsburg schaue ich nach den Resultaten und auf die Tabelle. Bei Hertha, wo ich acht Jahre gespielt habe, bin ich bei vielen Heimspielen im Stadion und verfolge die Situation sehr intensiv. Da bin ich mit dem Herzen dabei. Und auch über Chicago Fire bin ich im Bilde. Ein toller Verein, eine tolle Stadt.
Dort spielt nun Bastian Schweinsteiger. Haben Sie ihn beraten?
Überhaupt nicht. Wir haben uns einmal geschrieben. Chicago spielt jetzt bald die Play-offs – und wir Deutschen haben sicherlich einen kleinen Anteil an der guten Entwicklung des Vereins.
Zurück zu Hertha. Sie haben noch viele Jahre gemeinsam mit Pal Dardai gespielt. Haben Sie ihm die Rolle als Cheftrainer zugetraut?
Ich habe ihm zuerst nicht vollends zugetraut, dass er solch einen tollen Weg geht. Das habe ich ihm auch einmal ehrlich gesagt. Ich war mir sicher, dass er die Mannschaft rettet. Er ist einer, der eine gute Ordnung auf dem Platz hinbekommt. Aber ich habe nicht gedacht, dass er auch offensiv solche Akzente setzen kann. Jetzt sieht man deutlich seine Handschrift. Ich freue mich sehr für ihn und ich freue mich für Hertha, dass alles so gut funktioniert. Pal ist Rekordspieler der Hertha, er ist ein Arbeiter und die Fans lieben ihn. Er hat großen Anteil daran, dass Hertha dort ist, wo der Verein jetzt steht.
In dieser Saison ist die Situation etwas schwieriger.
Pal hat die Latte hoch gelegt. Michael Preetz hat viele gute Transfers hinbekommen, junge deutsche Spieler mit großer Perspektive verpflichtet. Und die gesamte Positionierung des Vereins ist anders, besser geworden. Hertha will weg vom Graue-Maus-Image, ist provokativ und internationaler geworden. Das gefällt mir.
Sie selbst spielten unter vier Trainern bei Hertha: Huub Stevens, Hans Meyer, Falko Götz und Lucien Favre. Ein Satz bitte zu jedem dieser Trainer!
Favre war der genialste Trainer, fachlich der beste. Bei Stevens musste die Null stehen, er hat uns Struktur gegeben. Meyer war der richtige Mann zur richtigen Zeit bei Hertha und hat auch mal einen Spieler in den Arm genommen. Und auch Falko Götz hatte eine gute Zeit. Rein fachlich gesehen ist Favre top, top, top!
Sie waren im März beim Abschiedsspiel für Marcelinho im Olympiastadion. War er für Sie der beste Profi, mit dem Sie bei Hertha zusammengespielt haben?
Ja, er war der genialste Spieler, unheimlich dynamisch, torgefährlich und ein herzlicher Mensch. Aber wir hatten damals viele starke Charaktere im Team: Pal, Marko Pantelic, Andrej Woronin. Heute ist alles etwas weich geschliffen, aber das verstehe ich. Ich habe damals auch versucht, mich anzupassen an das, was vom Verein gewünscht wurde. Heute mache ich das nicht mehr. Nach der Karriere kann man sich wieder positionieren, wie man es selber möchte.
In Berlin wird die Frage diskutiert, ob man ein neues Stadion bauen soll. Haben Sie eine Meinung?
Hätte ich eine, würde ich sie äußern, habe ich aber nicht. Ich hänge am Olympiastadion. Schaut man aber durch die Hertha-Brille, muss man sagen: Ein Stadion muss her. Ein volles 55.000-Mann-Stadion mit steilen Tribünen bringt mehr Punkte. Aber Berlin ist nicht nur Hertha. Man muss die Stadt verstehen. Ich bin gespannt, wie die Diskussion ausgeht.
Zuletzt waren deutsche Vereine kaum erfolgreich im Europapokal. Es heißt, die Bundesliga schwächelt. Ist das so?
Zuletzt haben nur Bayern und auch mal Dortmund international die Fahne hochgehalten. Im Topbereich in Europa hinken wir hinterher. Andere Ligen wie Spanien oder England haben vier, fünf Topmannschaften, die auch europäisch erfolgreich sind. Insgesamt ist die Bundesliga in der Breite stark und attraktiv, aber es gehen auch viele junge Topleute ins Ausland. Ich habe zuletzt auch Östersund gegen Hertha gesehen. Hertha sieht nicht schlecht aus, aber es fehlt die internationale Abgebrühtheit, das Aggressive, das Unbedingt-gewinnen-Wollen. Hertha spielt oft wirklich gut, aber international wundert man sich. Das ist schon eine andere Nummer.
Es wird immer bei den internationalen Startern viel von der Doppelbelastung geredet und auch schon mal geklagt. Sie kennen das.
Das Tempo ist viel höher als noch zu meiner Zeit, da könnte ich nicht mithalten. Die Ernährung und viele andere Dinge wurden optimiert. Hertha zum Beispiel ist breit aufgestellt. Ich habe keine Angst, dass sie durch die internationalen Spiele in der Liga abstürzen. Dennoch kann diese Belastung zum Problem werden. Nur die Bayern besitzen einen Kader, der diese Belastung gut verträgt. Hinzu kommt, dass die finanziellen Mittel der deutschen Klubs nicht so groß sind wie bei einigen anderen europäischen Vereinen.
Hat die Bundesliga da einen Wettbewerbsnachteil?
Das Financial Fairplay ist ein absoluter Witz, wenn ich sehe, mich welchen Eselsbrücken etwa Paris St. Germain arbeitet. Ich finde, das ist sogar Wettbewerbsverzerrung, wenn die weit über 300 Millionen Euro für zwei Spieler ausgeben. Diese Summen sind absoluter Wahnsinn! Deshalb finde ich super, wie die deutschen Klubs arbeiten, eben solide und akkurat.
Wird es in Zukunft womöglich noch wahnsinniger?
Irgendwann kann man das den Fans nicht mehr erklären. Der Spitzenfußball darf sich nicht so weit von seiner Basis entfernen. Die könnten sich abwenden. Man sieht es ja auch an kleinen Details: Wann war Hertha gegen Bayern zum letzten Mal nicht ausverkauft? Vielleicht müsste der Fußball ein wenig gesunden. Mir kommt das vor wie eine Immobilienblase, die irgendwann mal platzt. Aber das Problem ist, dass es viele sehr reiche Menschen gibt, die richtig Kohle in den Fußball stecken, aber man ist abhängig von ihnen.
Wie finden Sie eigentlich die Rückkehr von Jupp Heynckes und von Hermann Gerland, der Sie ja einst entdeckte und nach Bielefeld holte?
Ich denke, das ist eine clevere Lösung, denn was Bayern im Moment braucht, ist jemand, der das Team wieder zusammenbringt. Und Gerland wird immer da sein, egal, wer Cheftrainer ist. Heynckes kennt die Mannschaft, die Mannschaft kennt ihn. Aber, Bayern ist nicht mehr Bayern. Manche Spieler sind schon in einem höheren Alter, einige Transfers waren vielleicht auch nicht ganz optimal.
Stichwort Videobeweis.
Er zerstört Emotionen. Erst wird gejubelt, dann unterbricht der Schiedsrichter und macht das Videozeichen. Dann soll vielleicht erneut gejubelt werden. Ich brauche das nicht.
Wie stark ist die deutsche Nationalmannschaft im Moment?
Was uns international in den Klubs oft fehlt, das hat die Nationalmannschaft. Jogi Löw macht einen sensationellen Job. Die WM-Quali war stark, der Confed Cup überragend. Und wir haben Spieler, die aus der U21 nachrücken. Die Gefahr besteht darin, dass alle in Deutschland den Topfavoriten sehen und jeder sich gegen uns zerreißen wird bei der WM. Ich glaube aber, wir haben das Potenzial, Weltmeister zu werden.
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