Ist die Rente sicher? Und vor allem: Wie kann sie es bleiben? Die Bundesregierung hat eine Rentenkommission eingesetzt, die über die Zukunft der Alterssicherung beraten soll. Der Rentenexperte Tim Köhler-Rama hält den Auftrag, den die Kommission erhalten hat, für zu kurz gegriffen. Er sieht das Rentensystem vor grundlegenden Weichenstellungen.
Herr Köhler-Rama, vor uns auf dem Tisch liegen 100 Euro. Wie wären die am sinnvollsten investiert: in die gesetzliche Rentenversicherung, in eine private Rentenversicherung – oder, weil das alles zu wenig einbringt – doch eher in ein paar Kästen Bier und Grillgut für eine Sommerparty mit Freunden?
Ich weiß, bei allem, was man an negativem Grundrauschen in der öffentlichen Debatte hört, klingt es komisch: Aber Ihr Geld ist in der Rentenversicherung gerade gut angelegt. Wir haben einen Beitragssatz, der mit 18,6 Prozent in der historischen Perspektive sehr niedrig ist. Und es wird in den kommenden Jahren ordentliche Rentenerhöhungen geben. Die Wirtschaft läuft gut, die Löhne steigen – und damit auch die Renten.
Viele in der jüngeren Generation haben den Eindruck, die Rentenversicherung sei für sie ein Fass ohne Boden. Sie müssen einzahlen, sind aber nicht sicher, ob sie noch einen vernünftigen Gegenwert rausbekommen. Haben diese Menschen mit ihrer Skepsis nicht recht?
Das sind Folgen einer jahrzehntelangen Propaganda der Versicherungswirtschaft, die ihre Produkte verkaufen möchte. Ende der 90er-Jahre hatte sie das Argument guter Zinsen auf ihrer Seite. Damals hat die Versicherungswirtschaft sich aus erkennbarem Eigeninteresse daran gemacht, die gesetzliche Rente systematisch schlechtzureden. Heute ist die Lage aber eine ganz andere: Wir haben ein schlechtes Zinsniveau. Und in der Finanzmarktkrise sind die Risiken privater Anlageprodukte mehr als deutlich geworden. Da steht die gesetzliche Rente im Vergleich wirklich ordentlich da.
Die Bundesregierung hat gerade eine Rentenkommission aus Koalitionspolitikern, Wissenschaftlern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern eingesetzt, die bis März 2020 Ideen für einen „verlässlichen Generationenvertrag“ in Zeiten des demografischen Wandels vorlegen soll. Ist so viel Zeit für die Analyse tatsächlich notwendig – oder nutzt die Politik nur die Chance, ein Problem vor sich herzuschieben?
Das Problem ist nicht, dass die Rentenkommission Zeit bekommt. Das Problem ist, dass ihr Auftrag zu eng definiert ist. Die Kommission soll nur überlegen, wie die Politik am besten an einigen Stellschrauben drehen kann, damit die Rechnung auch künftig noch aufgeht. Also: Wie viel Mindestrücklage braucht die Rentenversicherung? Wie hoch muss der Beitragssatz sein? Wie hoch soll das Rentenniveau sein, das nicht unterschritten werden soll? Das sind notwendige Überlegungen, aber sie greifen zu kurz.
Warum?
Wir sind an einem Punkt, an dem wir die Frage beantworten müssen, was unser Rentensystem leisten soll: Geht es allein darum, dass für eingezahlte Beiträge für den Einzelnen ein angemessener Gegenwert herauskommt? Ist die gesetzliche Rente also vor allem eine Art Sparkasse? Das wäre das eine Modell. Das andere wäre eines, in dem die Rente auch individuelle Risiken absichert, also beispielsweise einen Ausgleich schafft, wenn jemand lange arbeitslos oder in Ausbildung war. Da haben wir früher im Rentensystem mehr getan als heute. Dabei gibt es ja immer mehr gebrochene Erwerbsbiografien.
Geht nicht beides zusammen: also gute Renditen für den Einzelnen und eine faire Absicherung für die, wo es im Leben nicht so gut gelaufen ist?
Natürlich muss der Anspruch sein, beides hinzubekommen. Sozialen Ausgleich gibt es aber auch nicht umsonst. Wenn diejenigen mit kleinen Renten gestärkt werden sollen, müssen am Ende diejenigen mit höheren Renten auf einen Teil ihres Rentenanspruchs verzichten. So funktioniert Solidarität nun einmal.
Aber beruht die deutsche Rentenversicherung nicht auf dem Äquivalenzprinzip, also dem Grundsatz, dass jeder etwas für genau das zurückbekommt, was er eingezahlt hat?
Dieses Äquivalenzprinzip wird in der Debatte jedenfalls immer besonders hoch gehalten. Es handelt sich bei der gesetzlichen Rente aber eben auch um eine Versicherung. Und in eine Versicherung zahlt auch jeder etwas ein, um vor Risiken geschützt zu sein. Ein solches Risiko ist beispielsweise, wegen Invalidität oder Arbeitslosigkeit nicht genug für das Alter vorsorgen zu können. Dagegen abgesichert zu sein und dann trotz geringer Beitragszahlungen eine Rente zu bekommen, von der man leben kann, ist etwas, wovon alle profitieren. Das müssen dann aber auch alle bezahlen.
Die politische Debatte dreht sich in erster Linie darum, dass ein bestimmter Wert beim Rentenniveau nicht unterschritten werden soll, also nach dem aktuellen Rentenpaket von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) 48 Prozent bis 2025.
Ich halte es für grundfalsch, wenn die Debatte allein auf das Rentenniveau fixiert ist. Erst einmal muss man sich klarmachen, was das Rentenniveau eigentlich abbildet. Es ist, anders als viele denken, nicht der Prozentwert, den der einzelne Rentner im Ruhestand von seinem letzten Lohn bekommt. Das Rentenniveau errechnet sich modellhaft aus dem Verhältnis einer Rente nach 45 Beitragsjahren mit kontinuierlichem Durchschnittsverdienst zum aktuellen Durchschnittslohn derjenigen, die im Arbeitsleben stehen.
Genau. Es bildet ab, wie Rentner im Schnitt im Vergleich zu Erwerbstätigen dastehen. Was ist daran verkehrt?
Gar nichts. Man muss aber im Blick behalten, dass das Rentenniveau zunächst mal nur ein künstlich errechneter Wert ist. Dieser Wert sagt nichts darüber aus, wie viele Menschen tatsächlich 45 Beitragsjahre mit jeweiligem Durchschnittsverdienst haben. Das Rentenniveau sagt auch nichts darüber aus, ob der Einzelne von seiner Rente leben kann. In der Debatte über das Rentenniveau wird zudem oft übersehen, dass es in vergangenen Jahren viele Kürzungen von Rentenleistungen gab, die sich aber nicht im mathematischen Berechnungswert des Rentenniveaus niedergeschlagen haben.
Zum Beispiel?
Die verminderte Anerkennung von Ausbildungszeiten wirkt sich nicht negativ auf das Rentenniveau aus. Denn, wie bereits gesagt, das Rentenniveau dreht sich nun einmal allein um den, der 45 Beitragsjahre hat. Genau dasselbe gilt für die Tatsache, dass heute für Arbeitslose in der Rentenversicherung weniger getan wird als früher. Die Politik hat hier unsoziale Entscheidungen getroffen, die das Altersarmutsrisiko der Betroffenen zwar erhöhen, zugleich aber keinen Einfluss auf das Rentenniveau gehabt haben.
Andere Rentenexperten rücken den demografischen Wandel viel stärker in den Vordergrund. Die Menschen werden älter, absehbar müssen weniger Arbeitnehmer die Bezüge für immer mehr Rentner aufbringen. Haben Sie eine Zauberformel, wie sich die Probleme dadurch verflüchtigen?
Nein. Natürlich habe ich keine Zauberformel. Aber niemand sollte unterschätzen, dass Steigerungen der Produktivität neue Spielräume ermöglichen. Wenn immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Wohlstand erarbeiten, dann können sie es sich auch leisten, davon etwas an die ältere Generation weiterzugeben. Ein etwas höherer Rentenbeitrag ist verkraftbar, wenn es auch höhere Löhne gibt. Der Staat muss natürlich über den Steuerzuschuss auch seinen Anteil leisten.
Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, ein Mitglied der Rentenkommission, warnt, wenn die Politik nicht umsteuere, könnte statt heute 19 Prozent bis 2045 ein Mehrwertsteuersatz von 27 Prozent nötig sein – nur damit der Staat genug zur Rente zuschießen kann
Solche Zahlen sind Panikmache. Der Taschenspielertrick, mit dem hier Aufsehen erregt wird, ist, alles, was potenziell an Geld fehlt, auf ein einziges Instrument umzulegen, in diesem Fall die Mehrwertsteuer. Dabei gibt es ja beispielsweise auch noch die Möglichkeiten, den Versichertenkreis zu erweitern, also Beamte und Selbstständige in das Rentensystem einzubeziehen. Außerdem könnte man die Beitragsbasis erweitern, also auch höhere Einkommen und andere Einkommensarten zur Beitragspflicht heranziehen. Schließlich wird auch der Beitragssatz etwas steigen und möglicherweise wird es auch noch mal zu einer weiteren Anhebung des Renteneintrittsalters kommen.
Es ist also davon auszugehen, dass die Rentenpolitik in der Praxis immer unterschiedliche Mittel nutzt.
So ist es. Wenn man mit einem seriösen Maßnahmen-Mix rechnet, gibt es nicht so spektakuläre Zahlen.
Das Thema Renteneintrittsalter gehen Sie eher defensiv an. Die Menschen werden nun einmal immer älter – was ja erfreulich ist. Ist es da nicht geradezu zwangsläufig, dass sie dann auch länger arbeiten müssen, um ein gutes Auskommen im Alter zu haben?
Langfristig muss man das Renteneintrittsalter ab einem bestimmten Punkt wohl noch mal anheben. Bevor man solche Schritte unternimmt, ist es aus meiner Sicht aber zwingend, Invalidität und Krankheit deutlich besser abzusichern als jetzt. Die Menschen werden zwar älter, aber viele schaffen es eben nicht, über das Alter von 60 Jahren hinaus zu arbeiten. Statistiken belegen: Die Lebenserwartung von Menschen mit hoher beruflicher Belastung und geringem Einkommen steigt kaum noch an, die von Gutverdienern schon. Die Idee unseres Rentensystems kann ja aber nicht sein, dass dauerhaft von den schwer arbeitenden Geringverdienern hin zu den Gutverdienern mit relativ guten Arbeitsbedingungen umverteilt wird. Das wäre zutiefst ungerecht.
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