Interview mit Joshua Landis

„Der Syrien-Konflikt ist Teil einer Neuordnung“

Die erste Runde der Genfer Friedensgespräche für Syrien endete vor Tagen ergebnislos, am Montag soll die zweite Runde starten. Joshua Landis, Syrien-Experte aus den USA, hat auch für die keine Hoffnung. Im Interview erklärt er, warum er nicht mit Kompromissen rechnet.

BLZ
5 Min
Am Freitag konnten erste Gruppen von Zivilisten belagerte Stadtviertel von Homs endlich verlassen.

Am Freitag konnten erste Gruppen von Zivilisten belagerte Stadtviertel von Homs endlich verlassen.

© dpa Lizenz

In Syrien haben am Freitag die ersten Zivilisten belagerte Stadtviertel von Homs verlassen. Spätestens an diesem Sonnabend sollen die in der Altstadt eingeschlossenen Menschen Lieferungen von Lebensmitteln und anderem täglichen Bedarf erhalten. Eine Einigung zwischen der syrischen Regierung und der Uno hatte die Hilfsaktion ermöglicht. Seit Freitagmorgen ist eine dreitägige Waffenruhe in Kraft.

In Genf soll ab Montag die zweite Runde der Genfer Friedensgespräche für Syrien beginnen. Die erste war Ende Januar ohne Ergebnisse zu Ende gegangen. Der US-amerikanische Syrien-Experte Joshua Landis ist skeptisch. Es werde keine Kompromisse geben, glaubt er.

Herr Landis, falls die Genfer Syrien-Konferenz fortgesetzt wird, welcher Minimalkonsens könnte bestenfalls erreicht werden?

Es gab zu Beginn der ersten Runde eine Menge Leute, die hofften, dass in Genf eine Art Handel geschlossen werden kann. US-Präsident Obama gehört dazu genauso wie Assad. Sein Regime hatte für einen Deal auch einiges getan: in die Zerstörung seiner Chemiewaffen eingewilligt, eine Waffenruhe für Homs wie auch für Aleppo angeboten. Aber dann erklärte Außenminister Kerry in seiner Eröffnungsrede in Genf, nur weil Assad noch an der Macht sei, würden sich Terroristen in Syrien tummeln. Im Grunde erklärte er damit wieder, dass die Amerikaner für einen Regimewechsel stehen – und keinen Deal mit Assad wollen. Assad und die Regimevertreter waren schockiert.

Warum hat Kerry das so gesagt?

Er hatte keine andere Option: Die einzige Partei, die in Genf wirklich Verhandlungsmacht besitzt, ist das syrische Regime. Die oppositionelle Nationale Koalition hingegen repräsentiert niemanden in Syrien, schon gar nicht die bewaffneten Gruppen und kann damit gar keinen tragfähigen Handel eingehen. Wenn aber Kerry mit Assad aushandeln würde, dass die Belagerung von Rakka beendet wird und die Bombardements aufhören, würde er dem Regimechef wieder Legitimität als Staatsmann verleihen – und die Saudis, Kataris, Kuweitis, Türken und die syrische Opposition gegen sich aufbringen. Das aber sind alles Amerikas Verbündete, von denen keiner einen Deal will.

Also bleibt nur, dass Assad zurücktritt. Aber ist es nicht unlogisch, Assad als unerbittlichen Diktator zu bezeichnen und zugleich zu erwarten, dass er einfach sagt: Na dann geh’ ich halt?

Ja, das ist nicht logisch und es ist auch völlig unwahrscheinlich, dass Assad abdankt. Die US-Regierung weiß das und sie rechnet auch gar nicht damit.

Weshalb findet diese Konferenz dann überhaupt statt?

Mit ihrer Einberufung wird vorgetäuscht, dass etwas getan wird. Die USA reagierten damit auch auf den Wunsch der Europäer, die das Flüchtlingsproblem fürchten.

Es gibt das Gerücht, dass die USA den Iranern eine Normalisierung der Beziehungen anbieten würden, wenn sie Assad fallen ließen.

Niemals. Die USA werden dem Iran mehr Geld zugänglich machen, aber strikt bei ihren Forderungen im Atomstreit bleiben. Allerdings: Mehr Geld für den Iran bedeutet auch mehr Geld für Assad, der sich damit länger halten kann. Aber auch die Iraner würden sich auf eine solche Forderung nicht einlassen.

Warum?

Ihre Ideologie basiert darauf, dass sie sich als Schutzmacht der schiitischen Glaubensgemeinschaft verstehe. Sie werden die Schiiten und damit Assad in Syrien oder die schiitische Hisbollah in Libanon nicht verkaufen. Vergleichbar ist das vielleicht mit dem Anspruch der USA, Garant der Demokratie zu sein und sie zu verteidigen, wo immer sie in der Welt gefährdet ist, oder wo Leute für sie kämpfen. Wir alle, Iraner wie Amerikaner und Europäer, sind in gewisser Weise Gefangene unserer grundlegenden Überzeugungen.

Hätte man die Entwicklung beeinflussen können, wenn der Westen der Opposition früher und vor allem mit Waffen zu Hilfe geeilt wäre?

Es hätte die Balance vielleicht etwas verschoben, aber an der Gesamtsituation kaum etwas verändert. Denn in diesem Krieg geht es nicht nur um Assad. Der Konflikt ist Teil einer Neuordnung der ethnischen Zusammensetzung im Land, wie sie schon im Irak stattfand.

Wieso Neuordnung?

Der Erste Weltkrieg war der Krieg, in dem Imperien zerstört wurden. Danach wurden im Nahen und Mittleren Osten neue Grenzlinien gezogen und neue Staaten entstanden. Jetzt folgt quasi deren Vollendung. Etwas Ähnliches ist auch in Osteuropa passiert. Auf der Pariser Friedenskonferenz im Januar 1919 waren aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches 17 neue Staaten kreiert worden, mit jeweils einem bunten Gemisch aus Völkerschaften. Im und nach dem 2. Weltkrieg wurde diese Zusammensetzung revidiert, die Europäer sortierten ihre Bevölkerung neu. Es fand eine ethnische Bereinigung statt, es entstanden zumeist quasi ethnisch solide Staaten. Diesen Prozess der Nationenbildung kann man jetzt in fast allen Staaten der Levante ( Bezeichnung für den Libanon, Syrien, Jordanien, Palästina) beobachten, die ein multiethnisches, multikonfessionelles Patchwork sind.

Assads Sturz wäre auch das Ende des letzten multiethnischen multireligiösen Staates in der Region. Wären noch andere Staaten betroffen?

Ja, auch der Libanon würde davon erfasst. Die Machtbalance dort wird bereits verändert durch die vielen sunnitischen Flüchtlinge aus Syrien. Die religiösen und konfessionellen Gruppen dort müssen entweder ihre Verfassung ändern – oder sie greifen wieder zu den Waffen. Wenn eine sunnitische Macht in Damaskus etabliert würde, wären auch der Irak und der Iran betroffen. Deshalb sind so viele Mächte in den Syrien-Krieg involviert: die sunnitisch dominierten Staaten Saudi-Arabien, Katar und Türkei sowie der schiitische Irak und Iran. Darüber redet sich leicht, doch diese Entwicklungen, diese Säuberungen, werden – nicht anders als in Jugoslawien – sehr blutig werden.

Das Gespräch führte M. Doering.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema