Von seiner Wohnung im sechsten Stock eines Hauses, wohin er zum Gespräch geladen hat, kann Tom Segev den Sperrwall am Rande Ost-Jerusalems sehen. Der Historiker selbst lebt im Westen, in einer der ruhigsten Ecken der Stadt unweit des King-David-Hotels. Der Park vor seinem Haus ist einer der wenigen Orte, in dem sich – in entspannteren Zeiten – sowohl Palästinenser als auch religiöse Juden aufhalten.
Herr Segev, Sie sind in Jerusalem geboren und haben die meiste Zeit hier gelebt. Was macht die Stadt für Sie aus?
Ich mochte Jerusalem früher viel mehr. Es ist eine ziemlich unerträgliche Stadt geworden. Durch Jerusalem zieht sich eine Linie von Angst, Hass und nationaler Verschiedenheit. Viele junge Israelis ziehen weg nach Tel Aviv. Viele national gesinnte Juden wohnen demonstrativ in arabischen Vierteln. Die Stadt wird immer religiöser. Sie verlangt allen dauernd ab, Bezug auf den Konflikt zu nehmen.
Premier Benjamin Netanjahu spricht davon, Palästinensern die Residenzerlaubnis zu entziehen.
In diesem Fall gibt es ein Grundgesetz, dass dieser Idee entgegensteht. Man müsste es erst ändern, um Arabern in Jerusalem das Residenzrecht zu entziehen. Aber seine Idee zeigt, dass das „geeinte Jerusalem“, das man gerne feiert, ein nationaler Mythos ist.
Inzwischen redet man über eine dritte Intifada. Hat die nicht bereits nach dem Scheitern der Friedensinitiative von John Kerry im April 2014 begonnen?
Ob es eine dritte Intifada ist, weiß ich nicht. Der Messerterror kommt ja nicht von einer Organisation. Manche dieser Angreifer handeln aus Verzweiflung oder religiösem Fanatismus, den es auch auf unserer Seite gibt. Der liebe Gott spielt keine gute Rolle in diesem Konflikt.
Hat der jetzige Ausbruch nicht auch damit zu tun, dass Palästinenser nicht gleichberechtigt in diesem Land leben?
Richtig. Trotzdem ist es ein Konflikt, der schon lange andauert. Nehmen wir den Tempelberg: In den vergangenen fünfzig Jahren hat man versucht, den Streit darum zu managen, ab und zu ist er explodiert. So wie jetzt wegen der unnötigen Provokationen national-religiöser Siedler, die dorthin gehen, um zu beten. Auch wenn wir das vermeiden, bleibt der Konflikt ungelöst.
Bricht die Gewalt nicht auch deshalb los, weil es keinerlei diplomatischen Horizont gibt, keine Perspektive für eine Verbesserung?
Auch der Friedensprozess, den es zuvor gab, war in Wahrheit keiner. Netanjahu hat zwar einmal gesagt, dass er für eine Zwei-Staaten-Lösung ist, aber es nicht so gemeint. Vor fünfzig Jahren hätte ich gesagt, bis 2015 Frieden haben wir Frieden. Heute denke ich, ein Friedensabkommen ist unmöglich.
Fehlt die Kompromissbereitschaft?
Und zwar auf beiden Seiten. In diesem Konflikt geht es nicht nur um Land und Wasser und Sicherheit. Es geht um Identität, weil beide Völker sich über dasselbe Land definieren. Man bräuchte also einen Kompromiss mit der eigenen Identität, die nicht mal klar umrissen ist. Wir streiten dauernd darüber, wer ist Jude, wer ist Israeli. Auch die Palästinenser sind zwischen Fatah und Hamas zerstritten. Unsere Identitäten sind nicht klar kristallisiert. Das macht es so schwer, einen Kompromiss zu finden.
Bleibt also nur noch der binationale Staat, in dem es dann so zugeht wie jetzt in Jerusalem?
Natürlich macht mir ein binationaler Staat Angst, zumal er wahrscheinlich nicht demokratisch wäre. Die Situation in den arabischen Teilen in Jerusalem ist ja noch viel schlechter als die der ärmsten Juden hier. Seit fast fünfzig Jahren sind diese Unterschiede verewigt. Will man die Stadt vereinigt haben, hätte man aus nationalem Interesse das Lebensniveau zwischen West- und Ostteil angleichen müssen. Historisch gesehen halte ich die Eroberung von Ost-Jerusalem 1967 für den größten Fehler. Mit der Annexion hat man beschlossen hat, dass kein Frieden entstehen kann. Wir können Ost-Jerusalem nicht zurückgeben und die Palästinenser können das niemals akzeptieren.
Wäre alles anders gekommen, hätte Premier Yitzhak Rabin 1995 den Mordanschlag überlebt?
Das kann man nicht wissen. Er ist ermordet worden, bevor klar war, wohin die Osloer Verträge führen. Ich glaube, dass das Attentat die jetzige Situation nicht erzeugt, sondern widergespiegelt hat. Wir sind eine gespaltene Gesellschaft. Das Attentat war ein Ausdruck dieser inneren Konflikte.
Warum werden die national-religiösen Kräfte immer stärker?
Weil die Israelis, auch im linken Flügel, nicht mehr an Frieden mit den Palästinensern glauben. Die Gesellschaft ist sehr weit nach rechts gedriftet. Die größte Gefahr für Israel ist nicht die Messerintifada, nicht einmal Iran. Ich fürchte um die innere Demokratie. Sie war nie so schwach wie heute. Die Menschen fühlen sich umso mehr gebunden an die jüdische Religion. Es ist die Suche nach geistigen Inhalten, die das säkulare Israel nicht mehr zu bieten imstande ist. Die Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten wie Rabin und David Ben-Gurion ist groß. Die Erklärung dafür heißt Benjamin Netanjahu.
Das Gespräch führte Inge Günther.
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