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Interview: Schauspieler Max Riemelt und das Klischee des „weinerlichen Ostmanns“

Der 42 Jahre alte Charakterdarsteller über Zaubertricks, die Kraft der Improvisation und seine Rolle im Ensemblefilm „Etwas ganz Besonderes“.

10 Min
Max Riemelt bei der Premiere des Kinofilms „Etwas ganz Besonderes“ bei den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin

Max Riemelt bei der Premiere des Kinofilms „Etwas ganz Besonderes“ bei den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin

© Nicole Kubelka7Imago

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Max Riemelt gilt als einer der versiertesten Schauspieler seiner Zeit, obwohl der gebürtige Berliner nie eine Schauspielschule besucht hat. Wie gut er ist, beweist er nun einmal mehr im Ensemblefilm „Etwas ganz Besonderes“, der am 9. Juli in die Kinos kommt.

Herr Riemelt, die Regisseurin des Films „Etwas ganz Besonderes“, Eva Trobisch, ist nur ein halbes Jahr älter als Sie. Hat das Einfluss auf die gemeinsame Arbeit, wenn man in etwa gleich alt ist?

Alter ist relativ. Es war jetzt schon häufiger der Fall, dass ich sogar älter war als diejenigen, in deren Film ich mitgespielt habe. Ich bringe dann aber natürlich auch ganz andere Erfahrungen mit. Wichtiger als das Alter ist die Vision, die jemand mitbringt – und wie gut man die vermittelt bekommt.

Haben Sie die Vision von Anfang an verstanden?

Ja, absolut. Eva schreibt ja auch selber – Autorenkino –, das ist sowieso noch mal eine andere Nummer. Aber sie kann auch wirklich gut kommunizieren, was sie sich wünscht, was sie sich vorstellt. Und: Sie ist offen für Experimente.

Experimente welcher Art?

In dem Sinne, dass es viele Wege gibt, Sachen zu erzählen, und dass man gut damit beraten ist, wenn man erst mal sammelt und dann am Schneidetisch entscheidet, wie die Geschichte erzählt werden soll. Wir haben die Kamera manchmal einfach weiterlaufen lassen, um drinzubleiben in der Energie, und dadurch unterschiedliche Farben, unterschiedliche Aggregatzustände aufgenommen. Einfach, um sicherzugehen, dass wir alles mitnehmen. Eva hat tolle Mittel und Wege gefunden, die Menschen am Set miteinander zu verbinden.

Zur Person

Max Riemelt wurde am 7. Januar 1984 in Berlin-Mitte geboren und zählt zu den profiliertesten deutschen Schauspielern seiner Generation. Bereits als Kind übernahm er erste Fernsehrollen; Ende der 90er-Jahre feierte er mit der Jugendfilmreihe „Die wilden Hühner“ und dem Fernsehfilm „Der Bär ist los“ erste Erfolge.

Seinen Durchbruch als ernsthafter Charakterdarsteller schaffte er mit Filmen wie „Napola – Elite für den Führer“, „Freier Fall“ und „Im Angesicht des Verbrechens“. Internationale Bekanntheit erlangte er durch die Netflix-Produktion „Sense8“ der Regisseurinnen Lana Wachowski und Lilly Wachowski. Riemelt gilt als wandlungsfähiger Darsteller, der sowohl in historischen Stoffen als auch in Krimis, Dramen und internationalen Produktionen überzeugt.

Inwiefern?

Beim Casting hat sie mir zum Beispiel die Anleitung zu einem Zaubertrick gegeben, den ich meiner Spielpartnerin erklären musste. Durch diesen Prozess, bei dem du denken und vermitteln musst, kommt man einander viel näher, als wenn man „nur“ spielt, und hat dadurch beim Spielen bereits eine Grundverbindung, die viel tiefer ist, als wenn man lediglich seine Texte gelernt und aufgesagt hätte.

Diese Herangehensweise kannten Sie demnach von anderen Regisseuren nicht.

Nein, nicht so. Es gibt natürlich Leute, die dich improvisieren lassen oder intensive Gespräche mit dir führen, um herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben. Aber Eva hat es ziemlich schlau angestellt. Wenn sie mir eine Aufgabe gibt, guckt sie natürlich auch darauf, wie ich reagiere, und registriert die entsprechenden Zeichen, die darauf hindeuten, ob man miteinander kann oder nicht; wie offen man ist und wie sehr man vertraut.

Riemelt wird beim Verlassen des Sets zur Netflix-Serie „Sense8“ von Fans erwartet.

Riemelt wird beim Verlassen des Sets zur Netflix-Serie „Sense8“ von Fans erwartet.

© Salvatore Laporta/Imago

Ich stelle es mir schwierig vor, wie Eva Trobisch den Schauspielern die Vision ihres Films begreiflich gemacht hat, bevor es losging, weil der Film so schwer zu greifen ist.

Selbst wenn man ein gutes Buch hat, weiß man am Ende nie, wie der Film wird und wirken soll. Alle bringen ja eine eigene Energie mit, erzeugen dadurch eine Dynamik, das ist immer ein großes Experiment.

Wie sah dieses Experiment bei „Etwas ganz Besonderes“ konkret aus?

In der Vorbereitungszeit haben wir viel am Drehort geprobt, aber nicht konkrete Szenen, sondern wir haben miteinander gespielt, indem wir uns gemeinsam Geheimnisse ausgedacht haben, die wiederum kein anderer wissen durfte – noch nicht mal Eva. Dadurch hat das Ganze eine Dichte erhalten. Die Authentizität, die man beim Film wahrnimmt, hat damit zu tun, dass jeder Einzelne von uns schon eine Verbindung zu den anderen hatte. Die musste nicht erst künstlich hergestellt werden. Ich glaube, das sieht man auch. Das transportiert sich. Und das ist das Fundament dieses Films. Das macht es so echt.

Eva Trobisch hat gesagt, dass sie es am schwierigsten fand, den Schauspieler für Ihre Figur zu finden, dass Sie ihr am Ende durch Ihr Spiel aber imponiert hätten. Wie ist Ihnen das gelungen?

Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie der „Ostmann“ im Film häufig dargestellt wird: oft ein bisschen schwach, weinerlich und selbstmitleidig – gerade wenn dann so viele Frauen auf ihn einprasseln wie in „Etwas ganz Besonderes“. Ich hingegen hatte eine gewisse Form von Resilienz. Mich hat das nicht wahnsinnig tangiert, wenn ich beleidigt wurde – und das mochte sie: dass ich meine Figur als jemanden gespielt habe, der das aushält, der das gewohnt ist und das auch nicht groß kommentiert. Ich hatte mir dazu im Vorfeld gar keinen großen Kopf gemacht. Das ist tatsächlich Teil meines Wesens, dass ich belastbarer bin, selten etwas persönlich und mich selbst nicht so ernst nehme. Am schlimmsten finde ich ja immer, wenn man als Schauspieler versucht, im Gesicht darzustellen, wie es einem vermeintlich geht. Nichts ist langweiliger als dieses 1:1-Spiel.

Wie meinen Sie das?

Wir alle lügen doch tagtäglich darüber, wie es uns geht und was in uns vorgeht. Aber erst das Spiel damit, das ist das Interessante.

Demnach haben Sie auch einen großen Teil Ihrer Persönlichkeit in die Figur mit reingebracht, zumindest die Facetten, die zur Rolle gepasst haben.

Das mache ich immer so. Das ist meine größte Waffe. Ich habe ja nie Schauspiel studiert, habe daher keine Technik gelernt. Alle meine Rollen gingen über Vertrauen und mein Verständnis davon, wie ich in der jeweiligen Situation reagieren würde. Manchmal muss man sich zwar auch verbiegen, weil man zum Beispiel eine andere Sprache hat, aber eigentlich versuche ich immer, das so organisch wie möglich rüberzubringen. Ich versuche, eine emotionale Brücke zu bauen, über die die Zuschauenden dann spazieren können.

In „Die Welle“ mit Jürgen Vogel, 2008

In „Die Welle“ mit Jürgen Vogel, 2008

© Capitol Pictures/Imago

In „Mädchen, Mädchen“ mit Nadja Petri, 2001

In „Mädchen, Mädchen“ mit Nadja Petri, 2001

© United Archives/Imago

Eine der zentralen Fragen des Films lautet: „Wer bist du und was macht dich aus?“ Wie würden Sie diese Frage beantworten?

Puh. Ich würde sagen, dass ich mich immer wieder gerne auf neue Sachen einlasse und Abwechslung brauche. Ich könnte keinen Bürojob machen, in dem ich immer die gleichen Leute und gleichen Menschen um mich habe. Ich mag temporäre Abenteuer. Gleichzeitig bin ich ein totaler Familienmensch. Ich brauche den Spiegel: Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, die mir ehrlich sagen, wer ich bin. Wo es nicht so abstrakt wird. Wenn man gewisse Sachen miteinander erlebt, vielleicht sogar einen Alltag hat, ist das das Ultimative; das, wo ich mich wohl und geborgen fühle. Das braucht jeder Mensch, glaube ich. Ich habe auch ein Verantwortungsgefühl für meine Familie: dass man versucht, die zusammenzuhalten und trotzdem genug Abstand zueinander hält; dass man sich Zeit füreinander nimmt, aber nicht krampfhaft versucht, alles zu kontrollieren; nicht alles so zu machen, wie man es selbst am liebsten hätte, sondern auch Rücksicht auf die anderen nimmt.

Gleichzeitig ist die erwähnte Frage eine, die Sie sich mit jeder neuen Rolle hinsichtlich Ihrer Figur stellen müssen. Wie gehen Sie dieses Annähern an Ihre Figuren in der Regel an?

Erst einmal muss man verstehen, in was für einem Format man sich eigentlich befindet. Der Rahmen ist total wichtig. Meistens geht es nicht darum, so vielschichtig zu sein wie in unserem Film. In unserem Film werden mehr Fragen gestellt als beantwortet, und das mag manche Leute ein wenig unbefriedigt zurücklassen. Ich mag das aber viel mehr, wenn man ein bisschen nachdenken muss. Ich nähere mich meinen Figuren oft, indem ich viele Dokus gucke, wenn es um Themenbereiche geht, in denen ich mich noch nicht so gut auskenne. Ich versuche immer, einen Menschen zu zeichnen und nicht nur ein Klischee zu erfüllen. Ich bin kein Techniker, ich kann nicht gut imitieren, aber ich kann emotionale Brücken bauen, indem ich durchlässig bin und mich öffne. Den Rahmen dafür schaffen, damit ich da reinpasse, müssen andere.

Max Riemelt in der Fernsehserie „Zwei allein“ im Jahr 1998

Max Riemelt in der Fernsehserie „Zwei allein“ im Jahr 1998

© United Archives/Imago

Gab es mal Phasen, in denen Sie dieses „Wer bin ich?“ verloren haben? Weil Sie ja mehr sind als „nur“ Sie selbst.

Wir sind alle mehr als nur einer oder eine. Wir Menschen sind wie chemische Elemente: Je nachdem, aus welchem Element mein Gegenüber besteht, reagiere ich anders. Da kommen unterschiedliche Seiten hervor. Manche stoßen sich ab, andere ziehen sich an, manchmal ist das auch schlicht tagesformabhängig. Insofern kann man nie genau sagen, wer oder wie man ist. Und man weiß ja: Nichts ist beständiger als die Veränderung, das gilt für innen und für außen.

Welchen Einfluss hat diese Erkenntnis für Sie als Schauspieler?

Ich habe die Erfahrung gemacht: Erst wenn ich aufgrund meines Erfahrungsschatzes nicht immer vorauszuahnen versuche, was wohl als Nächstes passiert, kann ich auch Dinge erleben, die darüber hinausgehen. Ich hatte viele Begegnungen mit tollen Leuten, die mir mehr gezeigt haben als das, was ich schon wusste. Und so möchte ich gerne weiterleben.

Eva Trobisch kam auf die Idee zum Film, nachdem sie eine Castingshow gesehen hatte. In einem Interview zum Film hat sie darüber gesagt: „Man findet statt. Man kann sich selbst sehen, man wird gesehen. Und das scheint ein universelles, tiefes Bedürfnis zu sein.“ Ist das auch ein Grund, warum Sie sich für die Schauspielerei entschieden haben?

Unterbewusst ist da ein Verlangen, sich zu verbinden. Ich war letztens bei einem HipHop-Konzert von Smif-N-Wessun, und da kam wieder ganz viel in mir hoch: aus meiner Jugend, wie ich aufgewachsen bin – der Soundtrack meines Lebens, quasi. Da habe ich wieder gemerkt: Es geht nicht darum, besser dazustehen, sondern sich wie einen großen Organismus zu begreifen und eine andere Sprache zu finden als das Verbale. Denn Gefühle kannst du mit Worten einfach nicht so gut ausdrücken – da sind Filme, Musik und Ähnliches viel besser geeignet. Das ist die Verbindung, die ich suche. Die Rapper bei dem Konzert waren ähnlich: Die waren ganz offen und zugänglich, waren überhaupt nicht abgehoben. Die haben das Prinzip verstanden, dass das Leben zu kurz ist für so eine Angst. Anthony Hopkins hat mal gesagt: „Lampenfieber ist nur ein Ausdruck von Eitelkeit.“ Weil man Angst hat, von Menschen nicht gemocht oder verstanden zu werden, nicht gut genug auszusehen – und damit bleibt man nicht bei sich selbst. Das ist eine verpasste Chance. Man sollte sein Leben schließlich leben, nicht erleiden.

Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

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