Interview mit Uwe Krupp

„Wir wollten mal was anderes probieren“

Der Eisbären-Trainer erklärt, wie in einem Team gute Chemie entsteht.

Karin Bühler
8 Min
Ein Laborant bei der Arbeit: Uwe Krupp will die Eisbären weiterentwickeln.

Ein Laborant bei der Arbeit: Uwe Krupp will die Eisbären weiterentwickeln.

© imago/Eduard Bopp

Herr Krupp, welches war Ihr Lieblingsfach in der Schule? Chemie?

Sport! Das ist so der Stereotyp, aber das war das Fach, bei dem ich am meisten Spaß hatte. Bei mir hing das viel mit dem Lehrer zusammen. Sport war einfach, da war es mir egal, wer der Lehrer ist. Chemie fiel mir schwer, genauso Mathematik und Physik. Was mir leichter fiel, waren Sprachen.

Chemie wurde bei den Eisbären zuletzt oft erwähnt. Von Ihnen, Darin Olver, Nick Petersen und Daniel Fischbuch. Sie sagten, ebenso wie die drei Stürmer, in der neuen ersten Reihe stimmt die Chemie. Was meinen Sie damit?

Da geht es darum, dass die Spieler untereinander ein gewisses Spielverständnis haben. Ein guter Spieler hat immer wieder etwas, das er instinktiv macht, wenn er Eishockey spielt. Wenn du Spieler hast, die sich gut ergänzen, bemerkst du dieses instinktive Spiel, bei dem nicht überlegt wird, wer sich gerade in welcher Rolle befindet, sondern einfach gespielt wird. Wenn das gut funktioniert, spricht man von guter Chemie, ähnlich wie in einer Beziehung, wenn du jemanden triffst und das Gefühl hast, mit dem ist es leicht, eine Unterhaltung zu führen. Manchmal lernst du jemanden kennen und hast das Gefühl: Ooh, das ist zäh, da wird der Ball nicht hin- und hergeworfen. Diese Prinzipien kann man zugrunde legen, wenn man im Mannschaftssport von guter Chemie spricht.


Zur Person

Eiszeit in Berlin: Uwe Krupp ist seit Dezember 2014 Eisbären-Cheftrainer. Unter Krupp belegten die Eisbären 2014/15 den neunten Tabellenplatz nach der Hauptrunde, 2015/16 wurden sie Zweiter, scheiterten aber in der ersten Runde der Playoffs an den Kölner Haien, Krupps ehemaligem Klub. Vor wenigen Tagen verlängerten die Eisbären mit Krupp bis 2018.

Eiszeit anderswo: Als Spieler holte der Verteidiger Krupp mit seinem Kölner Stammverein zwei Deutsche Meisterschaften sowie 1996 – als erster Deutscher – und 2002 den Stanley-Cup, den Titel in der nordamerikanischen NHL.


Findet so eine neue Stürmerreihe wie aktuell die von Olver, Petersen und Fischbuch von selbst im Training zusammen? Oder ist es die Aufgabe des Trainers, die gute Chemie herzustellen?

Das läuft eigentlich so ab, dass du im Trainingslager immer mal andere Spieler miteinander spielen lässt. Wir wissen, dass ein Olver und ein Tallackson gut zusammen funktionieren. Wir wollten mal was anderes probieren. Unsere zwölf Stürmer sollen in unterschiedlichen Rollen einsetzbar sein. Zuerst ist es ein Experimentieren mit Reihenkombinationen. Oft spielt der Mittelstürmer eine wichtige Rolle. Olver, Petersen und Fischbuch waren recht früh zusammen.

Merken zuerst die Spieler oder merkt es zuerst der Trainer, ob das Zusammenspiel klappt?

Wir sehen das schon von oben. Du siehst, wenn die sich im Training finden. Wie sie die Übungen zusammen machen. Wir legen ja meistens auf eine Spielsituation den Fokus, die mit einem offensiven Thema zu tun hat. Und wenn die Spieler in diesen zehn, fünfzehn Sekunden der Übung harmonieren, sagst du: Das sieht gut aus. Bei den Dreien gab es nicht viele Situationen, die wir korrigieren mussten. Sicher gibt es auch Elemente, wo ich eher Kyle Wilson, André Rankel, Barry Tallackson, Julian Talbot, Jamie MacQueen oder Spencer Machacek auf dem Eis haben möchte.

In der Chemie werden Bindungen gebildet oder gebrochen. Ist die zwischen Olver und Tallackson, die fast wie Zwillinge waren, gebrochen, weil Tallackson jetzt mit Wilson und Rankel spielt?

Olver und Tallackson könnten die nächsten drei Monate nicht zusammen spielen, sie haben so eine enge Bindung als Spieler, sie kennen sich so gut, auch privat, die finden sofort wieder zusammen.

Ist es wichtig, dass sich die Spieler einer Reihe auch privat verstehen?

Es macht die Sache immer unkomplizierter, meistens ist das auch der Fall. Wenn es auf dem Eis gut funktioniert, haben die auch was zu bequatschen.

Ist bei der Zusammenstellung der Reihen wichtig, ob jemand Links- oder Rechtshänder ist?

Ja, das war ein Element, bei dem wir gespannt waren, ob es funktioniert: Nick Petersen rechts außen, Daniel Fischbuch als rechts spielender Spieler auf der linken Seite. Es gibt Spieler, die machen das sehr gut. Da kommt es darauf an, wie du die Scheiben bekommst. Wenn du einen Mittelstürmer hast, der dich gut anspielt, so, wie du die Scheibe haben willst – und da sind wir wieder bei der funktionierenden Chemie – kannst du damit gut umgehen. Wenn du aber jemanden hast, der dir die Scheibe so spielt, dass du immer in Bedrängnis kommst, brauchst du einen anderen Mittelstürmer.

"Mein Job als Trainer ist, dass jeder seine Rolle versteht, die er hat."

Haben die Neuen im Training gezeigt, was Sie sich vorgestellt haben?

Zum größten Teil schon. Das Wichtigste ist, dass du Spieler hast, die eine gewisse Vielseitigkeit haben. Mein Job als Trainer ist, dass jeder seine Rolle versteht, die er hat. Und weiß, was sein Job ist. Wenn er den Job macht, bekommt er Eiszeit und spielt.

Haben die Spieler der ersten Reihe, der Paradereihe, ein anderes Selbstverständnis als die aus der dritten oder vierten Reihe?

Ich glaube, die Paradereihe ist so ein bisschen verjährt. Das war früher so, als es einen klaren Leistungsunterschied gab. Wenn du heute in der DEL mitspielen willst, musst du eine ausgeglichene Formation haben. Im Idealfall kann deine vierte Reihe gegen die erste Reihe des Gegners spielen. Im Idealfall brauchst du dich gar nicht danach zu richten, sondern schickst einfach deine Jungs aufs Eis. Es geht darum, dass sie erholt sind und sowohl in der Offensive als auch in der Defensive verantwortlich spielen.

Wie sagen Sie den Spielern, wer wann aufs Eis soll?

Marián (Bazány, der Assistenztrainer, d. Red.) schickt die Verteidiger aufs Eis. Die müssen in der Lage sein, mit jeder Stürmerreihe zu spielen. Die trainieren auch so. Früher gab es diese Blockformation, wo zwei Verteidiger und drei Stürmer zusammen gespielt haben wie ein Uhrwerk. Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren geändert. Mittlerweile spielen viele Mannschaften nur mit sechs Verteidigern, haben aber vier Sturmreihen. Wenn der Schiedsrichter die Scheibe einwirft, habe ich drei Stürmer auf dem Eis. Kurz darauf sage ich schon den nächsten drei Stürmern, dass sie an der Reihe sind.

Sie rufen deren Namen?

Ja, zum Beispiel: Darin, Fischi, Nick. Im Idealfall wissen sie 25 Sekunden, bevor sie aufs Eis gehen, dass sie dran sind. Dann schaut der Spieler, anstatt sich das Spiel anzuschauen, auf seinen Wechselpartner. Der Mittelstürmer auf den Mittelstürmer, der Rechtsaußen auf den Rechtsaußen. Sie können nicht die Scheibe verfolgen. Besonders im zweiten Drittel sind die Wechsel sehr lang, weil die Bank auf der anderen Seite des Feldes ist. Das heißt, im zweiten Drittel müssen die Wechsel sehr gut sein. Du kannst nicht alle Spieler auf einmal wechseln. Es muss immer einer auf dem Eis bleiben, der guckt, was die gegnerische Mannschaft macht, damit es keinen schnellen Gegenangriff gibt.

Sie rufen also: Darin, Fischi, Nick. Trotzdem stürmen nicht alle gleichzeitig aufs Eis?

Meistens bleibt der Außenstürmer, der am weitesten weg ist von der Spielerbank, am längsten auf dem Eis. Die neuen Spieler füllen die Eisfläche. Da muss die Kommunikation stimmen. Da rufen sich die Spieler zu: bleib, bleib, bleib. Deswegen ist ein scheibenspielender Torwart, wie zum Beispiel Nationaltorwart Timo Pielmeier aus Ingolstadt, sehr gut. Er kann den schnellen Gegenangriff starten. Er wartet nicht, bis der Verteidiger sich die Scheibe von ihm ablegen lässt, sondern passt selber.

Wie Manuel Neuer?

Genau. In der NHL kann jeder Torwart die Scheibe spielen. Bei uns ist es nicht die Norm. Die meisten europäischen Torhüter sind, auch aufgrund der Größe der Eisfläche, nicht ganz so geschult in diesem Bereich.

Ist es in Spielen wie heute Abend gegen den Meister EHC München von Vorteil, dass die Eisbären andere Reihen haben als in der Vorsaison?

Ich glaube, eine Mannschaft wie München wird sich nicht so darauf konzentrieren, was wir machen. Sie sind darauf ausgelegt, ihr Spiel zu machen. München ist eine laufstarke Mannschaft, technisch versiert, in jeder Position sehr stark besetzt.

Was erwarten Sie heute nach den sechs Punkten zum Saisonauftakt?

Von 52 Spielen sind jetzt zwei gespielt, wobei ich mit den Ergebnissen natürlich zufrieden bin. Es gibt sicherlich Aspekte in unserem Spiel, die wir zu hundert Prozent verbessern müssen. Die Entwicklung der Mannschaft steht im Vordergrund.

Die Münchner hatten kurzzeitig auch einen Neuen beim Training: den kanadischen Popsänger Justin Bieber. Ist so eine Abwechslung gut für die Chemie im Team?

Justin Bieber ist ja dafür bekannt, dass er Eishockeyfan ist und selbst ein bisschen spielen kann. Es ist eine gute Sidestory fürs Eishockey. Demnächst kommt ja Nickelback nach Berlin. Die Kanadier, die sind alle eishockeyverrückt.

Und Sie würden sich freuen, wenn die Musiker von Nickelback bei den Eisbären trainieren würden?

Ich glaube, die ganze Mannschaft würde sich freuen. Das wäre eine nette Abwechslung.

Das Gespräch führte Karin Bühler.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema