Die Aktion der BR Volleys zum Auftakt des Playoff-Halbfinales um die Deutsche Meisterschaft heißt: „Pappe für den Nachwuchs“. Vor der ersten Partie gegen die United Volleys aus Frankfurt (Sonnabend, 18.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle) können die Zuschauer Altpapier gegen Eintrittskarten tauschen. Der Titelsponsor spendet pro Kilo Pappe einen Euro für die Nachwuchsarbeit des Klubs. Volleys-Manager Kaweh Niroomand hat seinen Papierstapel schon abgegeben – und sich zwischen dem Champions-League-Erfolg am Mittwoch gegen Dynamo Moskau und dem ersten Best-of-three-Duell mit Frankfurt Zeit genommen, das neue Konzept der Volleys zur Nachwuchsförderung zu erläutern.
Herr Niroomand, nach Spielen wie dem 3:2 gegen Moskau wachen Sie nachts auf, weil Sie so aufgewühlt sind. Woran denken Sie da?
An konkrete Ballwechsel. Was hätte man anders machen können? Wie hat der einzelne Spieler gespielt? Ich mag ja die Sportart. Es ist ja nicht so, dass ich da nur so ein Geschäftsführer-Verhältnis zum Volleyball habe.
Haben Sie Donnerstagnacht an Ruben Schott gedacht? Mit 22 ist er einer der jüngsten im Team, kommt aus der eigenen Jugend und hat voll überzeugt.
Natürlich habe ich an Ruben gedacht. Er hat super gespielt in allen Belangen. Darüber freue ich mich. Ich hatte mich sehr geärgert, dass er lange Zeit keine Spieleinsätze bekam. Am Mittwoch hat er so gespielt, als machte er das schon seit zwanzig Jahren. Er spielt bei einem der besten europäischen Klubs. Ich habe ihn hier mit reingenommen, als keiner so richtig an ihn geglaubt hat. Ich habe ihn behalten, ihm einen langen Vertrag gegeben, als auch keiner so richtig an ihn geglaubt hat. Ich habe ihn extra ein Jahr lang abgegeben, damit er Praxis sammelt. Und ich habe sehr darauf gehofft, dass er mehr Spielanteile bekommt.
Er hatte anfangs ja auch einige sehr wackelige Spiele.
Er hat gebraucht. Die Mannschaft unterstützt ihn sehr. Der Plan für die Zukunft ist, dass wir in der Ausbildung selber eine Lösung schaffen für diese jungen Leute, die in Übergangsjahren sind. Deshalb haben wir das Thema Basisarbeit mit neuen Trainern und einer neuen Konzeption angepackt.
Hatte Ihr Verein Nachholbedarf?
Ja, absolut. Wir haben in den ersten Nachwendejahren viel in die Jugend investiert. Nicht umsonst sind viele Nationalspieler daraus hervorgegangen. Zuletzt haben wir uns einseitig auf die Herausforderungen, die wir mit der ersten Mannschaft hatten, konzentriert und das Thema Jugend vernachlässigt.
Sie haben die Nachwuchsarbeit auf die Agenda der Volleys geschrieben.
Wir haben sie in den Blickpunkt gerückt. Erste Erfolge sind da. Innerhalb eines Jahres sind 50 Jugendliche mehr in unserer Abteilung. Aber es geht nicht um die SCC-Jugend, es geht um den Berliner Nachwuchs. Dazu gehört, dass man mit anderen Vereinen kooperiert. Dass diese blöden Feindschaften, die ich aus vielen Jahren Berliner Volleyballgemeinde kenne, aufhören.
Übernehmen Sie da nicht Verbandsaufgaben?
Bedauerlicherweise ja. Scheinbar sind weder der Berliner Verband noch der Dachverband in der Lage, das zu machen. Daher habe ich unseren Leuten gesagt: Wir haben eine Idee, die setzen wir um.
Zum Beispiel?
Wir machen die Talentsichtung in den Jugendklassen zwischen zehn und sechzehn Jahren selber. Wir begleiten die Zwischenstufen zum Erwachsensein – mit Olympiastützpunkt und sportbetonten Schulen.
Sie haben Trainerstellen geschaffen?
Wir haben den hauptamtlichen Trainer ausgetauscht und Trainerstellen auf Honorarbasis erweitert. Wir haben einen Jugendwart eingesetzt und eine Administrationsstelle als Hilfe für den Cheftrainer Jugend eingeführt, der sich um das Verwaltungstechnische kümmert. Wir suchen noch einen Sportlichen Leiter für die Jugend, der die Förderung und Kombination zwischen VC Olympia, sportbetonten Schulen, Olympiastützpunkt und unserer Nachwuchsarbeit koordiniert.
Das, was sonst Verbandstrainer tun?
Wir suchen einen, der sicherstellt, dass die Talente Schulplätze kriegen. Wir wollen dafür sorgen, dass sie medizinisch, athletisch und ernährungstechnisch gut begleitet werden – per Gesundheitsmakler.
Trainer kosten Geld, auch in der Geschäftsstelle der Volleys haben Sie Leute mit der Nachwuchsförderung betraut. Wie viel Prozent Ihres Zwei-Millionen-Etats geben Sie für die Nachwuchsförderung aus?
Etwa 20 Prozent.
Weil Sie hoffen, so später viele Profis wie Ruben Schott zu kriegen?
Ich stelle mir vor, dass wir eine Masse schaffen und Volleyball an der Basis verbreitern. Alba mit seinen mehr als 1 000 Jugendlichen ist da ein Vorbild. Wenn man 1 000 mit den Familienangehörigen multipliziert und mal sechs nimmt, sind das 6 000 Menschen, die direkt Bindung zum Verein haben. Was den Übergang von der Jugend in die erste Mannschaft angeht, sind die Füchse das Vorbild: es zu schaffen, alle zwei, drei Jahre ein Talent hochzuziehen.
Wie alt sind die Talente dann?
Beim Volleyball ist es aufgrund der Spielstruktur so, dass es ein Zwanzigjähriger kaum schafft. Im Fußball geht das, im Handball vielleicht auch. Für dieses nächste Loch, das wir füllen müssen, ist die Idee: Wenn wir die Leute nicht irgendwo parken, engagieren wir im Verein einen extra Trainer, der sich ausschließlich um deren technische Fortbildung kümmert. Wir haben mit den beiden Zwanzigjährigen Max Auste und Egor Bogachev sowie mit Ruben drei talentierte Leute. Wenn die nur bei den Erwachsenen mitlaufen, bleibt ihre Technikausbildung auf der Strecke.
Auste und Bogachev spielen doch beim VC Olympia.
Jetzt nicht mehr. Für uns ist der VCO Fluch und Segen zugleich. Segen, weil viele Talente aus Deutschland nach Berlin kommen und über Jahre gemeinsam gefördert werden. Fluch, weil wir für mehrere Jahre die Kontrolle über unsere Talente verlieren. Da müssen wir besser zusammenarbeiten.
Weshalb?
Weil es einen Interessenkonflikt gibt zwischen der individuellen Entwicklung des Spielers und den Erfolgen des VCO. Der will nicht jeden Samstag verprügelt werden. Ich würde mir wünschen, dass Egor Bogachev oder Max Auste im Sommer nicht mit Lehrgängen zugeschachtelt werden, sondern dass man ihre Regeneration sicherstellt und langfristig ihre Verletzungsanfälligkeit mindert. Natürlich geht es bei Kadersportlern auch um EM- oder WM-Qualifikationen. Aber die Talente müssen Zeiten haben, in denen sie sich um sich selber kümmern können. Wettkämpfe kommen später noch früh genug.
Das Gespräch führte Karin Bühler.
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