Interview mit Michael Preetz

„Wir möchten die Spitze einer Bewegung sein“

Wie der Manager des Hertha BSC den Club verändern will.

Paul Linke
9 Min
„Es muss doch mehr als nur zwei Mal im Jahr möglich sein, dass das Olympiastadion voll ist. Zum Beispiel am Sonntag gegen Schalke“: Michael Preetz.

„Es muss doch mehr als nur zwei Mal im Jahr möglich sein, dass das Olympiastadion voll ist. Zum Beispiel am Sonntag gegen Schalke“: Michael Preetz.

© imago/Bernd König

Und warum will der Traditionsverein auf einmal hip wie ein Start-up sein? Im Interview vor dem Heimspiel gegen Schalke (Wahlsonntag, 17.30 Uhr) stellt sich Michael Preetz, 49, der Kampagnenkritik.

Die ablehnende Haltung vieler Fans hat den Verein überrascht. Der Manager räumt Fehler ein. Er lässt aber keine Zweifel daran aufkommen, dass Hertha sich verändern muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. In flüssigem Kanzlerinnendeutsch sagt Preetz: „Das ist alternativlos.“

Herr Preetz, die neue Imagekampagne ist … ähm, Herr Preetz, warum lachen Sie?

Ich dachte, wir führen das Interview auf Englisch.

Wir können es versuchen. Wir werden schon nicht scheitern.

Nein, im Ernst. Das, was wir machen, wird reduziert als Kampagne betrachtet. Uns geht es aber um viel mehr. Es geht um eine Haltung, die wir bei uns im Verein leben wollen. Es geht um Veränderungen. Der Fußball verändert sich, die Arbeitswelt verändert sich, unsere Gesellschaft verändert sich. Das ist die Überschrift. Das ist die Klammer. Wir wollen Menschen erreichen, die keine Angst davor haben, Menschen, die Lust haben auf Neues.


Zur Person

Zwanzig Jahre, zwei Karrieren:
An einem Sommertag vor zwanzig Jahren ist der Fußballspieler Michael Preetz, damals  29 Jahre alt, nach Berlin gezogen. In seiner ersten Saison für Hertha BSC stieg er in die Erste Bundesliga auf, in der dritten wurde er Torschützenkönig, führte den Verein erstmals und letztmals in die Champions League.

Nach acht Spielzeiten und 93 Toren – bis heute Klubrekord – wechselte Preetz auf die Funktionärsebene. Er studierte Sportmanagement und war zunächst der Hilfsassistent von Manager Dieter Hoeneß. Nach dessen Rücktritt im Sommer 2009 übernahm Preetz die Geschäfte.

Seit dem verantwortet er zwei Abstiege, zwei Aufstiege, 82 Transfers mit einem Überschuss von 16,09 Millionen Euro. In seine Amtszeit fällt die Entscheidung, Hertha für den amerikanischen Investor KKR zu öffnen, der 61,2 Millionen Euro in den Verein investierte. Seit dem vergangenen Jahr ist Hertha schuldenfrei.


Veränderung wird oft mit Verlust gleichgesetzt.

Dafür haben wir Verständnis. Draußen gibt es viele Fragen, die wir beantworten müssen. Das ist in den letzten Wochen etwas zu kurz gekommen und das ändern wir.

Dann fangen wir mit dieser Frage an: Ist Hertha ein Fußballverein, ein Unternehmen oder eine Marke?

Ein bisschen was von allem. In jedem Fall sind wir zu allererst ein Fußballverein, in jeden Fall aber auch ein Unternehmen, und ob wir eine Marke sind, darüber streiten sich die Gelehrten.

Und welche Position vertreten Sie in diesem Streit?

Unser Problem ist doch, dass wir, egal was wir auch versucht haben, es nicht schaffen konnten, noch mehr Menschen für Hertha zu gewinnen. Das Angebot in dieser Stadt ist ein unglaubliches großes. Der Geldbeutel, um das alles zu machen, wächst aber nicht proportional mit. Die Leute müssen sich entscheiden. Ich werde irre dabei. Ich sage, Mensch, wir haben ein Stadion, was an sich ja auch toll ist, aber es hat ein Drittel Kapazität frei. Es muss doch mehr als nur zwei Mal im Jahr möglich sein, dass es voll ist. Zum Beispiel am Sonntag gegen Schalke.

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Wir werben doch schon seit Jahren. Wir befassen uns schon so lange damit: Was ist das Besondere an diesem Verein in Konstellation mit dieser Stadt? Was ist die Uniqueness von Berlin? Was können wir daraus für Hertha ziehen? Wir wollten das Image vom vielleicht etwas großmäuligen Verein, den niemand interessiert, loswerden. Wir haben lange nichts gefunden, mit dem alle zufrieden waren. Wir haben viele Dinge probiert, nicht nur schlechte. „Aus Berlin. Für Berlin“ etwa. Und, als ich noch Spieler war, die Kampagne „Play Berlin“. Das war übrigens eine gute Kampagne. Sie kam vielleicht nur zu früh.

Warum waren diese Kampagnen nicht erfolgreich?

Wir haben nie diese eine Charakterecke gefunden, in der jeder, der sich mit Hertha befasst, ob von außen oder von innen, nachvollziehen kann, warum wir zu so einer Haltung kommen. Eine Haltung, die wir leben und durchdringen. Forsch und mutig. Nicht mit dem Ansatz, dass wir es immer schaffen. Aber mit dem Ansatz, dass wir etwas bieten wollen. Dass die Zuschauer nach Hause gehen und denken: Ja, die haben es wirklich versucht.

Wollen das nicht alle Fußballklubs?

Die Leitbilder in der Liga sind sehr uniform. Man findet da Begriffe wie Werte, Tradition, Verantwortung, gesellschaftliches Engagement. Wir wollten gezielt weg davon. Wir haben etwas gesucht, das einzigartig ist. Wir wollen innovativ sein, kreativ. Wir haben verstanden, dass wir in 125 Jahren Vereinsgeschichte nicht nur lineare Erfolgsgeschichten geschrieben haben. Das Probieren, das Scheitern und das Wiederaufstehen macht Hertha aus.

Auch das gilt für die meisten.

Das ist richtig. Aber in Berlin ist es speziell. Wir hatten einen riesigen Solidarisierungseffekt nach den Abstiegen. Da ist das Band zwischen Verein und Fans noch mal stärker geworden. Außerdem ist „We try. We fail. We win.“ nur ein Saisonmotto, ein Jahresmotto. Im nächsten Jahr wird es mit Sicherheit ein neues geben. Es ist also keine Überschrift für die kommenden Jahre.

Seit diesem Sommer bezeichnet sich Hertha als Start-up. Bereits vor fünf Jahren hieß es in der Wiederaufstiegsreportage des Fußballmagazins 11 Freunde über Sie: „Er könnte als viriler Jungmanager eines Start-up-Unternehmens durchgehen.“

Gut beobachtet, oder? (lacht)

Im Dialog will Preetz die Fans überzeugen

Dazu zwei Fragen: Fühlen sie sich jung? Und: Sind Sie jetzt am Ziel?

Jung? Ja, doch, jung fühle ich mich noch halbwegs. Erst nächstes Jahr steht der runde Geburtstag an. Jung fühle ich mich vor allem, weil ich in so einem jungen Umfeld arbeite. Aber am Ziel? Was ist das Ziel? Hertha ist meine Lebensaufgabe. Ich lebe seit zwanzig Jahren in Berlin. Davon konnte ich nicht ausgehen, als ich 1986 hergezogen bin. Jetzt wurde mein Vertrag noch einmal verlängert. Es gibt so viele spannende Themen, die es noch zu bearbeiten gibt.

Bleiben wir beim Begriff Start-up. Wer hatte die Idee?

Wir haben diesen Begriff gemeinsam mit der Werbeagentur Jung von Matt erarbeitet. Es ging uns zu Beginn darum, dass man uns auch mal die Wahrheit sagt, die ja manchmal schmerzt. Auch die Außensicht auf die einzelnen Protagonisten. Die Agentur hat uns schnell mit ihren Vorschlägen überzeugt, dann ging es darum, diese gemeinsam zu verfeinern. Und jetzt geht es darum, das zu leben.

Und wie?

Wir glauben, uns an die Spitze einer Bewegung setzen zu können. Weil wir in Berlin sind, weil Berlin hier eine Expertise hat. Durch die vielen jungen Leute, die Veränderer, die Gründer, die in diese wahnsinnig weit gefächerte Stadt kommen. Wir haben nicht das fußballerische Potenzial für ganz oben. Wir haben dafür auch nicht das wirtschaftliche Potenzial. Aber an der Stelle haben wir es. Das hat uns zu dieser Haltung geführt. An dem Thema ist mehr richtig als falsch. Und darum werden wir kämpfen.

Es gibt etwa 600 Start-ups in Berlin, die etwa 13 000 Arbeitsplätze schaffen. Ist das Ihre neue Zielgruppe?

Wir wollen nicht nur junge Leute, nicht nur Start-ups. Wir wollen allen Berlinern ins Bewusstsein rufen, dass sie hier alle vierzehn Tage Bundesligafußball sehen können. Und natürlich wollen wir Leute erreichen, die neu nach Berlin kommen, die Bremen oder Hamburg im Herzen tragen. Die sollen ruhig auch zu uns kommen.

Übersehen Sie nicht etwas? Wenn Sie von Start-ups sprechen, betonen sie die Innovation, den Mut, den Gründergeist. Was Sie aussparen ist die hohe Risikobereitschaft in dieser Szene, das schnelle Wachstum, den möglichen Verkauf.

Der Exit, ja. Das kann man so sehen. Wir sagen nicht, wir haben alles richtig gemacht. Es ging uns um eine besondere Nische. Wir wollten damit zum Ausdruck bringen, dass wir bereit sind für Veränderungen. Wir sind bereit, auch Haltungen zu ändern. Wir wollen Hertha, den Verein, das Unternehmen, anders führen. Wir wollen Dinge ausprobieren. Wir wollen Dinge verstehen, von denen wir selbst noch nicht wissen, wie sie funktionieren. Das braucht Zeit. Aber wir wollen uns nicht anbiedern. Das würde keinen Sinn machen. Ich kann versprechen: Es wird noch einiges kommen von uns in nächster Zeit.

Sie haben gesagt, dass Hertha auch ein Medienunternehmen sein muss. Wollen Sie mich arbeitslos machen?

Nein. Wenn wir neue Fans gewinnen oder neue Zielgruppen erschließen wollen, müssen wir einen unmittelbaren Kontakt zu ihnen aufbauen. Das hat nichts damit zu tun, dass morgen keiner mehr die Zeitung lesen soll. Aber wir sitzen nun mal auf all den Inhalten, für die sich die Leute interessieren. Über diese Leute müssen wir alles erfahren, um zu wissen, wie wir sie erreichen, ansprechen und am Ende dazu bewegen können, ins Olympiastadion zu kommen.

Wenn ein Verein seine Außenwahrnehmung selbst steuert, droht da nicht ein unkritisches, weichgespültes Bild zu entstehen?

Weichgespült funktioniert nicht. Wir wollen, dass die Leute da draußen über Hertha diskutieren. Wir wollen deshalb unsere eigenen Inhalte produzieren und neue Kanäle ausprobieren, die sich irgendwann auch kommerzialisieren lassen. Eine Außensicht, eine kritische Betrachtung gehört aber genauso dazu wie unsere Wahrnehmung.

Wie überzeugen Sie die Fans von Ihren Plänen?

Wir haben zum Beispiel circa 450 Fanclubs, da gibt es regelmäßige Treffen, zu denen wir natürlich gehen. Zuletzt war Paul Keuter dabei, der ja so etwas wie die Zielscheibe der Kritik dort geworden ist, als hätte er das alles alleine entschieden. Die Leute wollten ihn kennenlernen.

Wie läuft so ein Treffen ab?

Da wird viel diskutiert, und wir merken ganz schnell: Gibt es Ablehnung? Was sind die ungeklärten Fragen? Wieso macht ihr das? Warum macht ihr das so? Habt ihr das mal so rum gesehen? Wir haben für uns entdeckt, dass es sicher ein Versäumnis war, dass wir seit Saisonstart zu wenig darüber gesprochen haben. Wir sind da gerade sehr intensiv dran, den Bedürfnissen der Leute nahezukommen.

Und wie überzeugen Sie die eigenen Mitarbeiter?

Miteinander reden, das machen wir mehr als früher. Wir sind zwar auf den ersten Blick hierarchisch aufgestellt mit zwei Geschäftsführern. Aber jeder ist aufgefordert, sich einzubringen. Wir sprechen mit den Leuten, wollen dem ein oder anderen die Skepsis nehmen. Man muss es vorleben, aber das braucht auch Zeit, das ist ein Prozess. Der aber ist alternativlos.

Herr Preetz, am Sonntag sind Wahlen. Angenommen eine Regierungskoalition würde sie zum Bausenator machen. Welchen Ort in Berlin würden Sie gerne verändern?

(lacht) Sie meinen also, als Bausenator könnte man das Olympiastadion in ein reines Fußballstadion umbauen? Ich lass mir das bis zu den nächsten Wahlen durch den Kopf gehen, ob ich mit so einer Forderung Chancen hätte, gewählt zu werden.

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