Auf den Tag genau vor 40 Jahren wurde die Alternative Liste (AL) in Berlin gegründet, die 1993 in der Partei Bündnis 90/Die Grünen aufging. Aus diesem Anlass sprach die Berliner Zeitung mit der Grünen Fraktionschefin Antje Kapek (42) und mit ihrem Vater Frank Kapek (66), der von 1987 bis 1989 für die AL im Abgeordnetenhaus saß. Er ist nun Krankenpfleger im Ruhestand.
Kinder tun oft und gern das Gegenteil von dem, was die Eltern machen. Wie kommt es, dass Sie, Frau Kapek, in der gleichen Partei wie ihr Vater gelandet sind?
ANTJE KAPEK: In der Pubertät war ich den Grünen ganz und gar nicht grün. Dann aber bin ich um die halbe Welt gereist, 2001 in die Niederlande gezogen, wo es gerade einen Rechtsruck gab. Da habe ich gemerkt, dass ich eine Grüne war.
FRANK KAPEK: Ich habe sie nicht in die Politik gedrängt, eher gedacht, dass sie Stadtplanerin wird und Städte baut.
ANTJE KAPEK: Naja, aber als ich bei dir als alleinerziehendem Vater gewohnt habe, wurde am Tisch ständig über Politik diskutiert. Und du hast mich zu Demos wie der Besetzung des Lenné-Dreiecks 1987 mitgenommen.
Sind die Grünen heute mit der AL vergleichbar?
FRANK KAPEK: Heute sind sie viel professioneller. Wir haben damals viel behauptet, ohne genau Bescheid zu wissen, auch wenn wir dann öfter mal wie zum Beispiel beim Umweltskandal der Batteriefabrik Sonnenschein in Tempelhof recht behielten. Heute weiß die Fraktion viel mehr, und sie muss ihre Papiere auch nicht mehr auf der Schreibmaschine mit Korrekturband selber tippen. Wir sind damals mit neun Abgeordneten und einer Handvoll Mitarbeiter in drei Privatautos zur Fraktionsklausur nach Franken gefahren, machten noch einen Ausflug zur damals geplanten Atom-Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Nachts haben wir im Gasthof unser Bier selbst gezapft, weil die Bedienung Feierabend gemacht hatte. Als die jetzige Fraktion kürzlich zur Klausur nach Hamburg fuhr, waren da 80 Leute mit einem Riesen-Programm dabei.
ANTJE KAPEK: Es stimmt, dass wir effizienter sind, aber nicht weniger radikal. Es gibt auch Parallelen bei sozialen Bewegungen damals und heute. Die Wohnungsnot aus den 80er-Jahren ist wieder da, und wieder werden Hausbesetzungen diskutiert, um Spekulation und spekulativen Leerstand zu verhindern. Es braucht Druck, um die Mieter zu schützen.
FRANK KAPEK: Ich war damals im Umfeld der Hausbesetzerszene tätig und fürchte heute, dass es keine Mieterbewegung geben könnte.
ANTJE KAPEK: Zeitweilige Hausbesetzungen, gegen die ich mich nicht stelle, weisen auf ein dringendes Problem hin. Leider sind unsere Kompetenzen bei der Wohnungsfrage begrenzt, weil 80 Prozent der Fragen auf Bundesebene zu klären wären.
Was müssten die Grünen denn heute unbedingt anpacken?
FRANK KAPEK: Naturgemäß ist Pflege mein Thema. Sie müssen sich für eine Berliner Pflegekammer einsetzen, was sie in der Berliner Koalition gegen Linke und SPD aber nicht offen tun. Hier ist wie bei der Mietenfrage außerparlamentarischer Druck notwendig. Speziell das ambulante Pflegesystem droht zusammenzubrechen.
ANTJE KAPEK: Das wird ein schweres soziales Problem, wie man in anderen Ländern sieht, und worauf ich schon 2015 hingewiesen habe. Jetzt beschlossene Maßnahmen der Bundesregierung sind ein Anfang, decken den Bedarf an Pflegekräften aber nicht. Wir müssen Menschen motivieren, in dem Bereich zu arbeiten, dafür braucht es aber Standards, damit die Beschäftigten nicht über das Menschenmögliche hinaus arbeiten müssen. Und es muss verhindert werden, dass Krankenhäuser ambulante Pflegekräfte abwerben – das System kannibalisiert sich.
FRANK KAPEK: Schon jetzt müssen Pflegedienste wie der, bei dem ich zuletzt gearbeitet habe, Patienten ablehnen, weil kein Personal vorhanden ist. Wenn Vivantes und Charité mehr bezahlen als die ambulanten Dienste, brechen die zusammen.
Dies alles zu regeln dauert allerdings seine Zeit.
ANTJE KAPEK: Leider auch an vielen Stellen der Berliner Verwaltung, weil an entscheidenden Stellen Personal fehlt. Es gibt zwar punktuelle Lösungen wie bei den Kfz-Zulassungsstellen oder den Bürgerämtern. Aber noch immer liegt kein Personalentwicklungskonzept vor, das wir Grünen inzwischen monatlich vom Finanzsenator Matthias Kollatz von der SPD fordern. Da geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Laufbahnrecht und Ausbildungsstandards, und es ist Geld da. So schwer ist das nicht, es gibt verschiedene Vorschläge, und unsere Koalition ist überaus reformwillig. Kollatz hat jetzt einen guten Vorschlag gemacht, dass die Bezirke externe Hilfe heranziehen können, wenn ihnen Ingenieure fehlen. Aber wenn das Personalentwicklungskonzept nicht kommt, werden wir eigene Vorstellungen vorlegen.
FRANK KAPEK: Ich erkläre Menschen, mit denen ich spreche und die über die Langsamkeit der Verwaltung klagen, immer die langen Wege zum Beispiel bei Ausschreibungen, wenn zum Beispiel europaweit nach Angeboten gesucht werden muss. Die Entbürokratisierung ist sehr schwierig.
Auch den Grünen in Berlin wird inzwischen von vielen vorgeworfen, dass sie eine konservative, bürgerliche Partei geworden ist und dass sie sich von der linken AL entfernt hat. Ist das so?
FRANK KAPEK: Eigentlich waren wir immer schon konservativ, weil es konservativ ist, sich für die Erhaltung der Umwelt einzusetzen. Wir waren aber damals radikaler in unseren Forderungen, weil das dafür sorgte, dass sie in die Öffentlichkeit drangen. Ökologische Themen waren damals noch nicht so angesagt. Als Oppositionspartei waren wir noch mehr auf Entlarvung von Missständen ausgerichtet als die Grünen heute als Regierungspartei in Berlin.
ANTJE KAPEK: Wir sind keine Streber, eher fleißige Bienchen, die immer den Finger in die Wunde legen und auf Reformen drängen, um gleiche Lebensbedingungen zu schaffen. Das ist keine Frage konservativer Bürgerlichkeit, wenn wir uns für Nachhaltigkeit einsetzen. Jeder will doch in Ruhe und gesunder Luft leben. Mein Vater und seine Parteifreunde haben damals die Grundlagenarbeit geleistet und vom Rand her an den Themen geknabbert. Jetzt sind wir mit den Themen im Zentrum gelandet, aber noch immer eine linke Partei des Wandels. Die Emanzipationsbewegungen von 1968 haben in den Grünen ihre Partei gefunden, und die Grünen haben an deren Forderungen gearbeitet – wer hätte sich damals die Ehe für alle vorstellen können? Uns wohnt noch immer ein kleiner Punk inne.
Herr Kapek, wie haben Sie denn damals als AL-Abgeordneter im Abgeordnetenhaus an Themen „geknabbert“?
FRANK KAPEK: Wir haben beispielsweise die autofreie Stadt gefordert und mächtig Prügel dafür bezogen. Heute ist das eine anerkannte Diskussion, das Ziel scheint erreichbar zu sein. Auf der anderen Seite – damals tagte das Abgeordnetenhaus noch im Rathaus Schöneberg – gab es bereits Einflussmöglichkeiten für uns. Als Ende der 80er-Jahre an einem neuen Flächennutzungsplan gearbeitet wurde, hat man sich heimlich mit CDU-Abgeordneten auf dem Klo getroffen, wo sie einem von einer Kabine in die andere Papiere zugeschoben haben, wenn eine Laubenkolonie plattgemacht werden sollte.
ANTJE KAPEK (unterbricht kurz): Dafür gibt es heute das Internet.
FRANK KAPEK: Dann konnten wir als AL für die Laubenpieper aufstehen, weil die von der CDU es nicht konnten. Insgesamt kann man sagen, dass sich unsere Themen wie die radlerfreundliche Stadt oder auch das Car-Sharing in die Gesellschaft hineinentwickelt haben.
In Umfragen stehen Berlins Grünen zwar hinter der Linken, aber vor SPD und CDU. Wie bewerten Sie das?
ANTJE KAPEK (lächelnd): Weitermachen. Schritt für Schritt.
Können Sie sich angesichts dieser Entwicklung Ihre Tochter als Regierende Bürgermeisterin vorstellen?
FRANK KAPEK: Warum nicht? Ich hatte mir ja auch nicht vorstellen können, dass sie in die Politik geht.
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