Interview zur Entwicklungshilfe

„Es ist eine Menge Unfug passiert“

Die Ärmsten der Armen zu unterstützen, stellt Entwicklungshilfe oft vor schwierige Heraiusforderungen und Probleme. Entwicklungshelfer-Chefprüfer Helmut Asche spricht im Interview über alte Fehler und neue Ideen bei der Unterstützung der Ärmsten der Welt.

Timot Szent-Ivanyi
8 Min
Will die Politik zu mehr Engagement in der Entwicklungshilfe animieren: Helmut Asche.

Will die Politik zu mehr Engagement in der Entwicklungshilfe animieren: Helmut Asche.

© deval/Martin Langhorst Lizenz

Herr Asche, die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo fordert, die Entwicklungshilfe einzustellen. Sie sei süßes Gift, weil sie Eigeninitiative lähme und damit die Menschen in Armut halte, sagen Moyo und andere Ökonomen. Ist das die Bilanz von 50 Jahren Entwicklungshilfe?

In dieser Einseitigkeit halte ich die These für falsch. Richtig ist sicherlich, dass der wirtschaftliche Boom, den wir seit 15 Jahren in vielen asiatischen, lateinamerikanischen und auch afrikanischen Staaten erleben, nur sehr bedingt das Produkt von Entwicklungszusammenarbeit ist. Daraus folgt aber nicht, dass die Hilfe nutzlos war oder es ohne Hilfe schneller gegangen wäre. Den Beweis haben Kronzeugen wie Moyo nie angetreten.


Helmut Asche ist seit über 30 Jahren bei den Grünen. Entwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP machte den Soziologen und Volkswirt im November 2012 zum ersten Chef des staatlichen Instituts, das die deutsche Entwicklungshilfe auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen soll.

Der 62-Jährige war selbst lange als Entwicklungshelfer tätig. Von 1986 bis 1998 arbeitete er im Auftrag der früheren Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) als Regierungsberater in Burkina Faso, Ruanda und Kenia. Später lehrte er als Hochschullehrer für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Afrika an der Universität Leipzig.


Richtig ist doch aber, dass viel Unsinn gemacht wurde. Da wurden Maschinen geliefert, die niemand bedienen kann. Oder es wurden Brunnen gebohrt und am Ende versteppten dort die Landschaften, weil die Hirten sesshaft werden.

Keine Frage, es ist eine Menge Unfug passiert, auch richtig teurer. Dass Fehler passieren, ist aber bei einer solch komplexen Aufgabe legitim. Problematisch ist, dass wir bisher keinen gesicherten und ungetrübten Überblick darüber haben, welche Ansätze gut funktionieren, welche nicht und unter welchen Bedingungen. Aus Fehlern wird nicht gelernt, wenn wir die Fehler gar nicht richtig erkennen oder sie nicht offen aussprechen können. Das abzustellen ist die Rolle von unabhängiger Evaluierung.

Es heißt doch aber immer, die Entwicklungshilfe sei das am meisten überprüfte Politikfeld.

Das stimmt vielleicht, wenn man die Zahl der Evaluierungen nimmt. Es kommt aber auf die Qualität und die unabhängige Bewertung an. Mir ist schon vor Jahren ein Phänomen aufgefallen, das ich das „Eherne Gesetz des Entwicklungserfolges“ genannt habe: Bei allen Hilfsorganisationen, die Erfolgsziffern zusammenzählen, egal ob national oder supranational, ob staatlich oder nichtstaatlich, sind zwischen zwei Drittel und drei Viertel aller Projekte erfolgreich. Diese Quoten haben sich über die Jahre nicht verändert, egal ob in der Krise oder im wirtschaftlichen Aufschwung. Das ist unplausibel. Offensichtlich ist alles, was unter zwei Drittel liegt, ein politisches Problem, und alles deutlich über drei Viertel wäre wohl auch nicht glaubwürdig.

Wie bewertet man wissenschaftlich fundiert den Erfolg der Hilfe?

Wir brauchen zunächst einmal einen Ausgangspunkt, Baseline genannt. Hier fangen die Schwierigkeiten oft schon an. Denn eine richtige Bestandsaufnahme zu Beginn wird noch zu selten gemacht. Sie ist aber erforderlich, um später Fortschritte zu messen. Dann benötigen wir normalerweise einen ganzen Mix aus verschiedenen statistischen und anderen Prüfmethoden, um herauszufinden, was die Hilfe tatsächlich bewirkt hat.

Bei Medikamententests wird das so gemacht: Eine Gruppe bekommt das neue Arzneimittel, andere erhalten Placebos. Eine Reihe von Ökonomen hält das für das einzig wahre Mittel einer sinnvollen Begutachtung auch in der Entwicklungspolitik.

Das ist ein Irrglaube. Diese Methoden sind wichtig, aber man kann das aus der Medizin nicht eins zu eins übernehmen. Unsere erste Evaluierung, die wir jetzt abschließen, beschäftigt sich mit dem Aufbau des Gesundheitssystems in Ruanda. Es gibt dort keine Gegend, in der es in den letzten drei Jahrzehnten nicht irgendein ähnliches Hilfsprojekt gab. Wir haben also keine richtige Vergleichsgruppe mit Placebos. Und selbst wenn wir mit Vergleichsgruppen arbeiten können, wissen wir deswegen immer noch nicht, warum das bei der einen Gruppe funktioniert und bei der anderen versagt.

Warum haben Sie Ruanda als erste Begutachtung ausgewählt?

Die ruandische Regierung hat die Geberländer richtigerweise gebeten, sich auf bestimmte Themenfelder zu konzentrieren, um den Wildwuchs an Projekten einzudämmen. Daraufhin beschloss Deutschland, sich aus dem Bereich Gesundheit zurückzuziehen. Damit haben wir ein abgeschlossenes Kapitel einer 30-jährigen Zusammenarbeit, in der es eine enorme Vielfalt gab: deutsche Ärzte, Schwestern und Medizintechniker arbeiteten als Entwicklungshelfer dort, die Ausbildung und Aufklärung wurde gefördert. Schließlich haben deutsche Organisationen geholfen, für die gesamte Bevölkerung eine Krankenversicherung einzuführen, was früher in einem armen Entwicklungsland für unmöglich gehalten wurde.

War die deutsche Hilfe erfolgreich?

Ich will der Veröffentlichung unseres Berichts nicht vorgreifen. Aber so viel lässt sich sicherlich schon jetzt sagen: Die Arbeit mit den selbstbewussten ruandischen Partnern war nützlich. Man kann daraus eine Menge für andere Länder lernen, aber wir machen auch deutlich, wo sich die Deutschen strategischer oder koordinierter hätte aufstellen können.

Was können derartige Evaluierungen bewirken?

Im günstigen Fall ändern die Hilfsorganisationen oder die Regierungen hier wie dort ihr Vorgehen oder lernen schneller aus Erfolgen. Doch wir machen uns keine Illusionen. Entwicklungspolitik wird ebenso wenig wie Energie- oder Familienpolitik in erster Linie durch wissenschaftliche Gewissheiten bestimmt. Da geht es um Werte, Interessen unterschiedlicher Gruppen und um das Schmieden von Kompromissen.

In der Entwicklungspolitik hat es mit Dirk Niebel einen Strategiewechsel gegeben. Weg vom Hirseschüssel-Ministerium, das Almosen verteile, weg vom Helfer im Alpaka-Pullover, so hat das Niebel beschrieben. Sind Sie froh, dass die FDP nun weg ist?

Lassen wir Schüssel und Pullover mal im Schrank. Vieles von dem, was in den letzten vier Jahren passiert ist und was der Minister auf den Weg gebracht hat, geht in die richtige Richtung, etwa die Zusammenlegung von drei staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen zur neuen GIZ oder eben die Schaffung unseres Instituts als kleines Gegengewicht. Das gilt grundsätzlich auch für den Ansatz, die Privatwirtschaft noch stärker einzubinden. Vor 30 Jahren hätte ich das als Teufelszeug bekämpft. Aber inzwischen weiß auch ich, dass die Entwicklungshilfe für sich allein in Partnerländern vieles schafft, aber nicht gerade massenhaft Jobs.

Moment mal! Haben Sie da gerade eine Bankrotterklärung für die Entwicklungshilfe abgegeben?

Nein, nein. Entwicklungshilfe ist stark, wenn es um Gesundheit geht, um Bildung, auch um Demokratieförderung. Aber Industrieförderung war noch nie Schwerpunkt der westlichen Hilfe und die Förderung der Landwirtschaft erholt sich erst noch von einem absurden, jahrzehntelangen Niedergang. Die große Infrastrukturlücke haben die Entwicklungsbanken auch erst vor einigen Jahren wiederentdeckt. Deutsche Organisationen wie die GIZ sind traditionell stark in der Förderung gewerblicher Berufsausbildung, aber wenn das Gewerbe nicht im Tandem mit der Zahl der Abgänger wächst, haben unsere Partnerländer ein Problem. Wir müssen also die Realwirtschaft stärker fördern. Dafür benötigen wir als Partner die Privatwirtschaft, die dort investiert, und gerade in der Industrie auch die deutsche.

Trotz der durchwachsenen Bilanz will die Politik an dem Ziel festhalten, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für die Entwicklungshilfe auszugeben. Das ist fast doppelt so viel wie heute. Macht das Sinn?

Zunächst einmal zeigt es, wie wichtig eine Arbeit ist, wie sie nun auch unser Institut macht. Wenn die Ausgaben für die Entwicklungshilfe massiv steigen, muss der deutsche Steuerzahler besser als bisher erfahren, was mit dem Geld erreicht wird. Und das 0,7-Prozent-Ziel ist als abstrakte Größe politisch schwer vermittelbar. In keinem Politikfeld können sie mal eben die Verdoppelung des Etats fordern, ohne ziemlich genau zu sagen, was sie eigentlich damit bewirken wollen.

Bei Union und SPD reißt sich offenbar derzeit niemand um den Job des Entwicklungsministers. Was würden Sie als Minister tun?

Immerhin lesen wir, dass die deutsche Außenpolitik strategischer aufgestellt werden soll. Das sollte auch den Posten des Entwicklungsministers, der eine Menge entscheiden kann, noch attraktiver machen. Entwicklungsarbeit ist aber oft noch zu kleinteilig angelegt. Einige denken hier an eine Art von Entwicklungspakten, bei dem in Zusammenarbeit mit einem Partnerland ein Schwerpunkt, also zum Beispiel in der Bildung, in Gesundheit, Wasser oder Energie, von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen zusammen strategisch in Angriff genommen und flächendeckend gefördert wird.

Schwebt Ihnen etwas Konkretes vor?

Warum stellen wir uns nicht mit einem solchen Entwicklungspakt zum Beispiel im Kongo der UN-Truppe im ganzen Nord- oder Südkivu an die Seite? Oder: Etliche Länder mit mittlerem Einkommen haben fast unlösbare Probleme, ihre Hauptstädte auf eine lebensfähige Grundlage zu stellen. Das ist so, als ob Berlin wahlweise absäuft, austrocknet oder im Verkehrskollaps erstickt. Hier können wir Unterstützung geben. Dann ließe sich auch das 0,7-Prozent-Ziel gut begründen.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.

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